Warum die Solarlampe meistens in der Schachtel liegt


Dies ist eine schlichte Geschichte. Sie dreht sich um einen Mann und eine Lampe. Der Mann ist Collins, unser Tagwächter. Er ist 1,85 groß, gut trainiert, redet gerne und hört genauso gerne zu. Die Lampe sieht aus wie ein großer Plastikbecher und ist solarbetrieben. Wir haben sie Collins geschenkt, weil er uns manchmal im Haushalt mithilft. Jetzt hat er Licht zuhause – und ein Problem.

Collins wohnt mit seiner Familie ein paar Kilometer entfernt. Jeden Morgen und jeden Abend joggt er hin und wieder zurück. Das hält fit, sagt er. Man sieht es. Den Bus will er nicht nehmen, das ist zu teuer. Collins verdient etwa 100 Euro im Monat. Davon gehen Steuern ab, eine Kleinigkeit für die Krankenversicherung. Am Schluss bleiben etwa 80 Euro übrig.

Von diesen 80 Euro leistet sich Collins ein kleines Häuschen, in dem er zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt. Von diesen 80 Euro bezahlt er auch Schulgeld, Arztbesuche, Lebensmittel und gelegentliche Heimfahrten zu seinen Eltern, die etwa 500 Kilometer entfernt am Viktoriasee leben.

Elektrischen Strom gibt es bei Collins zuhause, aber der ist teuer und fällt oft aus. Auf dem Land, wo seine Eltern wohnen, gibt es gar keinen Strom. Sie machen abends Licht mit Kerosinleuchten. Das sind kleine, aus alten Büchsen oder Spraydosen zusammengebastelte Blechbehälter, aus denen oben ein Docht ragt.

Ich habe mir für etwas einen Euro eine dieser Kerosinlampen gekauft. Das Kerosin dazu ist in jeder beliebigen Menge erhältlich, in kleinen Plastiktüten, in Bechern oder Flaschen. Ich habe die Lampe ausprobiert, sie qualmte und stank. Collins sagt, nach einem Abend mit einer dieser Lampen wird das Taschentuch beim Naseputzen schwarz. Fällt die Lampe um, läuft das Kerosin aus und fängt Feuer. So sind schon ganze Siedlungen abgebrannt.

Ab 19 Uhr ist es hier in den Tropen dunkel. Im Dunkeln können Collins‘ Kinder keine Schulaufgaben machen, seine Frau kann nicht kochen und keiner kann den anderen sehen. Also brauchen sie abends Licht. Collins kauft täglich für etwa 50 Cent Kerosin, monatlich für 10 bis 15 Euro. Das genügt für zwei Stunden Licht am Abend.

Weil Collins hin und wieder bei uns mit anpackt, haben wir ihm eine Solarlampe geschenkt. Sie sieht aus wie ein großer Plastikbecher, strahlt ihr Licht nach unten ab und funktioniert voll aufgeladen acht Stunden lang. Sie qualmt nicht, sie stinkt nicht, sie brennt nicht und ihr Betrieb kostet nichts, nur einmal 10 Euro beim Kauf.

An dem Tag, an dem ich Collins die Lampe schenke, frage ich ihn erst, ob er schon einmal von Solarstrom gehört hat. Ja, hat er, ist sich aber nicht sicher, wie das funktioniert. Du musst die Lampe einfach vors Haus oder ans Fenster stellen, den Rest erledigt die Sonne, sage ich. Er bedankt sich und trägt die Lampe nachhause.

Am nächsten Tag erzählt er, seine Familie sei auf dem Weg an den Viktoriasee. Er hat ihnen Lampe mitgegeben. Seine Eltern hätten ja gar keinen elektrischen Strom. Ein paar Tage später bedankt er sich erneut. Es sei unglaublich, nun gäbe es Licht dort, wo vorher keines war. Die Kinder könnten Schulaufgaben machen, die Frauen kochen, und beim Essen könnten sich alle sehen.

Zwei Wochen später sagt Collins, die Eltern haben nun fast ein Problem. Die Nachbarn kommen ständig zu Besuch, weil es bei ihnen so viel Licht gibt. Alle bleiben nun länger auf. Er lacht, weil es eben nur fast ein Problem ist, schon fast ein Luxus-Problem.

Vier Wochen später sehe ich ihn wie immer auf seinem Plastikstuhl sitzen. Doch heute steht neben ihm die Solarlampe. Ich frage ihn, warum die Lampe wieder hier ist. Seine Eltern seien doch so begeistert gewesen. Er sagt, die Lampe sei dort in Gefahr. Jemand könnte sie stehlen. Sie sei einfach zu wertvoll. Seine Eltern könnten nicht den ganzen Tag darauf aufpassen. Deshalb hat er sie wieder vom Viktoriasee zu sich nachhause geholt.

Ja, aber warum ist sie dann hier, frage ich. Sie muss zum Aufladen ans Licht, sagt Collins. Er müsste sie außen an die Hauswand hängen, aufs Dach oder hinters Fenster stellen. Auch hier könnte sie jemand stehlen. Deshalb bringt er sie mit an seinen Arbeitsplatz und stellt sie dort, neben seinem Stuhl, in die Sonne. Abends joggt er nachhause, die Lampe in einer Tüte an der Hand. Dann haben Collins und Familie eine Woche lang abends Licht. Den Rest der Zeit liegt die Lampe in einer Schachtel unter dem Bett. Damit sie keiner stiehlt.

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