Things I Want To Do Before I Leave Ghana (10, 11 und Schluss)

Fortsetzung der Eimer-Liste von vorgestern und gestern, heute mit den Teilen 10 und 11. Und dann ist erst einmal Schluss. Zumindest mit Beiträgen aus Ghana.

10

Noch einmal ein totales Greenhorn sein

Ich bemerke den anstehenden Abflug vor allem an einem: dem sich immer weiter leerenden Schlüsselbund. Heute entfernte ich den letzten Schlüssel vom Metallring, an dem nun nur noch ein Filzband mit der Aufschrift „Junge, komm’ bald wieder“ hängt, das mir meine Eltern 2008 zum Abschied schenkten. Der letzte ist der Schlüssel zu unserem Auto, das wir hier fuhren und nun verkaufen müssen, denn die Kenianer, wie die Briten, Australier, Südafrikaner und viele andere, fahren auf der falschen Seite der Straße. In ein paar Stunden kommt der Käufer des Autos, um es abzuholen, und ich wollte es noch einmal richtig putzen. Die Idee dazu kam mir etwa um die Mittagszeit. Ich kann es kaum deutlicher sagen, aber nach zwei Jahren Ghana sollte man wissen, dass man um die Mittagszeit am besten gar nichts tut, und schon gar nichts unter freiem Himmel. Die Sonne brennt einem derart brutal aufs Hirn, dass mir nach kurzer Zeit unbeschatteten Genusses recht blümerant wird. Aber es half nichts, da musste ich durch. Der Wächter, der mir beim Putzen half, sagte mir auf seine Weise, was er vom Timing hielt: „Ich wollte es ja heute ganz früh morgens putzen, aber da gab es gerade kein Wasser.“

Nostalgiefaktor: Mittel

Status: Erledigt

***

11

Noch einmal sentimental werden und Abschied nehmen

Es ist schon seltsam: Ein solches auf und ab an Gefühlslagen wie in den beiden vergangenen Jahren habe ich nicht in den zehn Jahren vorher erlebt. Der Abschied, das merke ich in den letzten Tagen, ist anders, als bei einem Umzug von A nach B in Deutschland, wo man, wenn man will, jederzeit wieder hinfahren kann.

Das Leben hier war kleiner, weniger reichhaltig, aber dafür intensiver und auf seine Art abwechslungsreicher. Zwar konnte ich mir die Zeit weder mit Konsumieren, mit Fernsehen schauen oder mit kulturellen Ereignissen wie Theater, Kino, Ausstellungen etc. vertreiben; beides wird hier nur in sehr eingeschränktem Maß angeboten. Die meisten Menschen, die ich hier kennengelernt habe, habe ich in den beiden Jahren öfter gesehen, als meine besten Freunde.

Ich habe erstaunliche, lustige, unverständliche, nervige, traurige und begeisternde Geschichten erlebt. Die Tage waren voller Überraschungen, positiver wie negativer. Wenn ich morgens vor die Türe trat, wusste ich, dass mit Sicherheit wieder etwas Eigenartiges, Ungewöhnliches, Spannendes oder auch Nervendes passieren würde. Das Aufregendste in Deutschland war, so scheint es mir jetzt in der Rückschau, wenn mir die U-Bahn vor der Nase wegfuhr.

Das Leben hier ging mal zwei Schritte vorwärts und dann wieder drei zurück, mal stolperte es und blieb liegen oder spurtete vollkommen unerwartet auf und davon. Das Anderssein hier provozierte in einem Fort Vergleiche, Reflektionen, Zweifel, Wut, Aufbegehren, heftige Diskussionen, Fluchtgedanken wie ich sie in meinem gutbürgerlichen Leben zuhause schon lange nicht mehr hatte.

Ich lernte ein tausend und mehr Dinge, zum Beispiel, beim Autofahren jederzeit mit allem zu rechnen und wunderte mich irgendwann nicht mehr über dicke Männer in bunten, bodenlangen Gewändern und freiliegender Schulter, die sich König nennen. Ich habe gesehen, was man alles mit Haaren anstellen kann und kann viel schärfer essen als früher. Ich bin mindestens 1000 Mal von Moskitos gestochen worden und hatte doch nie Malaria (toitoitoi), stand fast immer gegen 6 Uhr morgens auf, obwohl ich eigentlich Nachtmensch bin und blieb trotzdem abends lange auf.

Heute ist der 29. November, mein letzter Tag in Ghana, in ein paar Stunden geht der Flug. Ich sitze ich auf der Terrasse von Freunden, bei denen wir während der vergangenen Tage zu Gast waren. Es ist kurz nach Vier, die Sonne sinkt merklich. Es wird ein bisschen kühler, die Brise trocknet das vom Autoputzen schweißnasse T-Shirt. Vor zwei Stunden habe ich letzte Wäsche in den Garten gehängt, sie ist wahrscheinlich schon trocken. Wenn ich vom Schreiben aufblicke, sehe ich Palmen, Farne, Bananenstauden, Papaya-Bäume. Auf der Telefonleitung wippen ein paar bunte Vögel, hin und wieder fährt leise rauschend hinter der Mauer ein Auto vorbei.

Alles ist recht lauschig und ruhig. Um meine Füße schwirren schon wieder Moskitos, denen aber offenbar das reichlich aufgetragene Antimückenmittel nicht schmeckt. Vielleicht ist das die allumfassende Formel, nach der ich am Anfang dieser Nummer 11 gesucht habe: Ghana ist toll, und mit den vielen Aspekten, die einem den Spaß verderben können, muss man einfach nach und nach umzugehen lernen.

Nostalgiefaktor: Extrem hoch

Status: Für immer offen

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