Von dummen Kühen und Kamikaze-Tauben

Wenn Berge wirklich riefen, wie klänge das dann? Die Zugspitze mit ihren nicht einmal 3000 Metern etwas piepsig, der Mont Blanc schon etwas markiger, und der Mount Kenya mit Donnerstimme? Denn dort lagern in einer Höhe, wo auf der Zugspitze das Gipfelkreuz steht, noch friedlich wiederkäuend Kühe. Und überhaupt ist das Tierreich dort oben erstaunlich vielfältig, sowohl in Erscheinung wie auch in Legenden.

Vor uns zeigt der weiche Waldboden ein paar große Löcher. Elefantenspuren sind, was auch fehlende Kanaldeckel hätten sein können. Auf unserer Wanderung am Fuß des Mount Kenya sind wir für solche Spuren ganz dankbar. Sie erinnern uns daran, wo wir sind. Denn die Landschaft sieht, dank britischer Bemühungen um Nadelbäume während der Kolonialzeit, noch immer ein bisschen wie der Schwarzwald aus.

Unser Wanderführer namens Mugo, der mit seinen Rastalocken, dem Stock in der einen und der Machete in der anderen Hand aussieht wie einer der Mau-Mau-Rebellen, hat allerlei Geschichten zu den Tieren auf Lager, die uns ständig – sichtbar und unsichtbar – begleiten. Leise singt er, während er vorangeht und spricht nur, wenn wir ihn etwas fragen.

Die Elefantenspuren sind für den Anfang gar nicht schlecht. Schön ist auch das Gerippe am Wegesrand. Eine seiner Kühe sei das gewesen, sagt der Waldläufer Mugo, der auf 2700 Metern Höhe eine kleine Landwirtschaft betreibt. Sie sei ihm eines Tages auf dem Weg ins Tal nachgelaufen und dann von einem Leoparden gefressen worden. Die Kuh war neu, nur zwei Wochen lang auf seinem Hof gewesen. Wusste es wohl nicht besser.

Abends sitzen wir auf dem Balkon unserer Hütte, die auf einem Steinpodest in etwa fünf Metern Höhe steht. Die drei Kühe, die Kollegen der unglücklichen vierten, von der bereits die Rede war, fressen sich langsam rund ums Haus, etwas abseits ebenso die drei Schafe. Es dämmert. Die Kühe lassen sich unter einem Baum in der Nähe nieder. Die Schafe stehen unten an der Treppe.

Das ist seltsam. Eine Stunde später, es ist mittlerweile dunkel, stehen immer noch dort. Mugo, der auch für uns kocht, erklärt, die Tiere suchten nachts die Nähe der Menschen, weil die wirklich wilden Tiere sich da nicht herantrauen. Auch nach dem Abendessen sind sie noch da, vor dem Schlafengehen und auch mitten in der Nacht, als uns Hundegebell weckt, stehen die Schafe wie drei Wächter in Wolluniformen vor unserer Treppe.

Bei Hunden heißt es immer, der will doch nur spielen. Bei Elefanten müsste es heißen, der will doch nur seine Ruhe. Als wir durch einen kilometertiefen Bambuswald stapfen, geht Mugo etwas bedächtiger. Wir kommen an einem Baum vorbei, an dem Früchte hängen, die wie kleine Kürbisse aussehen. Elefanten-Mango seien das.

Was, wenn der Elefant jetzt gerade Lust auf Mangos hätte? Schließlich stehen wir gerade in seiner Speisekammer. Mugo weiß es. Er würde uns mit tiefem Grollen schon aus einiger Entfernung wissen lassen: „Hier bin ich.“ Ansonsten seien sie sehr friedliebend. Klar, so ähnlich würde auch reagieren, wenn ich auf dem Weg zum Kühlschrank in der Küche einem Fremden begegnen würde.

Ein paar hundert Meter weiter liegt ein Haufen Federn am Wegesrand, dazwischen ein paar Fleischfetzen. Eine Taube sei das gewesen, die sich der Adler geholt hätte. Tauben, erläutert Mugo, lebten immer nur zu zweit. Stirbt eine, dann nähme die andere alle Kraft zusammen, flöge so hoch, bis man sie nicht mehr sehen könnte. Und dann falte sie die Flügel zusammen und ließe sich fallen.

Wir gehen weiter. Mugo summt sich eins. Die Taube fällt in meinem Kopf noch immer. Würde sie denn nicht vielleicht doch kurz dem Boden die Flügel öffnen? Gibt es denn nicht andere Tauben, für die es sich zu Leben lohnte? Das Schöne an solchen Geschichten ist: ob sie nun stimmen oder nicht, man vergisst sie nicht so schnell.

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