Heute vor einem Jahr (mehr oder weniger)

Vorhin bin ich in eine Radarfalle in einer der vielen 30er-Zonen meiner kleinen hessischen Heimatstadt getappt. Kaum war die Wärme des roten Blitzes an meiner rechten Backe abgeklungen, erinnerte ich mich mit einem Anflug Nostalgie an eine ähnliche Situation in Kenia. Deshalb veröffentliche ich hier ein dem Anlass sehr angemessenes Memorabile, meinen Original-Strafbescheid für zu schnelles Fahren, ausgestellt vom Milimani Verkehrsgericht in Nairobi.

Ich glaube, ich habe das an anderer Stelle schon erzählt, aber nochmal: Ein solches Verbrechen zu begehen, hatte in Kenia ganz andere Konsequenzen als hierzulande. Von der Polizei gestoppt, erhielt ich dort zunächst die Möglichkeit, die Sache sofort und unbürokratisch durch Zahlung einer gewissen Summe in die private Hosentasche des Beamten aus der Welt zu schaffen.

Eigentlich sehr praktisch. Leider lebte ich in Kenia als eine Art wandelnde Antikorruptionszone. Rein aus Trotz bestach ich nichts und niemanden und machte mein Leben dadurch sehr kompliziert. Auch in diesem Fall blieb ich standhaft. Zum Dank wurde ich aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen. So verbrachte ich zwei Tage meines Lebens zunächst im Auto im Stau auf dem Weg zum und vom Gericht und natürlich auch im Verhandlungssaal.

Dort saß ich mit etwa 100 anderen Delinquenten und erwarb durch bloße und wiederholte Ausübung von Geduld den schwarzen Gürtel im Warten. Als ich nach Stunden endlich aufgerufen wurde, dauerte es von der Anklageerhebung bis zum Urteil nur etwa fünfzehn Sekunden. Ich gestand sofort und uneingeschränkt, trabte zu einem Kassentisch, zahlte umgerechnet 50 Euro Strafe und durfte endlich nachhause gehen.

Hier ist es einfacher. Es blitzte, ich fuhr weiter, mein Ärger verrauchte nach der nächsten Kurve. In zwei Wochen später werde ich einen Brief erhalten, mich noch einmal ärgern und bezahlen. So weit, so langweilig. Wie aufregend war dagegen doch Afrika. Das Leben, besonders in Ghana, schien wie ein konstanter Ausnahmezustand: das zermürbende Klima, der unsägliche Straßenverkehr, die ständigen Stromausfälle, das ausbleibende Wasser, die endlose Suche nach Wäscheständern, im Fieberwahn durchdrehende Wächter und Haushälterinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Das Aufregendste, das mir hier in den letzten Wochen passiert ist, war mein Vermieter, der im selben Haus wohnt und mich eines Morgens fragte, ob ich Plastik in die Restmülltonne geworfen habe. Ohne meine Antwort abzuwarten – fürs Protokoll: sie lautet „nein“ -, ermahnte er mich sehr sehr ernst, die gehöre da nicht hin.

In letzter Zeit werde ich öfter mal gefragt, ob mir die Rückeingewöhnung Probleme macht. Ich weiß es nicht. Aber es war etwa in diesem Moment, als ich begann Afrika zu vermissen, wenigstens ein kleines bisschen.

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