Seesterne im Eis

Lieber Michael,

ach ja…. Geduld und Demut. Die braucht man hier auch öfters. Auch das duale Service-Modell „Amerikanisch-Einheimisch“ gibt es hier. Eigentlich wollte ich von den Besonderheiten russischer Restaurants berichten. Das muss warten. Es gibt Dringenderes zu erzählen: Der Winter ist endlich da.

Das Thermometer vor meinem Fenster zeigt -24°C. Knapp 60°C Temperaturunterschied zu dir sind das . Schon vor einiger Zeit hat man in der Stadt die Heizung angestellt. Buchstäblich – denn wann geheizt wird, entscheidet die Stadtverwaltung für alle gleichzeitig. Von 15. Oktober bis zum 15. April sind die Heizkörper warm. Wer wie wir eine nagelneu examtrue
renovierte Wohnung hat, genießt obendrein den Luxus, die Temperatur mit High-Tech regeln zu können, weilmoderne russische Heizkörper zwar keinen Thermostat haben, dafür aber einen Ein/Aus-Hebel.Alle anderen regeln mit der „Fenster auf/Fenster zu“ Methode.

Zweistellige Minus- Temperaturen sind hier kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil: zwischen Oktober und April ist der bleigraue Himmel erdrückend nah. Es regnet oft. Und falls es doch schneit, verwandelt sich das Weiß innert Stunden in ein sulzig-schmieriges Graubraunschwarz, für das die Russen ein wunderbar lautmalerisches Wort haben: „Sljakats“.

Aber seit das Thermometer unter -15°C fällt, ist alles wieder gut. Der Schnee bleibt liegen und behält einigermaßen seine Farbe. Zum ersten Mal seit Monaten ist der Himmel blau. Gegen Mittag scheint sogar die Sonne. Plötzlich sieht man in den sonst so miesepetrigen Gesichtern der Moskauer ab und an ein Lächeln.

Mir geht das auch nicht anders. Ja ich muss sogar manchmal laut loslachen, wenn ich sehe, wie hier die kleinen Kinder in dieser Kälte so dick eingepackt werden, dass sie pass it exams wie Seesterne aussehen, die man hochkant gestellt hat. Sie sind dann dementsprechend flink und gelenkig und es ist wirklich komisch, wenn so ein Seestern versucht, die Leiter der Rutsche auf dem Spielplatz hochzuklettern und von oben dann nicht mehr rutscht sondern vielmehr purzelt.

Überall in der Stadt werden jetzt freie Flächen geflutet und in Eisbahnen verwandelt. Das Eis zieht die Bierverkäufer an und denen folgen die Schaschlikbräter. Lautsprecher werden aufgestellt, durch die Schlagermusik in Stadionlautstärke geblasen wird. Aber mit einer Portion Hammelschaschlik in der einen und einem Bier der Marke „Alter Müller“in der anderen Hand hat man sich ganz schnell mit dem Moskauer Winter ausgesöhnt.

Wenn es allerdings noch kälter wird, minus Dreißig, Fünfunddreißig, dann versuchen alle in den Wohnungen zu bleiben. Und falls man doch raus muss, sollte man wenigstens eine Viertelstunde fürs Anziehen berechnen: zuerst – das ist ganz wichtig – wird das Gesicht eingecremt. Damit die Creme einziehen kann – sonst könnte bei der Eiseskälte die cremefeuchte Haut aufplatzen. Sagen die Russen. Dann erst die Kleidung: wenigstens ein Paar lange Unterwäsche. Socken doppelt. Dicker Pullover. Dicke Schuhe – am besten mit kälteisolierender Sohle und grobem Profil. Hose am besten gefüttert. Dicke, winddichte Kapuzenjacke, die über den Po reicht und deren Kragen sich bis hoch über die Nase schließen lässt. Schal. Handschuhe – eventuell auch doppelt. Mütze. Alles wird verhüllt, bis auf die Augen.

Der Mensch sieht dann aus wie das Michelin-Männchen, das durch die Straßen wackelt, sich durch die Gänge in den Bussen zwängt und an den Haltestellen herumhopst, damit die Kälte nicht so schnell in die Knochen kriecht.

Das überraschendste Gefühl in dieser Kälte ist noch nicht einmal das Brennen auf der Haut, wenn einen der Wind trifft. Es ist das Einatmen durch die Nase: man spürt wie Inhalt der Nase knisternd gefriert.

Sobald man in die U-Bahn kommt wird es anstrengend. Denn tief unten ist die Temperatur über dem Nullpunkt, so dass einem wieder ordentlich Trotz all der Vorteile der Online Welt, die 24/7 Verfugbarkeit der Games, viele abwechslungsreiche Spiele, fur Freizeitspieler besonders niedrige Limits oder der fehlende Dresscode einer echten Spielbank, bleibt eines im Intern et auf der Strecke: das echte online-casino Flair. warm wird. Noch schlimmer ist es, wenn man den ganzen Tag in doppelter langer Unterwäsche in einem überheizten Büro arbeitet. Oder im Supermarkt einkaufen muss: Der Einkaufswagen ist schon zu Anfang halb voll mit der eignen Winterkleidung, weil man z.B. mit Handschuhen so schlecht Obst sortieren kann. Salat nimmt man in dieser Zeit ohnehin besser nicht mit, weil er auf dem Heimweg sofort gefriert und zuhause die Konsistenz von lauwarmem Tiefkühlspinat annimmt.

Aber gottlob sind -30°C auch in Moskau die Ausnahme. Und erst recht die Ausnahme, dass diese Kälte länger bleibt.

So kälteerfahren die Moskowiter auch sein mögen – als in einem der letzten Winter die Temperatur mehr als eine Woche lang unter -30°C blieb, geriet auch diese Stadt an ihre Grenzen.

Hier werden alle Häuser mit Fernwärme geheizt. Die Kraftwerke – alle mitten in der Stadt – sind angeblich nur für maximal fünf Tage unter Volllast ausgelegt. In der zweiten Woche wurden dann unsere Heizkörper täglich ein wenig kälter. In der Stadt wurden Fabriken und Bürohäuser geschlossen. Gelenkbusse mussten in den Garagen bleiben, weil deren Hydraulik einfror. Die Straßen waren nur noch halb so voll, weil die Hälfte der Autos einfach nicht ansprang. Immerhin hörte man in diesen Nächten nur selten das Jaulen selbst montierter Alarmanlagen, weil ihre Besitzer die Batterien abends mit in die Wohnung nahmen, um am nächsten Morgen eine kleine Chance zu haben, das Auto wieder anlassen zu können.

Inzwischen hat es vor meinem Fenster wieder angefangen zu schneien. Es ist kurz nach Vier und es wird gerade dunkel. Ob ich will oder nicht – ich muss nochmal raus, in den Supermarkt, weil Milch, Brot,und – noch schlimmer – Bier alle sind. Und weil ich dir gerade diesen Brief nach Ghana schreibe, werde ich wohl auch irgendeine exotische Frucht kaufen. So eine, die in meiner Vorstellung gerade in deinem Vorgarten dort reif geworden ist.

Frohe Weihnachten

Markus

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