Waschen, legen, stricken

Lieber Markus,

schon immer hat mich ein Unterschied zwischen Männern und Frauen besonders fasziniert: der Umgang mit den eigenen Haaren. Während mein Friseurbesuch in Deutschland gewöhnlich etwa 20 Minuten dauerte und 20 Euro kostete, konnte man bei Frauen gerne das Mehrfache veranschlagen. Aber das ist nur Kindergeburtstag verglichen mit dem, was sich auf den Frauenköpfen in Ghana abspielt.

Den ersten sachdienlichen Hinweis erhielt ich während eines Meetings, in dessen Verlauf sich meine ghanaische Kollegin Maria wahlweise mit der flachen Hand mittelkräftig auf den Schädel klopfte oder sich mit dem Bleistift die Kopfhaut massierte. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt absolut glattes, glänzendes, nackenlanges Haar, das nur dadurch auffiel, dass es eigenartig steif vom Hals ab stand.

Eine andere Kollegin, Abena, die bislang wie die ghanaische Liza Minelli ausgesehen hatte, verabschiedete sich eines Abends wie gewohnt. Am nächsten Morgen begrüßte mich eine Frau mit halbmeterlangen Dreadlocks und kunstvoll eingearbeiteten bunten Perlen. Zuerst wollte ich sie höflich nach ihrem Anliegen befragen, bis ich nach genauerem Hinsehen unter der Frisur Abena wieder erkannte. Charmant platzte ich heraus, was denn mit ihren Haaren passiert sei und erntete dafür glücklicherweise keinen beleidigten, sondern nur einen fragenden Blick.

Da dies eine exklusive Frauensache zu sein schien (zu den Männern komme ich später), zog ich eine dritte Kollegin, Cecilia, zu Rate. Sie war bisher weder durch eigenartiges Verhalten während Meetings aufgefallen, noch hatte sich ihre Frisur in auffällig rascher oder radikaler Weise geändert. Perücken seien das, antwortete sie mir, oder auch Kunsthaarverlängerungen, je nachdem. Nun frage ich Dich: Wer setzt sich bei 35 Grad im Schatten und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit freiwillig ein Ganztagesmütze aus Haaren auf? Kein Wunder, juckt das!

Das sehen die ghanaischen Frauen ganz anders. Erstens, meinte Cecilia, seien Perücken doch wirklich praktisch und würden deshalb besonders von erfolgreichen berufstätigen Frauen genutzt, denen für die ausführliche Haarpflege einfach die Zeit fehlt. Denn die Durchschnittsghanaerin geht laut Cecilia mindestens zweimal pro Woche für ein bis zwei Stunden zum Frisör. Du auch, fragte ich? Ich auch, antworte sie und gestand kichernd ein, etwa ein Viertel ihres Monatsgehalts für die Schönheitspflege auszugeben.

Zweitens, fuhr Cecilia fort, sei es doch eine tolle Sache, morgen völlig anders aussehen zu können, als heute. Dafür gehen die hiesigen Frauen deutlich weiter, als andere. Neben den Perücken gibt es noch zwei Formen von Kunsthaarverlängerung. Bei der einen werden die Extrahaare händisch angeknotet,  bei der anderen angenäht – oder angestrickt, so richtig habe ich das nicht verstanden. Eine weitere Standardprozedur ist natürlich das Haarglätten, das wieder einmal ein Beweis dafür ist, dass Menschen immer das wollen, was sie nicht haben. Während sich europäische Frauen umständlich Wellen und Locken ins Haar föhnen, versuchen die ghanaischen Frauen genau das Gegenteil und fahren dafür neben Maschinen auch eine Menge Chemie auf: Locke ‚raus, Platte ‚rein.

Derart sensibilisiert, entdeckte ich um mich herum Perücken und andere radikale Frisurveränderungen am laufenden Band. Heute Cameron Diaz mit horizontal weggeföhntem Pagenkopf, morgen Dolly Parsons babylonische Turmfrisur und übermorgen luftiger Feenschnitt à la Gwyneth Paltrow. Seitem studiere ich die Köpfe um mich herum und rätsle, echt oder nicht? Farblich bleiben sich die Ghanaerinnen dabei treu. Bunte Strähnen oder gar komplette Neucolorierungen sind eher selten anzutreffen. So besteht auch für Leute mit schlechtem Personengedächtnis, wie mir, die Chance, hin und wieder alte Bekannte wieder zu erkennen.

Nach diesem eher laienhaften Ausflug in die Welt des weibliches Haares, fragst Du Dich vielleicht, wie es um die Männer bestellt ist. Da kann ich Dich beruhigen. Nahezu ausnahmslos rasieren sie sich die Schädel kahl. Ein Modell, das in Deutschland nur von Skinheads oder von mittelalten Herren mit nachlassender Haupthaarfülle angewandt wird. Der so genannte Afro-Look scheint hier komplett außer Mode zu sein. Wenn überhaupt sichtbares Haar zugelassen wird, dann in Form der Frisur, die Will Smith als Prince of Bel Air in den frühen 90ern trug: Seiten kahl, oben Matte.

Was lerne ich daraus für meinen eigenen Haarschnitt? Gar nichts. Da ich Friseurbesuche etwa so gern mag wie Termine beim Zahnarzt, muss ich mich selbst überlisten und habe mit einer hiesigen Friseurin eine gewisse Vereinbarung getroffen. Alle fünf Wochen (sie wollte vier, ich sechs, also trafen wir uns nach zähen Verhandlungen in der Mitte) schickt sie mir eine SMS mit folgendem Inhalt: „Michael, please report to me tomorrow 8 am.“ Wie die Zeit vergeht, denke ich dann, und gehe rein aus Trotz meist doch nicht hin. Komme ich dann zwei Wochen später reuig angekrochen, beschimpft sie mich erst eine Weile und schnippelt mir anschließend ruckzuck die überflüssige Wolle vom Hirn.

Viele Grüße aus Accra,

Michael

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