Ich komme nie wieder nachhause! Nie wieder!

Milzbrand, in Deutschland gibt es Milzbrand. Steht jedenfalls im „Stern“. War das nicht diese Bio-Waffe, die letztens zu absoluter Panik geführt hat? Anthrax. Weißes Pulver in Briefumschlägen, hochansteckend durch Einatmen oder Schlucken. Jetzt in deutschen Supermärkten. Mit dem Schengener Abkommen, mit den offenen Grenzen in Europa, der Reisefreiheit und alldem, ist die Frage nicht ob, sondern wann ganz Europa unter der furchtbaren Seuche dahinwelkt.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz beruhigt noch. Es bestünde keine Gefahr. Klar, das Zeug steckt ja auch nur in Rinderbraten, Gulasch, Corned Beef und Würsten. Da könnte ich genauso gut den kenianischen Behörden glauben, die ebenso wie ihre Nachbarn in Uganda, Tansania, Ruanda, Äthiopien einfach mal behaupten, hier gäbe es kein Ebola. Die Begründung: Dies hier sei Ostafrika, und Westafrika sei weit weg.

Das ist natürlich lächerlich. Jeder weiß doch, dass Afrika kein Kontinent, sondern ein Land ist, und die paar Menschen die dort leben – eine mickrige Milliarde – sind doch irgendwie alle gleich. Und deshalb haben sie früher oder später auch alle Ebola. Alle. Jaja, in Afrika gibt es angeblich 54 Staaten, aber die kennt doch keiner, außer Ägypten mit seinen Pyramiden, aber das sind doch eh keine richtigen Afrikaner, oder?

Auf die Dringlichkeit des Ebola-Problems in Kenia hatte mich erst vor ein paar Tagen ein Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ aufmerksam gemacht, den ich bei einem Kaffee auf meiner Terrasse in Nairobi las. Dort hieß es, jede Menge Reisende sagten ihre Safaris ab, in Südafrika, Botswana und auch in Kenia. Wegen Ebola.

Entsetzt war ich von meinem Liegestuhl aufgesprungen. Hatte sich was mit dem gemütlichen Nachmittag. Ebola? Hier? Um Gottes Willen! Warum sagt einem das keiner? Warum muss ich das aus der ausländischen Presse erfahren?! Wahrscheinlich haben diese afrikanischen Medien wieder mal keine Ahnung, was in ihren eigenen Ländern eigentlich los ist. Mir war klar: Ich musste sofort weg hier.

Obwohl, ein bisschen erstaunt war ich schon. War tags zuvor noch Einkaufen gewesen. Da schienen sich die Kenianer noch bester Gesundheit zu erfreuen. Wie immer Trubel auf den Straßen, den Märkten und in den Cafes. Aber das kann sich schnell ändern. Deshab fing ich vorsichtshalber schon einmal an, Koffer zu packen, Tickets zu buchen und mich von kenianischen Freunden zu verabschieden.

Ich sagte, natürlich telefonisch, um tränenreiche Umarmungen zu vermeiden (Achtung Körperflüssigkeiten!), leider hätte ich jetzt etwas sehr Wichtiges in Deutschland zu erledigen. Ich achtete bei der Wahl meiner Worte genau darauf, nicht „Auf Wiedersehen“ zu sagen, sondern „Lebe Wohl“. Bei einer Sterblichkeit von 70-90 Prozent war ersteres ja wohl kaum möglich, und letzteres immerhin ein gut gemeinter, wenn auch vermutlich sinnloser Wunsch.

Dann, quasi im letzten Moment, lese ich über Milzbrand in Deutschland. Na, toll. Eine Rindswurst in einem Supermarkt reicht völlig aus. Dann kommen die Europäer, vor allem die Münchner, mit ihrem Küsschen-link-Küsschen-rechts, die Franzosen sogar noch einen mehr, und schon ist Anthrax überall. Vom Regen in die Traufe. Und wohin jetzt? Asien? Vogelgrippe. Japan? Radioaktivität. Island? Vulkane. Grönland? Eisschmelze. USA? Republikaner. Es ist ausweglos.

Ich stehe ein paar Minuten unschlüssig herum. Dann gehe ich in die Küche, mixe mir einen Gin-Tonic, mit viel Eis, Zitrone und einem extra großen Gläschen Gin. Das mit der Leber ist jetzt sowieso egal. Mit dem Glas in der Hand gehe ich zurück auf die Terrasse, lasse mich in den Liegestuhl sinken. Ich nehme einen großen Schluck und warte auf das Ende.

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