Für eine Handvoll Leberkäs

Lieber Markus,

es wird Dir nicht neu sein, aber als First Lady hat man auch gesellschaftliche Verpflichtungen.  Zum Beispiel die Organisation häuslicher Events. Letztes Wochenende musste ich deshalb erst ein Rezept für schwäbischen Kartoffelsalat ins Englische übersetzen, dann eine Köchin vom Gegenteil überzeugen und außerdem 80 Kilometer weit fahren, um drei Kilo Leberkäs zu kaufen.

Der Anlass für diesen eigenartigen Beutezug, bei dem ich sämtliche 35 in Ghana vorhandenen Autobahnkilometer einmal hin und zurück bereiste, war ein selbst veranstalteter Kinoabend. Da werden Erinnerungen wach, oder? Sicherlich denkst auch Du gerne an unsere gemeinsame Zeit beim Kommunalen Kino unserer Studentenstadt zurück. Wie wir als Partisanen des gehobenen Unterhaltungskinos gegen medienwissenschaftlich ideologisierte Kinogenossen kämpften, die unsere Gäste mit Kunstfilmen ins Koma langweilen wollten.

In Accra haben wir derweil ganz andere Probleme. Als wir im Mai 2008 das erste Mal nach Ghana reisten, um uns das Land vorab anzuschauen, gab es hier kein Kino. Zurück in Deutschland kaufte ich deshalb einen Projektor und eine Leinwand und gründete nach unserer Einreise in Ghana das – inoffizielle – Kommunale Kino Accra. Seitdem veranstalten wir hin und wieder Kinoabende, allein oder mit Gästen. Mittlerweile gibt es zwar auch hier eines dieser Shopping-Mall-Kinos, aber wer will schon ständig mittelmäßige Blockbuster oder lokale Boy-meets-Girl-Filme sehen?

In einer heimatfernen Expat-Gemeinde kann man sich auf verschiedenste Weise einen Namen machen. Die einen schmuggeln Rehrücken im Handgepäck ins Land und servieren ihn unter Palmen mit Knödeln und Rotkraut. Andere fungieren als Tatort-Dealer, weil sie auf dunklen Kanälen immer die neuesten Ausgabe des deutschen Fernsehkrimi-Unwesens beschaffen. So sammelt sich die Expat-Gemeinde sonntagabends pünktlich vorm Gerät und schaltet ein. Sehr beliebt sind auch Dienstreiserückkehrer, die die neuesten Zeitungen und Magazine aus dem Flieger klauen und unters Volk streuen. Wir haben vor allem eine große DVD-Sammlung zu bieten – und die besagte Leinwand.

Für den jüngsten Kinoabend schleppte ich also aus 40 Kilometern Entfernung einen Riesenleberkäs an. In der nahegelegenen Hafenstadt Tema metzgert einer, den alle den „German Butcher“ nennen, obwohl er angeblich aus der Ukraine stammt, akzeptable Würstchen und Leberkäs. Unter normalen Umständen würde ich an diese Köstlichkeit vielleicht bei einer Brotzeit im Biergarten denken. Doch in der Fremde treibt eine bisher nicht diagnostizierte Heimatverbundenheit erstaunliche Triebe.

Ein Bildkalender, den uns Freunde zum Abschied schenkten, erinnert im Arbeitszimmer an die Meersburg und anderes betrachtenswerte deutsche Kulturgut. Auch die DVD-Sammlung wird allmählich unterwandert. Erst gab es dort nur „Kir Royal“ und „Monaco Franze“, später kamen Loriot und Gerhard Polt hinzu, dann ein Packen Heinz Rühmann Filme und zuletzt sogar „Best of Hans Moser“. In der Not nehme ich auch Österreicher. Wenn das so weiter geht, pflanze ich demnächst wahrscheinlich einen Mast zwischen die Palmen und mache morgens schwarz-rot-goldenen Fahnenappell.

Der Leberkäs, im englischen Meat Loaf genannt, war ein wahrer Mordskerl und sollte nicht alleine bleiben. Da sich jede Menge Süddeutsche angesagt hatten, wollten wir dazu auch Kartoffelsalat reichen. Ganz großes Kino. Wie schon Meisterkoch Klink in seinem autobiografischen „Sitting Bull“ anmerkt, gilt der Kartoffelsalat als das schwierigste Gericht der schwäbischen Küche. Nie fühlt man sich jener Kaffeewerbung aus den 80ern näher, in der eine Hausfrau nach dem Kaffeekränzchen halb volle Tassen in die Küche zurückschleppt und verzweifelt eine mütterliche Freundin fragt, „was habe ich nur falsch gemacht?“.

In einem staubigen Buch namens „Großmutters tollste Rezepte“ fand ich ein Original-Kartoffelsalatrezept, natürlich auf Deutsch. Weniger die Übersetzung war das Problem, als die notwendige Überzeugungsarbeit. Unsere Köchin hatte in den Jahren zuvor schon bei einer deutschen Familie gearbeitet, die offenbar eine ganz andere Kartoffelsalat-Philosophie gehabt hatte – wahrscheinlich Nordlichter! Das kann der Schwabe nicht gelten lassen. Auch gibt es englischsprachige Koch-Websiten, doch irgendwie schleicht sich immer die Mayonnaise mit in die Rezepte.

Der Kinoabend kam. Der Kartoffelsalat hatte vorschriftsmäßig einen Tag lang durchgezogen, der Leberkäs war mit schöner brauner Kruste gebacken, Bier und Wein waren kaltgestellt, der Tank des Generators gut gefüllt (für eventuelle Stromausfälle). Es konnte also nichts schief gehen.

Und es ging auch nichts schief. Wir hatten einfach einen schönen Abend – mit einem japanischen Film aus den 50er Jahren, mit dem unser Kinogenossen von früher vielleicht versucht hätten, das Publikum ins Koma…siehe oben. Hier schien die Wahl jedoch zielgruppengerecht. Ein älterer Kollege, dem offenbar das afrikanische Durcheinander an die Nerven geht, lobte jedenfalls hinterher ausführlich die gemächliche Erzählweise und die langen, ruhigen Einstellungen.

Die drei Kilo Leberkäs und ebensoviel Kartoffelsalat waren übrigens viel zu viel. Man sollte wohl nicht heimathungrig kochen. Wir hatten noch Tage danach daran zu knabbern.

Viele Grüße aus Accra,

Michael

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