Der Duft von Waschmittel am Morgen

Heute wieder Murmeltiertag. Aufgewacht und gleich gewusst: Einer muss einkaufen gehen. Wer? Ganz einfach. Der um 7 Uhr noch nicht im Taxi Richtung Büro sitzt. Also ich. Warte den Morgenstau ab. 9.30 Uhr ist eine gute Zeit. Setze mich ins Auto. Katze brüllt durchs Fenster. Hat Hunger. Mir egal. Starte den Motor. Der Diesel knattert und stinkt. Katze rennt weg. Problem gelöst.

Auf die Straße, einer vor mir schläft, links antäuschen, dann rechts vorbei. Manche nennen es Einkaufen fahren. Ich nenne es Straßenkampf. Abdrängen, Rammen, keinen reinlassen. Jeder Zentimeter zählt. Der Feind, das sind die anderen, vor allem die Fahrer der Matatus, der Kleinbusse, die hier den öffentlichen Nahverkehr erledigen.

Das Motorengeheul, das Quietschen der Bremsen, das Hupen ist die Ouvertüre zur heutigen Shopokalypse: Supermarkt Nummer 1 hat gutes Gemüse, Nummer 2 hat totes Tier in guter Qualität und Nummer 3 hat den ganzen Rest. Nummer 4, der mit der guten Weinauswahl, wird wahrscheinlich erst 2023 gebaut werden.

In Nummer 1 reißt mir ein Verkäufer den Einkaufskorb aus der Hand. Als könnte ich den nicht selbst tragen. „Zwiebeln“, raunze ich, noch ganz im Streetfighter-Modus. Er klaubt aus einem Haufen die heraus, die er für gut hält. „Jetzt Zuchini“, sage ich. Wozu viele Worte machen. Zuchini hat er nicht. „Salat“ kommandiere ich. Salat gibt’s auch nicht. Kaufe Blattspinat. Sieht wenigstens ähnlich aus. Was Verzweiflung aus Menschen macht.

Wieder auf der Straße, Richtung Supermarkt Nummer 2. Träume davon, einmal, nur ein einziges Mal Panzer fahren zu dürfen. Mein Nachbar Ron hat letztens Taekwondo-Unterricht genommen. Habe ihn gefragt, warum. Sagte, er beschimpft jeden Morgen auf dem Weg ins Büro sehr wort- und gestenreich die Matatufahrer. Will kampfbereit sein, falls mal einer aussteigt.

Supermarkt Nummer 2, der mit den toten Tieren. Nichts Außergewöhnliches hier. Nur die Erinnerung an letztes Weihnachten. Wollte unter Palmen eine Gans auf dem Grill braten. War aber dann doch nicht mutig genug und dachte, ein Huhn ist einfacher. Fragte den Verkäufer nach Huhn. Er zeigte auf ein Riesentrumm. Sagte ich, das ist ein Truthahn. Sagte er, nein das ist ein Huhn. Ich: Truthahn. Er: Huhn. Truthahn. Huhn. Das ging eine Weile so. Dann kaufte ich das 4-Kilo-Monster.

Jetzt Richtung Supermarkt Nummer 3. Mit feuchten Augen erinnere ich mich an Einkäufe in Frankfurt. Zu Fuß vom Bäcker, zum Metzger, zum Bioladen, zum Zeitungsladen und wieder nachhause. Abends zu Fuß in die Kneipe, ins Kino, ins Theater. Zu Fuß! In Nairobi wird Auto gefahren, egal wie kurz die Strecke ist. Völlig außer Form, würde ich heute in Frankfurt irgendwo auf dem Weg zwischen Bäcker und Metzger zusammenbrechen. Mehrere kräftige junge Männer vom Bundesfreiwilligendienst dürften mich dann zur Wursttheke tragen. Und bekämen dafür jeder eine Scheibe Salami.

Supermarkt Nummer 3, der mit dem ganzen Rest. Hier hat der Manager irgendwo gelesen, dass Musik den Einkauf fördert. Normalerweise spielt er klassische Musik, wirkt angeblich verkaufsfördernd aufs Konsumentenhirn. Meist ist es Vivaldi, Mozart, vielleicht etwas Beethoven, auf jeden Fall leichte Kost.

Trete über die Schwelle, nehme einen Einkaufswagen. Merke gleich, heute ist hier etwas anders als sonst. Der Supermarkt-DJ hat das Programm gewechselt. Hat es eskaliert. Heute spielt er Wagners „Walkürenritt“. Hach, wie Bläser und Chor schmettern. Da wird der Gang durch die Regale zur Kavallerieattacke, und die Hand, die nach der Milchflasche greift, zur Schwerthand.

Schiebe den Wagen immer schneller. Plötzlich ist mein Haar blond. Wild weht es im Fahrtwind. Halte mit quietschenden Reifen vor der Kühltheke. Nehme Heldenpose ein, warte einen Moment, erhebe meine Hand. Verkäuferin schaut gelangweilt. Frage: „Gibt es heute Parmaschinken?“ Ja? Singe fast „zwanzig sehr dünne Scheiben, bitte“. Dann bricht die Musik ab. Es knackt im Lautsprecher. Eine Männerstimme räuspert sich. Odin? Die Stimme sagt: „Heute im Angebot: 2 kg Packung Omo.“ Walhalla muss doch noch warten.

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