Es brennt, es brennt!

Lieber Michael,

Nachts hat der Wind gedreht. Und alles wurde noch viel, viel schlimmer.

Na? Klingt der letzte Satz nicht wie der Vorspann eines Gruselfilms aus den Fünfzigern? Oder eines Katastrophenfilms aus den Siebzigern? „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ oder so ähnlich. Sooo weit hergeholt ist das noch nicht Mal. Auch wennfemme doudoune canada goose ich mich an die Momente im Moskauer Leben, wo ich mich wie im Grusel- oder Katastrophenfilm fühle, eigentlich längst gewöhnt hatte.

Es begann damit, dass in Moskau ein Wetter herrschte, wie es bei Dir in Accra jeden Tag herrscht: 32° Grad. Dazu Abgase und Smog. Eigentlich ist das ja auch kein Problem für die Moskauer. Hitze für ein paar Tage. Auch der Dreck und Gestank ist normal. Alle wissen, dass sich ein morgens weißer Hemdkragen bis abends beige färbt. Auch dass manche dem Problem zu entgehen versuchen und Polyesterhemden tragen. In Kauf nehmend, dass sie nach ein paar Stunden den Körpergeruch eines brünstigen Wiesels verströmen, sodass U-Bahn-Fahrten im Moskauer Sommer dem Geruchserlebnis eines Besuchs einer Pelztierzucht entsprechen.

Wie gesagt: Alltag. Normal. Wenn für ein paar Tage lang die Durchschnittstemperatur von 24° auf 32° klettert. Doch es sind jetzt schon sechs Wochen lang über 32°, ja sogar über 35°, 38° Grad. Und nun scheinen sich alle im Ausnahmezustand zu befinden. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill fordert seine Gläubigen auf, um Regen zu beten. Anderer Meinung ist die Frau, die vorgestern hinter mir im Trolleybus saß: Sie ist überzeugt, es handle sich um die gerechte goose couple vente Strafe Gottes, wegen des gottlosen Lebens und des moralischen Verfalls in Russland. Mit derselben Begründung hatte übrigens vor einem halben Jahr Patriarch Kyrill die Erdbebenkatastrophe auf Haiti kommentiert. Nur meinte er natürlich die Moral und den Voodooglauben der Haitianer. Dann kursiert da noch die unvermeidliche Verschwörungstheorie: Russische, amerikanische, chinesische oder arabische (je nach persönlichem Wahnsystem) Politiker und Wissenschaftler, seien gerade dabei die Erdachse zu kippen. Die Hitze sei erst der Anfang.

Na, zumindest bin ich froh, dass ich schon vor Jahren einen großen Ventilator gekauft hatte. Damals hatte mich meine Frau noch belächelt, weil ich mich für ein Gerät der Größe „Military Grade“ entschieden hatte, mit dem man bei ausreichender Deckenhöhe Drachen steigen lassen kann…

Ein Bekannter dagegen hatte immer amüsiert zu Besten gegeben, dass sein Vermieter die einzige Klimaanlage der Wohnung ausgerechnet in der Küche eingebaut hat. Jetzt hat mein Bekannter seine Matratze in die Küche geschleppt und schläft dort in gekühltem Bettzeug.

Überhaupt: Wer jetzt Klimaanlagen zu verkaufen hat, macht nun das Geschäft seines Lebens. Das kleinste Modell kostet normalerweise etwa 8.000 Rubel also gut 200 Euro. Wegen der gestiegenen Nachfrage liegt der Preis inzwischen bei unanständigen 80.000 Rubel. Und noch etwas ist in der Stadt knapp geworden. Medikamente gegen Magenverstimmung und Durchfall. Bei diesen Temperaturen jubeln eben auch Salmonellen und Listerien.

Zur Hitze kamen die Brände. Rund um Moskau liegen riesige Torffelder. Nach ein paar Wochen Hitze waren sie trocken genug, sich sogar selbst zu entzünden. Die berühmte „achtlos weggeworfene Zigarette“, wäre gar nicht nötig gewesen. Obwohl es hierzulande die vermutlich weltweit größte Population achtlos weggeworfener Zigaretten gibt. Der Rauch von brennendem Torf ist gelblich. Er riecht im angenehmsten Fall wie ein Sägewerk im Hochsommer. Im schlimmsten Fall wie verkohltes Guinness. Der Rauch legt sich sofort in den Hals, man hustet dauernd und es fühlt sich an, als habe man feines Sägemehl in der Kehle. Nur Wasser trinken hilft da ein wenig. Die Moskauer Behörden raten allen, die können, zuhause zu bleiben, oder draußen online australian casinos Atemmasken zu tragen. Den Torfnebel einzuatmen sei so, als würde man 50 Zigaretten rauchen.

Vor einiger Zeit sind auch die Wälder rund um Moskau in Brand geraten und alle fürchten, dass das Feuer nun auf die Weizenfelder übergreift. Es brennt jetzt an fast 800 Stellen und beinahe eine Viertelmillion Feuerwehrleute sind im Einsatz. Die Brände sind inzwischen näher als zehn Kilometer ans Moskauer Stadtgebiet herangekommen. Premier Putin hatte sofort den Besitzern abgebrannter Häuser die doppelte Entschädigung sowie eine Soforthilfe von 10.000 Rubel in bar versprochen. Ein paar Tage später erwischte man die Ersten, die gerade ihre Häuser anzündeten, um an die Entschädigung zu kommen. Andere verhaftete man, als sie versuchten die Soforthilfe mehrfach zu kassieren.

Wenigstens hatte es vorgestern Morgen eine halbe Stunde lang geregnet. Die Luft war atembar, sodass ich mich auf den Weg in einen Park gemacht hatte. Nach tagelangem Zuhausebleiben war das DIE Gelegenheit vor die Tür zu kommen, ohne dauerndes Husten in Kauf nehmen zu müssen. Im Gorki-Park (der eigentlich Park Kultury heißt) gibt es ein sehr gutes usbekisches Restaurant die „Tschaichana 1“ in dem nicht nur anständig gekocht wird. Sondern wo man auch unter einem Zeltdach am Fluss auf Diwanen liegt, sich eiskalte hausgemachte Estragonlimonade („Tarchun“) schmecken lassen kann, während man auf sein Hammelschaschlik wartet und den Ausflugsdampfern auf der Moskwa zusieht. Hätte man mir eine Harfe in die Hand gedrückt – ich hätte nicht umhin gekonnt eine Imitation von Peter Ustinov als Kaiser Nero zu geben: „Ooooh looodernde Flammen, Ooooh brrrrennendes Feuer….“

Etwas albern wäre das zwar, aber wenigstens angemessen bei dieser Hitze.

Gestern Nacht hat dann der Wind gedreht. In Richtung Moskau. Und alles wurde noch schlimmer.

Zuvor war es so, als würde bei einem Blick in die Ferne die Welt ein paar Dioptrien unschärfer erscheinen. Heute Morgen ließ der Torfnebel auch die Häuser gegenüber verschwommen erscheinen und es roch, als wären ein Sägewerk und eine Brauerei in Brand geraten.

Also: Alle Fenster schließen, Vorhänge zu und alle Ventilatoren auf Vollgas. Den Kühlschrank auf „Turbo“. Dann große Mengen Pfefferminztee kochen, weil der sogar heiß getrunken etwas kühlt. Der Rest wird nach dem Abkühlen auf Zimmertemperatur (37° Grad) in den Kühlschrank wandern. Jetzt noch ein paar T-Shirts falten und ins Gefrierfach legen. Dann warten, bis sich der Wind wieder dreht und sich darauf freuen, in einer Stunde das erste tiefgefrorene T-Shirt anzuziehen.

Viele Grüße aus dem sommerlichen Moskau

Markus

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