Heldentod in der Steckdose

Lieber Markus,

für uns verwöhnte mitteleuropäische Babyboomer sind Wasser und Strom ganz natürlich. Beide kommen immer und verlässlich aus Hahn oder Dose. Sind trinkbar im einen, und weder zu schwach noch zu stark im anderen Fall. Überschrift und Intro lassen Dich die nun nahende Kleinkatastrophe gewiss schon ahnen. Wenn der Strom zu schwach ist, geht das Licht aus. Soweit klar. Was aber passiert, wenn er zu stark ist, viel zu stark? Wird das Licht dann heller? Nicht ganz.

Es war ein paar Minuten nach Zwölf, als mich Hilda, unsere Haushälterin, anrief. Ich hatte gleich ein schlechtes Gefühl. Wann immer sie sich außer der Reihe meldete, gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder es stand irgend jemand vor dem Tor und wollte irgendwas. Oder es fehlte eine wichtige Zutat fürs Kochen. Dieses Mal war der Grund leider Möglichkeit Nummer drei: Sir, sagte sie, wir haben ein Problem. Es hätte einen Stromstoß gegeben, im Wohnzimmer sei Feuer ausgebrochen und ich solle doch bitte schnell mal nachhause kommen.

Als ich eintraf, war die Aufmerksamkeit bereits beträchtlich. Wie schon in der Social-Web Geschichte beschrieben, sprechen sich hier Ereignisse enorm schnell herum. Der Wächter hatte schon seinen Vorgesetzten alarmiert, und auch die Wächter aus den anderen Häusern ringsherum waren wieder mit von der Partie. Mittendrin Hilda, mit auf den Rücken gesatteltem Kleinkind, die gerade dabei war, alles haarklein zu schildern. „Poofff“ hätte es gemacht, und zwar zweimal, einmal im Stromstabilisator in der Küche in der Küche und einmal in dem im Wohnzimmer. Von einer Stichflamme war die Rede, und im Sicherungskasten hätte es auch seltsam geknattert.

Weil die ghanaischen Elektrizitätswerke, abgekürzt ECG, das mit den 220 Volt nicht immer so genau hinbekommen, schaltet man hier vor empfindliche Geräte, wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Computer und Fernsehgeräte, so genannte Stromstabilisatoren. Das sind schuhschachtelgroße Kästen, die schwankende Stromspannungen korrigieren können. Leider funktioniert das aber nur in gewissen Grenzen. Wenn sich, wie in unserem Fall, durch herabhängende Zweige draußen in den Bäumen die Leitungen berühren, haut der dabei entstehende Strom auch den stärksten Stabilisator um.

Der eine Kasten war noch heiß, leicht gebräunt und stank fürchterlich. Der zweite hatte keine sicht- oder riechbaren Schäden, funktionierte aber auch nicht mehr. Den Strom wieder anzustellen, das traute ich mich nicht und wollte deshalb ECG antelefonieren. Die hilfreiche Menge riet mir jedoch, einfach gleich hinzufahren, weil die doch nicht kämen, wenn man nur anriefe. Also fuhr ich hin und lud zwei ECGler in mein Auto, die sich auf den Treppen vor ihrem Büro gerade auszuruhen schienen.

Die beiden besahen sich das Malheur und gaben dabei von Zeit zu Zeit jenes hier typische Missbilligungsschmatzen von sich, das sich wie unser „Ts, ts, ts“ anhört, nur dass wir es mit der Zungenspitze herstellen während die Ghanaer es eher hinten am Gaumen erzeugen. Jaja, die Bäume. Schmatz. Die müssten weg. Und dann die Kabel im Hauptsicherungskasten. Schmatzschmatz. Müsste man neu verdrahten.

Geschmatzt, getan, reparierten sie erst einmal die wirre Kabelei – mithilfe meines Werkzeugkastens – und versprachen demnächst wieder zu kommen, um die Bäume abzusägen. Ihre eigenen Werkzeuge, Schraubenzieher, Zangen und was man sonst noch als Elektriker braucht, seien auf Anweisung der Regierung gerade draußen „in the field“. Schmatzschmatzschmatz.

Danach machte ich mich daran, das gesamte Haus auf Schäden abzusuchen. Am Ende blickte ich auf eine stattliche Strecke: vier Klimaanlagen, eine Wasserpumpe, zwei Stabilisatoren und ein sogenannter Fridge Guard waren verschieden. Dieses, dem Bodyguard nicht unähnliche Ding, ist ein kleines Plastikkästchen, das sich bei Hochspannung selbstlos zwischen Steckdose und Kühlschrank wirft und dabei – wie nun geschehen – sein eigenes Leben aufs Spiel setzt.

Der bedauernswerte Guard war arg verkohlt und etwas angeschmolzen. Traurig betrachtete ich ihn. Er war doch noch so jung, gerade eineinhalb Jahre alt. Immerhin war sein Heldentod nicht vergebens gewesen. Unser nur mittelalter Bosch, eine Kühlgefrierkombination mit Frischezone aus den späten 90er Jahren, offenbar nur sehr entfernt verwandt mit dem Bosch aus der Süddeutschen Zeitung, schaute angestrengt in die andere Richtung und surrte, als sei nichts geschehen.

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