Es lebe das Online-Shopping!

Es war 1995 als ich das erste Mal online einkaufte. Ich installierte den Quelle-Katalog auf meinem PC*, suchte herum, drückte auf Absenden und hörte dem Modem beim Trällern zu. Ein paar Tage später riss ich dem Postboten das Paket aus den Händen und fühlte mich wie Captain Kirk von der Enterprise: „To boldly go where no man has gone before“.

21 Jahre später sitze ich mit einem Freund in einem Café in Nairobi und klage ihm mein Leid. Mein neues Handy ist kaputt. Gerade erst hatte ich es mir aus Deutschland mitgebracht und kurz darauf per DHL für teures Geld zur Reparatur zurückgeschickt. Nun hängt es seit zwei Wochen im deutschen Zoll fest. Trotz des beigelegten deutschen Kaufbelegs sind die Beamten felsenfest davon überzeugt, dass ich das Telefon aus Kenia importieren will und fordern hohe Gebühren. So schnell wird das also nichts werden mit der Reparatur, ein Neues muss her.

Leider kann Einkaufen in Nairobi ganz schön nervig sein. Die Geschäfte liegen quer über eine Stadt verstreut, die unter chronischer Verstopfung leidet. Mal führen sie das Gesuchte, mal nicht, in jedem Fall verlangen die meist indischen Besitzer verlässlich Phantasiepreise und lächeln dabei aufs verbindlichste.

1Selbstmitleid hilft auch nicht weiter

„Ach, gäbe es doch nur Online-Shopping“, jammere ich und rühre selbstmitleidig in meinem Kaffee. Da sagt der Freund, der erst kürzlich zugezogen ist, verwundert: „Gibt es doch!“ Ich staune und bin fast ein bisschen beleidigt. Nun muss ich Kenia-Veteran mich von einem Greenhorn belehren lassen.

Das hatte ich schon in Ghana erlebt: Man braucht Jahre, sich mühsam im Alltag einzurichten, ist irgendwann froh, dass Telefon, Internet, Fernsehen, Gas, Elektrizität und Wasser halbwegs funktionieren und lebt fortan unter dem Motto „never touch a running system“. Dann kommen die Neueinsteiger und stellen alles auf den Kopf.

Als wir vor vier Jahren ankamen, funktionierte kaum das Internet. Jetzt haben wir DSL, der Mobilfunk ist sogar zwischen Löwen und Elefanten im Nationalpark noch topp und in der Gefriertruhe unseres Supermarktes liegt deutscher Apfelstrudel. Und Online-Shopping gibt es nun offenbar auch, ich war wohl nur zu bequem, es zu bemerken.

Existiere ich denn wirklich?

Wieder zuhause browse ich begeistert durch Jumia.co.ke. Ein richtiger, echter kenianischer Online-Shop. Ich finde ein Telefon und bestelle es. Eine Minute später, vielleicht sogar weniger, ruft mich eine freundliche Frau an, fragt, ob ich denn wirklich existierte und ob ich tatsächlich gerade ein Telefon bestellt hätte. Ich bejahe beides.

Zwei Tage später erhalte ich eine SMS aus England, mein Telefon sei auf dem Weg und würde morgen geliefert werden. Am späten Nachmittag wird mir die Lieferung nochmals telefonisch angekündigt. Die freundliche Frau am Telefon erinnert mich daran, das Geld doch bitte passend parat zu haben.

Auf keinen Fall vorher bezahlen

Auf Anraten meines Wächters Collins hatte ich nämlich „Zahlung bei Lieferung“ gewählt. Als ich ihm vom Online-Shopping erzählte, konnte er, der noch nie einen Computer benutzt hat, sich das nicht so richtig vorstellen. Als ich ihm dann sagte, dass man dabei meistens vorher bezahlte, warf er entsetzt die Hände zum Himmel und rief: „Sir, das sollten Sie aber auf gar keinen Fall tun!“

Am nächsten Morgen erfahre ich, dass der „Rider“, also der Motoradfahrer, auf dem Weg sei. Gegen 11 Uhr knattert es vor dem Tor, ein Mann in Lederjacke fährt vor. Aus einer Kiste auf dem Gepäckständer, die sehr nach Pizza-Service aussieht, zieht er eine weiße Plastiktüte. Darin die kleine Schachtel mit dem Handy. Während er das Geld zählt, linse an ihm vorbei in die Kiste. Sie ist bis obenhin voll mit anderen weißen Tüten. Der Laden läuft, wie es scheint.

Bei wem habe ich eigentlich eingekauft?

Später, als ich das Telefon konfiguriere und dabei große Updates herunterlade, frage ich mich, wo ich da eigentlich eingekauft habe. „Jumia“ heißt der Online-Shop, was laut verlässlicher kenianischer Quelle – dem Tagwächter – so etwas wie „Zusammenkommen“ bedeutet.

Jumia ist Teil der Africa Internet Group, die seit 2012 in 26 Ländern 71 Firmen gegründet hat. Anteile an der AIG haben Millicom (Medien und Telekommunikation, Hauptsitz Schweden), MTN (Medien und Telekommunikation, Hauptsitz Südafrika) und Rocket Internet (Startup-Brutstation, Hauptsitz Deutschland).

Zalando ist überall

Rocket Internet? Das sind doch diese Samwer-Brüder! Die sind mir schon einmal über den Weg gelaufen, als ich 1999 noch bei der Wirtschaftswoche arbeitete und auf einer Pressekonferenz in Berlin Zeuge war, wie die drei ihre Ebay-Kopie namens Alando vergoldeten. Wie man an Zalando sieht, recyclen die Jungs nicht nur fremde Geschäftsideen, sondern sogar die Namen ehemals eigener, längst verkaufter Unternehmen.

Die Presse, die Marc, Oliver und Alexander Samwer seitdem bekommen haben, war nicht immer die beste. Die klauten und kopierten ja immer nur andere erfolgreiche Ideen, wird genörgelt. Mag sein. Ich schaue dem Akku meines neuen Handys beim Aufladen zu und bin eigentlich ganz dankbar. Natürlich ist Jumia nichts anderes als eine Kopie von Amazon. Amazon ist aber nicht hier.

Lieber gut kopieren, als gar nichts machen

Auch sonst haben noch nicht viele den Schritt nach Afrika gewagt. Ich weiß vom schweizerischen Medienhaus Ringier, das in Kenia eine Rabatt- und eine Kleinanzeigenplattform betreibt. Und sonst? Von Holtzbrinck, Burda oder Axel Springer, alles deutsche Verlage, die sich auch – mal mehr, mal weniger – mit Internet-Business beschäftigen, ist nichts zu sehen.

Da lobe ich mir doch eine funktionierende Kopie aus den Händen von Leuten, die Startups am Fließband produzieren, auf die wahrscheinlich nicht nur ich, sondern auch viele andere in Kenia, Nigeria und Südafrika, in Ghana, Uganda und Kamerun gewartet haben.

Vertrauen ist gut. Misstrauen viel besser

Denn sonst läuft Einkaufen hier so weiter, wie neulich, als ich einer Organisation beim Aufbau ihrer IT helfen und eine Netzwerkfestplatte beschaffen wollte. Zunächst war das Teil nirgends aufzutreiben. Als ich dann endlich nach stundenlanger Recherche im Internet einen Anbieter gefunden hatte, bestand der auf Vorauszahlung von 75 Prozent.

Achtung. Vorauszahlung! Wir schickten erst einmal einen Fahrer, der nachschauen sollte, ob es diesen Laden überhaupt gibt. So ist das, wenn sich die Leute gegenseitig misstrauen. Dann dauern allein die Verhandlungen über die Zahlungsmodalitäten Tage.

Am Ende einigten wir uns auf 65 Prozent Vorauszahlung, die per Scheck angewiesen wurden. Den musste der Laden erst einmal einlösen, denn Schecks können schließlich auch platzen. Dann bestellte er wiederum die Festplatte beim Großhandel in Dubai. Und wir hofften, dass wir solange ohne Backup überleben würden.

Der alte Sack und das Internet

Als der Akku meines neuen Handys aufgeladen ist, rufe ich erst einmal den Freund an, der mir den Tipp fürs Online-Shopping gegeben hat. „Brav“, sagt er, der wesentlich älter ist als ich, und fügt hinzu: „Ist doch schön, dass ich alter Sack Dir in Sachen Internet noch was beibringen kann.“

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* Ganz recht gelesen, so war das früher. Der Katalog des Versandhauses Quelle, seit 2009 insolvent, lag 1995 auch auf CD vor. Aber nur in Auszügen. Ganze 500 Artikel gab es dort zu sehen. Microsoft hatte zwei Jahre zuvor sein Multimedia-Lexikon Encarta auf CD auf den Markt gebracht und es den CD-Laufwerken gratis beigelegt. Diese CD gab vielen Leuten erst einen Grund, ein Laufwerk für ihren Computer zu kaufen. 400 Mark kostete meins damals. Es konnte nur lesen und noch keine CDs brennen.

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