Ein Abschied in Kisten (und mit Bart) 2

Was bisher geschah: Wir ziehen von Ghana nach Kenia und nehmen mindestens 167 Kisten in einem kleinen Container mit. Der hauptamtliche Packer, also ich, hat geschworen, sich solange nicht mehr zu rasieren, bis er die Rücklichter des Lastwagens am Horizont verschwinden sieht. Wird auch dieses Mal alles in den Container passen? Wird der Lastwagen funktionierende Rücklichter haben? Und werde ich dieses Jahr keinen Kunstbart benötigen, um Nikolaus zu spielen? Dieses und mehr im folgenden Beitrag.

Nach den bisher beschriebenen Erlebnissen in Deutschland war nun die Frage: Wird unser Krempel auch dieses Mal in den Container passen? Während die ISO-normierten Seefracht-Container in der Zwischenzeit nicht größer geworden sind, hat unsere Habe in den vergangenen beiden Jahren leider an Volumen zugelegt. Seit einem kürzlich getätigten Spontankauf haben wir nun acht statt bisher vier Esszimmerstühle, nur so als Beispiel. Also beschloss ich, alles selbst zu einpacken, dabei auseinander zu nehmen, was Schrauben hat, Dinge ineinander zu verschachteln, Leerräume mit Kissen, Bettzeug und T-Shirts zu füllen, kurzum: Platz zu sparen, wo immer es ging.

Sieben ist die magische Zahl. Sieben Tage sollte die Arbeit dauern, und während meine Bandscheiben immer kleiner wurden, wuchs der Bart in ungekannte Länge. Bei der Gelegenheit durfte ich auch erfahren, dass er in großen Teilen mittlerweile grau ist, wenn man ihn mal rauslässt. Während ich also, je nach Präferenz, zunehmend Käpt’n Iglo oder dem Nikolaus ähnelte, packte ich und packte und packte ich. Und packte, packte, packte und dann, weil es so schön war, packte ich noch ein bisschen mehr.

Alle, die schon einmal umgezogen sind und nicht die Dienste eines professionellen Relocation Managers in Anspruch genommen haben, wissen, welche Selbsttäuschung es beim Packen zu überwinden gilt. Meine persönlichen fünf Regeln sind:

1. Wenn Du nach, sagen wir, einem Tag glaubst, schon viel geschafft zu haben, dann hast Du, um mal eine Bergmetapher zu bemühen, noch nicht einmal den Parkplatz an der Talstation erreicht;

2. Hast Du Dich nach ein paar Tagen durch alle Räume hindurchgearbeitet und die Zahl der Kisten hat die Hundert überschritten, fällt Dir mitten in der Nacht die Garage ein;

3. Dinge, die Dich wirklich aufhalten, kommen immer überraschend. Beispielsweise kann Dich eine ausgeleierte Imbus-Schraube an einem Regal bis zu 30 Minuten kosten;

4. Der Volkshochschulkurs „Die zeitgenössische Pappskulptur im Eigenbau“ macht sich auf jeden Fall bezahlt, wenn es darum geht, skurril geformte Lampen bruchsicher zu verpacken;

5. Und schließlich: Bist Du Dir absolut sicher, nun wirklich alles verpackt zu haben, fallen noch mindestens 20 Kisten zusätzlich an.

Der Tag des Containers kam. Zwei Helfer verschnürten die letzten Möbelstücke mit wahrer Haute Couture aus Pappe. Gegen zwei Uhr nachmittags meldeten sie stolz: Wir sind fertig. Pret-a-porter, sozusagen. Ungläubig ging ich durchs Haus. Alles sah aus wie bei einer Christo-Ausstellung, mit deutlichen Einflüssen von Dali. Ich holte mir eine Flasche Wasser aus der Küche. Dort entdeckte ich zwei Kühlschränke, eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler und einen Herd aufgereiht wie der Chor der Weißen Ware, in unverpacktem, also quasi nacktem Zustand. Die Küche hatten die beiden Möbelpacker leider vergessen.

Um drei sollte der Container kommen. Jetzt war also Eile angesagt. Die zwei wirbelten, „Fuzz, fuzz, fuzz“ sagte einer ständig, was wohl „schnell, schnell, schnell“ hieß. Gegen vier rumpelte es ganz fürchterlich vor der Türe. Ein Tieflader, bei dem die Gänge mit dem Hammer eingelegt werden mussten, fuhr durchs Tor, rasierte eine Hecke um, riss Äste von den Bäumen und kam knirschend vor der Haustüre zum Stehen.

Die Beladung begann. Der Oberpacker wollte erst einmal halbhoch laden. Da wir den Anblick unseres Containers von damals noch vor Augen hatten, widersprachen wir energisch und ordneten Laden bis unters Dach an. Macht er nicht, sagte er. Macht er doch, sagten wir. Nein. Doch. Das ging eine Weile so, dann fügte er sich, und der Strom an Kisten und Kästen, die den Container innerhalb einer knappen Stunde füllte, gab uns Recht.

Am Ende sah das Ganze aus wie Presswurst in der Dose. Das letzte Packstück mit der Nummer 180 war das ausgeklappte Gästesofa, das sich wie ein Deckel über alles andere legte. Container-Türen zu, Siegel dran, ein Gang wurde krachend eingelegt, und die Rücklichter des Lastwagens verschwanden, nicht hinter dem Horizont, sondern etwas weniger dramatisch nur hinter unserer Gartenmauer. Das heißt: Sehen konnte man nur das rechte Rücklicht, das linke war kaputt.

Erschöpft räumten wir die Kartonreste und Klebebänder weg, dann hallte ein Schrei durchs leere Haus: Ich hatte die Werkzeugkiste vergessen einzupacken, die den ganzen Tag noch in Gebrauch gewesen war. Die werden wir nun entweder per Post hinterher schicken, oder sie im Flugzeug als drittes Gepäckstück mit nach Nairobi nehmen.

Am nächsten Morgen, es war gegen 7 Uhr, nahm ich mir mit zwei Rasierklingen gleichzeitig den Bart ab.

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