Wandkalender auf Kenianisch

Nun, jeder kennt die alljährige Prozedur. Alle Firmen, die was auf sich halten, geben schon im Herbst diese riesengroßen Wandkalender in Auftrag. Spätestens Anfang Dezember werden diese Hochglanz-Kalender mit besten Wünschen der Firma an treue, neue oder potentielle Kunden verschenkt. So wie ich gehört habe, liefern sich die Werbeabteilungen der großen Firmen richtige Kriege. Jede versucht den schönsten Kalender im Land zu produzieren und ihn am schnellsten – aber nicht zu früh! –unters Volk zu bringen. Denn bekanntlich fängt der frühe Vogel den Wurm. Wenn ich schon einmal den Wandkalender einer Firma aufgehangen habe, werde ich kaum noch davon zu überzeugen sein, ihn für den neuen abzuhängen.

Sinn und Zweck des Ganzen: Die Firma weder Mühe noch Kosten, um sich der Kundschaft mit den Kalenderbildern von ihrer besten Seiten zu zeigen. Der Kunde soll u.a. anhand der Bilder diese tolle Firma das ganze Jahr über im Blick haben und sich entweder freuen schon Kunde zu sein, oder sich aufgrund dieses täglichen Kalenderanblicks endlich für die tolle Firma zu entscheiden.

So natürlich auch in Kenia.  Eines schönen Tages klingelte es bei uns an der Tür. Ich war natürlich ganz ganz zufällig zu Hause und völlig perplex, dass es bei uns gegen 11.30 klingelt. Also stieg ich aus dem Bett, zog mir eine Hose an, ein Hemd zog ich auch an, setzte meine Mütze auf und schaute vorsichtig durch unser Guckloch. Da stand eine Frau und hatte irgendwelche Sachen in der Hand. Mir wäre beinah rausgerutscht: „ NÖ Tank yu. Wi dont buy anytinck! Go plise nekst dor!“. Gerade in dem Moment ist mir eingefallen, dass ich ja in einem Compound lebe und die Guards vor dem Eingangstor – sie sind extrem gut! – weder die Zeugen Jehovas noch irgendwelche Staubsaugervertreter in unseren Komplex hineinlassen würden. Also machte ich vorsichtig die Tür auf. Die Dame lächelte mich freundlich an, sagte „Hello, how are you today?“ drückte mir etwas in der Hand und ging.

Als ich die Tür zumachte sah ich dieses Ding in meiner Hand:

Das Objekt der Versuchung

An sich nichts Ungewöhnliches, auch wenn die Vorstellung, dass der Eigentümer des Compounds bei der Hitze eine arme Dame zu Fuß durch die 5 Häuserblocks (immerhin hat jeder Komplex mindestens 5 Etagen mit je 3 Parteien) scheucht, um den Mietern in der zweiten Januarwoche, wo eh jeder schon längst einen Kalender hat, einen Wandkalender zu schenken. Richtig überrascht war ich, als ich dann die Bilder im Kalender sah:

Mitten in einer Baustelle

Werbung mit einem tollen Garten

Werbung mit Gerüsten

Geht es euch genauso wie mir, wenn ihr die Bilder unfertiger Häuser oder gar Baustellen seht und euch vorstellt, es ist ein Werbegeschenk? Oder verstehe ich irgendetwas falsch?

4 Gedanken zu „Wandkalender auf Kenianisch

  1. Eine schöne Frage an die Marketing-Spezialisten. Wie soll man für sich werben: mit dem Bild des fertigen und gelungenen Produktes, oder mit dem Bild des Produktes im Prozess der Fertigstellung. Mit anderen Worten: Wollen wir Friseurswerbung mit halbfrisierten Menschen sehen, Zahnärzte mit halbreparierten Gebissen und Schönheitschirurgen mit halboperierten Nasen – oder eher nicht?

    • nun lieber michael, schein oder sein, das ist denke ich in der tag die frage. deine frage ist fast eine philosophische und hat daher mehrere ebenen. ich mache es mir janz einfach. wenn Bilder von „work in process“, dann sollte auch der ganze Prozess gezeigt werden. jeden Monat ein Bild der weiterentwicklung. so würde ich als zukünftiger Kunde dann sehen, wie mein haus dann so entstehen und mich just für die Firma entscheiden 😉

  2. Hirbod, warum setzt Du Dir denn eine Mütze auf, wenn Du in Eurer Wohnung in Kenia an die Tür gehst? (Das mit der Hose verstehe ich ja) Lässt Du Dir Rasta-Locken wachsen?

  3. nun liebe Susanne, ich verweise einfach auf den Artikel mit Pediküre. Dort steht alles was notwendig ist, um dieses Erlebnis zu verstehen 😉

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