Wo Ziegen fliegen

Riesen Staubfahne auf einer Piste aus festgebackenem Dreck. Winkende Kinder am Wegesrand. Fliehende Ziegen und glotzende Kühe. Erstaunt sehen wir, wie sich ein ziemlich dünner Weißer zu Fuß den Hang herauf schleppt, den wir gerade mit unserem Geländewagen hinunterrumpeln.

Das sei der ortsansässige italienische Missionar erläutert Bonifaz auf dem Beifahrersitz, der Einheimische, der uns den Weg zu einem großen Viehmarkt der Samburu zeigt.

Als der Mann an meinem Fenster vorbeikommt, rufe ich „buon giorno“ hinaus. Der Missionar lächelt. Vielleicht. Habe eigentlich keine Zeit darauf zu achten. Die nächste Bodenwelle grüßt krachend von unten. Jede Unaufmerksamkeit wird sich spätestens beim nächsten Werkstattbesuch rächen.

Zweimal im Monat ist Markttag in der kleinen Stadt, irgendwo im weiten Land der Samburu. Das wollen wir uns ansehen und mal einen Tag Pause vom anstrengenden Wandern zwischen Elefanten und Antilopen machen. Die Samburu sind Leute, die so ähnlich aussehen wie die etwas bekannteren Massai, sich so verhalten und auch so sprechen, nur halt alles ein kleines bisschen anders.

Wie anders, erschließt sich höchstens dem Experten, zum Beispiel dem Samburu selbst.
Bonifaz blättert während der Fahrt durch den deutschsprachigen Reiseführer, betrachtet das Bild auf dem Rückumschlag und sagt: „Also, das ist aber ein Massai-Krieger.“ Woran er das erkennt? Keine Ahnung. Bonifaz deutet auf den Kopfschmuck, die Ohrringe, ich achte auf die Schlaglöcher. Oder auch nicht. Rumms! Meine Mitfahrer juchzen, aber nicht vor Freude.

In der Nähe des Viehmarkts steigen wir aus. Ein Samburu-Krieger, gekleidet in ein rotes Tuch, den Kopf von einer Art Taschentuch bedeckt, im Gürtel ein zweischneidiges Schwert, begrüßt mich mit „Tschau“ und deutet geschäftig auf die Auslage zu seinen Füßen: eine kleine Herde Ziegen.

Weiter hinten stehen Lastwagen, auf denen sich die Tiere, die bereits den Besitzer gewechselt haben, dicht an dicht drängen. Die Männer, die die Lastwagen beladen, machen es sich einfach. Sie werfen die Ziegen in hohem Bogen über die Seitenwand auf die Ladefläche. Meckernd begleitet die dort bereits wartende Menge die holprige Landung der Neuankömmlinge in der Economy Class – und macht dann widerwillig Platz.

Natürlich erkenne ich das Tschau des Kriegers/Ziegenverkäufers nicht als solches, sondern glaube ein Samburu-Wort gehört zu haben, das zufälligerweise so ähnlich klingt. Als aber der nächste auch „Tschau“ sagt, und dann ein Dritter, frage ich Bonifaz, was denn das bedeuten solle. Das hieße „Hallo“ belehrt er mich – und „Auf Wiedersehen“, je nachdem.

Ich bin ja grundsätzlich immer an Sprachverwandschaften interessiert. Zum Beispiel gibt es in Kenia ein Gericht, das „Pilau“ heißt. Fasziniert erfuhr ich durch Wikipedia, dass dieser leckere Reiseintopf im Iran Polow, in der Türkei Pilaw, in Russland Plow und in Usbekistan Palov genannt wird. Warum also sollten sich die Samburus nicht ebenso lässig wie die Deutschen begrüßen, die das Tschau von den Italienern geklaut haben.

Zwei Samburu-Frauen mit kahlen Köpfen und flächigen Halsbändern aus kleinen, bunten Perlen, finden das zehnjährige Mädchen in unserer Reisegesellschaft total niedlich und schenken ihm ein Armband. Der ebenfalls mitreisende dreizehnjährige Junge möchte dringend ein Samburu-Schwert kaufen. Dieses Anliegen wird von den ebenfalls anwesenden Eltern, Tanten und Onkels offiziell sofort als zu teuer bewertet. Inoffiziell denken wahrscheinlich alle: ein langes, scharfes Messer in der Hand eines Teenagers? Um Gottes Willen!

Apropos Gott. Irgendwann viel später, als wir den Markt längst wieder verlassen haben und auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen fürs Mittagessen ein ausgetrocknetes Flussbett entlanggefahren sind, habe ich eine Erleuchtung. Das „Tschau“ heißt vermutlich „Ciao“ und wird dem italienischen Missionar zu verdanken sein, dem keuchenden Weißen, der zu Fuß den steilen Hang erklomm. Bonifaz bestätigt meine Theorie vollumfänglich und ergänzt: Die Geistlichen von südlich der Alpen hätten schon seit Jahrzehnten hier gewirkt. Deshalb sei auch er ein guter Katholik geworden.

Auch Ludwig Krapf, ein Missionar meines Heimatstammes, den Schwaben, zog vor über einhundertfünfzig Jahren durch Ostafrika und dokumentierte als erster schriftlich das Kisuaheli. Vielleicht wird es deshalb heutzutage hier so gerne gesprochen. Als Sprachforscher top, soll der Ludwig aus der Nähe von Tübingen im Missionieren nicht so erfolgreich gewesen sein. Darüber bin ich nicht ganz unglücklich. Nichts gegen den herzhaften Dialekt meiner Heimat. Aber die Vorstellung, dass mich die hochgewachsenen, schlanken Samburu-Krieger mit „Grüß Gott“ begrüßen…

Ein Glück: Dieser Mann spricht kein Schwäbisch.
Ein Glück: Dieser Mann spricht kein Schwäbisch.

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