Das Rätsel der verschwundenen Babysitter

Mr Sherlock Holmes
221B Baker Street
London

Verehrter Mr Holmes,

durch die Berichte Ihres Freundes und Kollegen Dr. Watson ist Ihr Verlangen nach intellektuellen Herausforderungen allgemein bekannt. Bisher war ich nur ein still genießender Konsument Ihrer Fälle, bot doch mein Leben keinerlei erwähnenswerte Mysterien. Nun aber hat sich innerhalb kürzester Zeit eine Reihe seltsamer Vorfälle zugetragen, die ich Ihnen gerne schildern möchte und hoffe dabei auf Ihr Interesse und ihre Hilfe bei der Lösung des Rätsels.

Was mir seit einigen Tagen keine Ruhe mehr lässt, begann mit einem der größten verbliebenen Abenteuer der Menschheit: der Suche nach einem Babysitter. Selbst bekanntlich kinderlos, wird es Sie gewiss überraschen, dass diese banal klingende Aufgabe den modernen Menschen vor eine geradezu existenzielle Herausforderung stellt. Dass ich nicht nur innert kürzester Frist in den Kontakt einiger vielversprechender Kandidatinnen gekommen war, sondern diesen meist auf mysteriöse Weise gleich wieder verloren habe, werte ich in diesem Zusammenhang als eine ganz und gar boshafte Ironie des Schicksals.

Wir, das heißt meine Frau und ich, wünschten uns nicht mehr, aber gewiss auch nicht weniger, als eine vertrauenswürdige, freundliche Person, die sich an ein paar Nachmittagen in der Woche um unsere Tochter kümmern sollte. Ich rechnete mit ein paar Telefonaten im Bekanntenkreis und den dann folgenden Bewerbungen enkelerfahrener Erziehungsveteranen oder wenigstens snapchattender Teenies. Als jedoch bald alle Freunde befragt und alle Empfehlungen sich in Nichts aufgelöst hatten, griff ich in meiner Not zur guten alten Kleinanzeige, derer auch Sie, Mr Holmes, sich einst gerne bedient haben.

Anders als zur Zeit Ihrer Erschaffung, wenn ich so sagen darf, werden Anzeigen heute online aufgegeben, ebendort auch gelesen und beantwortet, ein Umstand, der mir im Zusammenhang mit meinem Fall berichtenswert erscheint. Die Konversationen, die sich mithilfe dieser „Online“-Medien entspinnen, folgen – Sie werden es gleich sehen – ganz eigenen Regeln, die wenig mit jener gepflegten Kommunikation zu tun hat, derer Sie sich zu Ihrer Zeit befleißigten.

Ich annoncierte also unseren Wunsch, baldmöglichst Unterstützung bei der Betreuung unserer Tochter zu erhalten, und wartete gespannt. Zunächst tröpfelten die Antworten auf mein Ansinnen eher zögerlich. Doch schon bald schwollen die Nachrichten, die ich erhielt, zu einem steten Strom an. Was so vielversprechend begann, war, wie Sie gleich bemerken werden, doch nicht mehr als ein trügerisches Strohfeuer. Denn angesichts des gewählten Stils der Nachrichten, die ich erhielt, schienen die wenigsten ihrer Urheber auch nur einen Wimpernschlag lang für die ihnen zugedachte Aufgabe geeignet zu sein.

Was, Mr Holmes, sollte ich beispielsweise von jener Person halten, die sich mit den dürren Worten „Ich hätte Lust, LG“ bei mir bewarb? Würden Sie Ihr Kind jemandem überlassen, der sich bei der Anbahnung einer auf tiefstem Vertrauen basierenden Beziehung weder die Zeit nahm, ein paar Worte über sich zu verlieren, geschweige denn einen Namen zu tippen oder wenigstens einen mehrsilbigen Gruß zu formulieren. Nicht einmal eine aus Plastik modellierte Zimmerpflanze würde ich in solcher Hände Obhut geben!

Weswegen ich mich heute an Sie wende, Mr Holmes, war jedoch nicht die Ausdrucksweise vieler Bewerberinnen, sondern das meist abrupte Ende meiner Unterhaltungen mit Ihnen. Mehrere hattten zunächst nachdrücklich ihr Interesse bekundet und waren dann – plötzlich und für immer – verstummt, ohne dass ich einen Grund dafür hätte erkennen können. Damit Sie sich selbst ein Bild machen können, möchte ich Ihnen eine kurze Mail-Konversation, die sich – bei meiner Ehre! – Wort für Wort so zugetragen hat, ungekürzt als Basis für Ihre Nachforschungen zur Verfügung stellen:

Die Babysitterin, 19.02 Uhr
Einen wunderschönen guten Abend,
ist die Betreuung denn schon vergeben oder suchen Sie noch jemanden?
Liebe Grüsse XX

Ich, 20.10 Uhr
Einen wunderschönen Abend zurück, Frau XX,
nein, die Betreuung ist noch zu haben. An welchen Tagen könnten Sie
denn? Wohnen Sie in Kronberg oder in der Nähe?
Viele Grüße
Michael Hasenpusch

Die Babysitterin, 20.17 Uhr
Wir wohnen in Oberursel, ich bin selbst Mami (…). Ich bin zeitlich relativ flexibel, da ich meinen Mann und die Oma an meiner Seite habe:)
Für mich wäre nur wichtig, wie viele Tage es in der Woche wären, da in der Anzeige steht, dass es auch gerne mehr wären.
LG

Ich, 20:19 Uhr
Zunächst einmal wären zwei Tage wichtig, da wir, meine Frau und ich, an
zwei Nachmittagen das bisher auch selbst übernommen haben und den
Freitag schon eine Freundin übernimmt. Am besten wäre es für uns,
jemanden für Montag und Mittwoch zu engagieren. Wie siehst es da bei
Ihnen aus?

Die Babysitterin, 20.22 Uhr
Das würde passen, wie wäre denn die Bezahlung, da mein Sohn unbedingt auf etwas einspart, daher muss Mama noch mehr arbeiten:)

Ich, 20.24 Uhr
Lassen Sie uns das am besten am Telefon besprechen. Könnten wir morgen
telefonieren? Wann würde es Ihnen passen?

Die Babysitterin, 20.25 Uhr
Ich bin auch jetzt erreichbar, wenn es ihnen passt.

Ich, 20.26 Uhr:
Warum nicht, schicken Sie mir Ihre Nummer, dann rufe ich an…

Ich wartete.

Wartete noch etwas länger

Stille.

Am folgenden Tag schrieb ich ihr noch einmal.

Hallo Frau XX,
haben Sie noch Interesse? Dann würde ich gerne telefonieren, bräuchte allerdings Ihre Nummer. Alternativ können Sie mich natürlich auch anrufen: 0XX-XXXXXXX.
Viele Grüße
Michael Hasenpusch

Frau XX meldete sich jedoch nicht mehr.

Nun frage ich Sie, Mr Holmes, was kann in den wenigen Minuten einer bis dahin recht solide klingenden Konversation geschehen, das eine Bewerberin auf gar nicht mal schlecht bezahlte Stelle unvermittelt verstummen lässt? So sehr ich meine Gedanken auch drehe und wende, es will mir kein plausibler Grund dafür einfallen.

Daher kann ich nicht anders, als Ihrem unsterblichen Bonmot zu folgen – „When you have eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth” – und anzunehmen, dass der Grund für das Verstummen dieser und anderer Aspirantinnen auf die Babysitterstelle nur in ihrem – selbstverständlich unfreiwilligen – Verschwinden liegen kann.

So schließe ich meinen Brief mit einem dringenden, ja, verzweifelten Appell an Sie, Mr Holmes: Legen Sie Geige und Spritze beiseite und helfen Sie mir und allen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden! Babysitter sind rar gesät. Davon können Ihnen Eltern rund um den Globus ein Liedchen singen, das in Länge, Lautstärke und Dramatik einer Wagner-Oper alle Ehre machen würde. Wie mir nun scheint, habe ich den wahren Grund dafür gefunden.

Die Fragen, die sich mir und sicherlich auch Ihnen aufdrängen, sind: Wohin verschwinden diese Menschen? Und wer hat ein Interesse daran? Mr Holmes, ich habe einen ungeheuren Verdacht: Ist am Ende das Mastermind hinter dieser feigen Tat Ihr Erzfeind, der Napoleon des Verbrechens, Professor Moriarty? Sollte der Professor möglicherweise einen solch promisken Lebensstil führen, dass er für seine vielköpfige, illegitime Nachkommenschaft ganzer Heerscharen von Babysittern bedarf?

In der Hoffnung, Sie für meinen Fall interessieren zu können, verbleibe ich mit nachdenklichen Grüßen.

Herzlichst Ihr

Michael Hasenpusch

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