Wen die Nachtigall stört

Lieber Michael,

Vor Kurzem haben auch wir hier gefeiert: den höchsten russischen Feiertag – „Tag des Sieges“ über Hitlerdeutschland. Da wurden Blumen für die Veteranen verteilt. Fürs Volk gab es eine große Militärparade mit T-34 Panzern und Atomraketen und ein spektakuläres Feuerwerk über dem Kreml im Megatonnenbereich. Wodka, Bier und Schaschlik gibt es sowieso jedes Wochenende.

Im Sommer werden fast jedes Wochenende Paraden abgehalten. Alles, was Uniformen trägt hat, seinen Feiertag und paradiert: Grenzschützer, Vaterlandsverteidiger, Marine und vermutlich auch Bahnschaffner und Briefträger. Berüchtigt sind die Fallschirmjäger, weil sie meistens in der Stadt soviel Schaden anrichten als hätte für die paar Stunden Bürgerkrieg geherrscht. An diesem Tag versteckt sich jeder, dessen Gesichtszüge irgendwie asiatisch, negroid oder kaukasisch aussehen. Denn mit genügend Wodka intus machen die Fallschirmjäger gerne Jagd auf Menschen mit „nichtrussischem Aussehen.“

In schlimmeren Fällen wie vor ein paar Jahren geschehen, hatten sie z. B. einen usbekischen Kleinbus samt Insassen auf den Kopf gestellt und angezündet. Wenn es glimpflich abgeht, wird man nur in einen der städtischen Brunnen geworfen oder verprügelt. In meinem ersten Jahr in Moskau war ich an diesem Tag auf dem „Platz des Sieges“ und wurde von einem betrunken Fallschirmjäger um eine Zigarette angehauen. Mit zwangsläufig schwerem deutschem Akzent antwortete ich, ich sei Nichtraucher. Seine Reaktion verstand ich nur teilweise. Ich konnte die Begriffe „dreckiger Nichtraucher“, „deutsches Faschistenschwein“ und ein paar typisch russische Mutterflüche identifizieren, die ich besser nicht übersetze, weil sogar die Freundin des Fallschrimjägers darüber rot wurde. Dem Gesichtsausdruck des Herrn nach zu urteilen hätte es auch nicht geholfen ihn mit einer Stange Zigaretten zu besänftigen, sodass ich mit einem ebenso hilflosen wie idiotischen „Spassiba bolschoi“ (Vielen Dank) schleunigst den Heimweg antrat. Seitdem vermeide ich am „Tag des Fallschirmjägers“ den Kontakt mit Uniformierten. Offenbar kocht da die Volksseele mit besonders hoher Temperatur.

Aber eigentlich hatte ich ja etwas anderes erzählen wollen. Denn seit einiger Zeit beeinflusst ein kleiner brauner Vogel meinen Tagesablauf und noch viel mehr meine Nachtruhe.

Ich habe im Lexikon nachgesehen, wo es heißt:

„Der Gesang der Nachtigall ist reich, wohltönend und laut und wird von Menschen als sehr angenehm und schön empfunden. Der Gesang ist überaus komplex und besteht aus Strophen dicht gereihter Einzel- oder Doppeltöne. Im zeitigen Frühjahr singen unverpaarte Nachtigallenmännchen ab elf Uhr nachts bis in den Morgen; der Nachtgesang dient wohl vor allem zur Anlockung einer Brutpartnerin und wird nach erfolgter Paarbildung eingestellt. Ab Mitte Mai singen daher meist nur noch unverpaarte Männchen nachts. Früher galt der Gesang der Nachtigall als schmerzlindernd und sollte dem Sterbenden einen sanften Tod und dem Kranken eine rasche Genesung bringen.“

Schmerzlindernd. Ha! Alles Blödsinn.

Meine Moskauer Nachtigall ist ein übellauniges, hyperaktives Exemplar, das sich feige im Blattwerk des Baumes direkt vor meinem Schlafzimmerfenster versteckt. Der Radau, den der Vogel macht ist, weniger wohltönend denn LAUT und wird von mir durchaus nicht als „angenehm und schön empfunden.“ Der Gesang meines Vogels ist auch nicht „komplex“ weil er jeweils nur eine einzige Strophe von immer demselben „Einzelton“ und demselben „Doppelton“ beherrscht.

Ich fürchte, dass es an ebendieser Talentarmut liegt, dass er seit zwei Wochen noch keine „Brutpartnerin“ gefunden hat. Dieser Dieter Bohlen unter den Singvögeln ist inzwischen so verzweifelt, dass er schon vor 21 Uhr anfängt zu tröten und erst am Nachmittag des darauffolgenden Tages aufhört. Oder besser gesagt – eine Verschnaufpause Pause einlegt.

Jaja, wirst Du sagen: „Der gute Markus ist wohl etwas lärmempfindlich.“

Lärmempfindlich? In Moskau? Wer in dieser Stadt lärmempfindlich ist, sollte entweder taub sein oder sofort wegziehen.

Ich habe mich mit der Zeit an den 24stündigen Verkehrslärm gewöhnt. Auch daran, dass die Müllabfuhr wegen der tagsüber verstopften Straßen drei Mal die Woche mit Getöse zwischen drei und vier Uhr morgens kommt.

Auch an die drei bellenden Hunde (zwei Dackel und ein Windhund) unserer japanischen Nachbarn über uns überhört man mit etwas Langmut. Das Rudel streunender Hunde, das kurz nach der Müllabfuhr hinter den Müllcontainern seine Revierstreitigkeiten austrägt, zähle ich gar nicht erst mit.

Sogar an die Motorradfahrer im Sommer gewöhnt man sich. Denn die elfspurige Straße, an der wir wohnen, die vom Weißen Haus stadtauswärts führt, hat einen etwa 15 Kilometer langen, geraden Abschnitt ohne Ampeln. Ungefähr zu der Zeit, wenn normale Nachtigallen anfangen zu singen, kommen die Motorradfahrer und nutzen die Gelegenheit im spärlichen Verkehr für ein paar Minuten auf 200 Km/h zu kommen. Die Geräuschkulisse gleicht der eines Fomel-1-Rennens.

Aber diese verdammte soziopathische Nachtigall ist einfach zu viel. Sie übertönt Hunde, Autos und Motorräder und durchdringt jedes Ohropax.

Wenigstens bin ich nicht allein mit meinem Problem. Denn Moskau erlebt offenbar in diesem Jahr eine echte Invasion von Nachtigallen. So viele, heißt es in den Zeitungen, gab es noch nie, und schon gar nicht in Stadtvierteln, wo es gar keine Bäume gibt. Ein Radiosender hat sogar seine Hörer dazu aufgerufen den Gesang ihrer Nachtigallen aufzunehmen und die schönsten Lieder zu senden.

Seit ich die anderen Nachtigallen im Radio gehört habe, tut mir mein Sänger beinahe leid. Denn er wird einsam bleiben – die anderen singen wirklich viel besser.

Tirili

Markus

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