Ja, es is’ scho’ Weihnachten in Nairobi

Vorgestern Abend sitze ich zuhause und denke an nichts Böses, da ertönen weit irgendwo hinter der Dunkelheit Schüsse und Explosionen. Sofort habe ich verschiedenste Theorien parat: Wieder ein Angriff auf ein Shopping-Center? Der Aufstand der armen Massen gegen die stinkreiche kenianische Elite? Ein Militär-Coup? Oder einfach nur eine Schießerei zwischen Polizei und ertappten Einbrechern?

Gerade letzteres wäre durchaus möglich, schließlich hat der kenianische Vize-Präsident der Polizei den sogenannten “Shoot-to-Kill”-Befehl erteilt. Davon macht sie eifrig Gebrauch, nach dem Motto des Wilden Westens: Bei Terror-Verdacht erst schießen, dann fragen. Dieses Jahr sollen im wilden Osten Afrikas schon über 170 Verdächtige erschossen worden sein.

Es kracht und wummert eine halbe Stunde und mehr. Bellend und jaulend begleiten die Wachhunde der Nachbarn jeden Knall. Die Katze sitzt senkrecht in ihrem Körbchen, in das sie sich sonst um diese Zeit gemütlich einrollt, und lauscht gestresst.

Ich schalte einen lokalen TV-Sender ein und prüfe nebenbei den Twitter-Account des kenianischen Roten Kreuz auf Nachrichten. Die wissen normalerweise, was hier so passiert. Aber den Medien zufolge passiert gerade nichts.

Blick durchs Fenster. Sehe aber nur den rötlichen Nachthimmel über der Großstadt. Als der Gefechtslärm nachlässt, gehe ich nach draußen, um den Nachtwächter zu fragen. Die Jungs sind meist auch gut informiert.

Er sitzt im Dunkeln und isst eine Banane. Wir haben gestern wieder geerntet und die riesige Staude gerecht zwischen Gärtner, Putzfrau, Wächtern und uns selbst aufgeteilt. Wie ich ihn da so genüsslich kauend sitzen sehe, bin ich gleich beruhigt. So schlimm kann es wohl nicht sein.

Ach, das sei doch nur Feuerwerk, sagt er. Die “Asiaten” feierten heute das Diwali-Fest. Wen Kenianer von “Asiaten” sprechen, meinen sie die vielen Inder, die in Kenia leben. Dafür heißen die Chinesen, die nun ebenfalls in großer Zahl anwesend sein, einfach nur Chinesen. Und die Koreaner Koreaner, die Japaner Japaner und so weiter.

Feuerwerk, also. Natürlich. Im Nachhinein erkenne ich die Geräusche sofort als Knallfrösche und Raketen. Aber Diwali-Fest? Nie gehört. Was denn das sei, frage ich. Das wüsste er auch nicht, sagt er, und beißt in die Banane.

Zurück im Haus weiß Wikipedia Rat. Das Diwali-Fest ist das hinduistische Lichterfest. Gefeiert wird der Sieg des Guten über das Böse, des Lichts über die Dunkelheit. Es ist eine Art Weihnachten und Neujahr zugleich. Und ich dachte gleich wieder das Schlimmste.

Und genau das ist das Schlimme daran. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung und dessen, was ich für möglich halte. Hätte ich denselben Lärm in Deutschland gehört, wäre es sofort nur ein Feuerwerk gewesen. Denn etwas anderes würde ich dort nicht erwarten. Hier hingegen, sagen wir mal, weiß ich es nicht genau, und deshalb ist alles möglich. Sicherheit ist kein Zustand, sondern ein Gefühl.

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