Exil – Teil 1: Der Abschied

Irgendwann wurde es so schlimm, dass ich fliehen musste. Um 23.33 Uhr zeigte das Innenthermometer 42°C. Draußen waren es 38°C. Es war nicht daran zu denken den Temperaturunterschied zu nutzen und die Fenster aufzureißen. Denn da war der rauchige Nebel der einen nicht atmen ließ. Der Nebel, der inzwischen schon einen Weg über den alten Müllschacht ins Haus gesucht hatte und sich in die Vorhänge und Kleiderschränke gesetzt hatte.

Sicher hatte ich alles versucht: alle Ritzen am Müllschacht mit Klebeband abgedichtet. Tagelang Wasser gefroren und die Eisblöcke vor dem laufenden Ventilator aufgestellt. Jeden Tag morgens mein Schlaf-T-Shirt eingefroren um es vor dem Einschlafen wieder anzuziehen.

Die Wettervorhersagen für Moskau waren niederschmetternd. Keine Aussicht auf Abkühlung oder Regen während der nächsten zwei Wochen. Auch kein Anzeichen, dass die Brände rund um Moskau unter Kontrolle wären. Der Moskauer Bürgermeister ist sicherheitshalber erst gar nicht aus seinem Urlaub in der Schweiz zurückgekommen. Er sehe keinen Handlungsbedarf, weil die Brände ja nicht auf Moskauer Stadtgebiet loderten, sondern nur in der Umgebung. Trotzdem hatte er Tausende evakuieren lassen. Dorthin, wo die Luft sauber war. Allerdings waren keine Menschen evakuiert worden, sondern des Bürgermeisters private Bienenvölker.

In der Apotheke gegenüber verkauften sie reinen Sauerstoff in Spraydosen. Vierzig Atemzüge seien drin, stand auf den Dosen. Also umgerechnet 50 Cent pro Atemzug. Ich habe eine Dose gekauft und meine Atemzüge nach Hause mitgezählt: 209

Vier Dosen auf dem Weg zur Apotheke, weitere vier auf dem Rückweg. Insgesamt 160 €. Und dann eben um 23.33 Uhr hatte ich genug: Jetzt abhauen. Flieger buchen. Am besten gleich für morgen. Das kann auch nicht kostspieliger sein als ein paar Tage Luft aus der Apotheke.

Am nächsten Morgen brauchte Gewahlt werden kann zwischen modernen Video Casino Spiele, Tischspielen, Video-Poker und auch Arcade Games sind bei diesem Anbieter vertreten. ich mein T-Shirt nicht mehr einzufrieren. Die Flugbuchung hatte geklappt – in ein paar Stunden würde ich in Zürich sein, wo es angenehme 13°C kälter sein würde.

Meine Frau und ich setzten unsere Atemmasken der Stärke FFP3 (die Stahlgießer, Galvaniker und Lackierer unter Ihnen wissen, was gemeint ist) auf und gingen aus dem Haus. Sie ging zur Arbeit, wo es wenigstens Klimaanlagen und Luftfilter gab. Und ich wartete aufs Taxi zum Flughafen.

Mir kam dieser Abschied völlig absurd vor: da gingen wir im Nebel mit unseren lächerlichen Atemmasken über den Hof und winkten bis der Andere nach 30 Metern im Smog nicht mehr zu erkennen war. Auf einem der Hof-Parkplätze stand ein Auto mit laufendem Motor. Der Fahrer darin hatte eine Atemmaske auf und schlief.

Nicht weniger gespenstisch das Bild auf der zwölfspurigen Straße vor unserem Haus: Auf meiner Straßenseite fuhr kaum ein Auto. Gegenüber staute sich der Verkehr. Durch den dichten Nebel war die Fahrspur am äußersten Rand kaum zu sehen. Die meisten der wenigen Fußgänger trugen ebenfalls Atemmasken oder hatten ein Taschentuch vors Gesicht gepresst.

Ich hatte Glück mit dem Taxi. Es war nagelneu und hatte eine Klimaanlage. Die Maske konnte ich für die nächste Stunde abnehmen.

Im Flughafen funktionierten zwar die Filteranlagen, die Klimaanlage allerdings war in die Knie gegangen. Im Terminal zeigte das Thermometer 34°C an. Wie in den meisten Flughäfen gab es auch hier diese von Tabakherstellen gesponserten Glaskabinen, in denen man rauchen durfte. Normalerweise sind diese nebligen Aquarien immer voller Raucher, aber an diesem Tag saß da nur ein dicker Mann mit Sonnenbrille der traurig an einer Zigarre sog.

Während dieser Smog-Hitzewelle erschien mir mein Leben in Moskau noch unwirklicher als sonst. So als wäre ich in einem Film von Aki Kaurismäki, wo die Welt lakonisch, sparsam und skurril ist.

Beim Einsteigen in den Flieger reichte eine lächelnde Flugbegleiterin jedem der keuchenden Fluggäste ein Täfelchen Schweizer Schokolade mit den Worten: „Das wird Ihnen guttun.“

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