Holzbrett statt Heilbutt

Lieber Michael

es freut mich kolossal, dass unsere WG-Versuchsküche (erinnerst du dich noch an die hausgemachte Pekingente?) dich schließlich zu einer Ghana-Zwiebelwähe geführt hat. Und das unter Umgehung von drei von fünf Zutaten. Respekt.

Hier in Moskau habe ich das Problem beim Kochen improvisieren zu müssen eigentlich nicht. Denn hier kann man alles, wirklich alles kaufen. Wenn ich einkaufen gehe überfällt mich dann weniger Verzweiflung, weil ich eine Zutat nicht finde. Viel öfter packt mich kalte Wut, weil die Preise so unverschämt hoch sind. Es gibt zum Beispiel Supermärkte mit dem vollmundigen Namen „Alphabet des Geschmacks“, wo ein drei Tage altes Vollkornbrötchen umgerechnet drei Euro kostet. Und diese Läden sind, was die Preise angeht, eher im Mittelfeld.

Bei meinen kulinarischen Abenteuern stolpere ich vor allem wegen der Sprache. Mehr als einmal habe ich auf dem Markt Aufsehen erregt, weil ich das eine oder andere Tier vorspielen oder nachblöken musste. Weil ich das Wort nicht kannte, oder weil ich zwei ähnlich klingende Wörter verwechselt habe.

Mittlerweile habe ich schon fast alles gespielt: Hammelkeule, Ente, Gans, Wachtel, Rindermagen; Szenenapplaus hatte ich bei der vermeintlichen Darstellung eines Maiskolbens, weil ich eigentlich Stubenküken kaufen wollte. Aber die russischen Wörter für Mais (kukurusa) und Huhn (kuriza)  kommen mir schnell mal durcheinander.

Noch verwirrender kann es im Restaurant zugehen: Ich war gerade mal zwei oder drei Wochen im Land. Russisch sprechen konnte ich fast gar nicht und kyrillisch lesen erst recht nicht. Selbst wenn ich es gekonnt hätte, ich hätte kein Wort von dem verstanden, was da auf der Speisekarte im einzigen Restaurant der Stadt Rschev stand.

Rschev ist eine Kleinstadt etwa 200 km westlich von Moskau. Es gibt dort nur ein Hotel, das Wasser dort hatte die Farbe von Hefeweissbier und warm kam es ohnehin nur von sechs bis acht Uhr morgens aus dem Hahn. Die Annehmlichkeiten unseres Hotels ließen schon das Schlimmste für den Restaurantbesuch befürchten. Das Lokal australia online casinos hieß „Das Ufer“, sah aus wie der Rohbau einer Doppelgarage und war stolz auf seine Fischkarte.

Das russische Wort für meinen Lieblingsfisch hatte ich vorsorglich im Wörterbuch nachgeschlagen: „paltus“ – Heilbutt. Meine einheimischen Tischgenossen übersetzten mir, was der Kellner zu sagen hatte: man habe verschiedene Fischsorten frisch vorrätig, was ich den haben wolle.

Mutig frage ich auf russisch:„Haben sie plintus?

Völlig verwirrt der Kellner: „Ähem, was?““

“Haben sie plintus?“, wiederhole ich.

Darauf er, beleidigt: „Natürlich! Wir sind das beste Restaurant weit und breit. Wir haben hier überall plintus. In allen Räumen. Sogar auf den Toiletten.“

Jetzt war ich dran mit: „Ähem, was?“

Inzwischen hielten es meine Tischgenossen nicht mehr aus und prusteten los vor Lachen. Plintus heißt nämlich „Fußbodenleiste“. Na, zumindest hatte ich zwei Wörter gelernt, die ich ich nie wieder vergessen werde.

Übrigens, ich habe dann tatsächlich Heilbutt bekommen – er war prima. Und das Wort für Fußbodenleiste konnte ich noch zigmal verwenden, ein paar Monate später beim ersten Wasserschaden in unserer Wohnung.

Viele Grüße aus dem verregneten Moskau

Markus

P.S. Wie geht es denn bei euch in Ghana so zu, wenn ihr ins Restaurant geht?

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