Die Qual der Wahl

In den letzten Tagen denke ich oft an Snickers. Nicht, weil viele Geschäfte geschlossen haben und der Schokoriegel nicht so einfach wie sonst erhältlich ist, sondern weil’s mal wieder länger dauert. Kenia hat gewählt, aber das mit dem Auszählen der Stimmen zieht sich. Was sich auch zieht, sind die Abende, denn während draußen Wahlkrimis geschrieben werden, bleiben mir nur die hölzernen Räuber und Gendarm-Spiele im ZDF-Vorabendprogramm.

Natürlich könnte ich auch einen der vielen kenianischen Nachrichtensender einschalten. Doch ist das Programm ähnlich langweilig wie beim ZDF, mit dem Unterschied, dass die Langeweile dort mit weit höherem Aufwand und unter Beteiligung von Schauspielern produziert wird. KTN, Citizen, NTV oder KBC machen es sich einfacher. Die Kamera verweilt einfach stundenlang auf einem unscharfen Computer-Bildschirm, der eine Tabelle mit den Wahlergebnissen zeigt. Erfreulich dabei ist immerhin die Abwesenheit von Moderatoren, die darüber reden, dass gerade nichts passiert.

Gebannt verfolgen Millionen Kenianer und ich, wie sich mal nach ein paar Minuten, mal erst nach einer Stunde, manchmal auch stundenlang überhaupt nicht ein paar Stellen hinter dem Komma verändern. Weil das wirklich öde ist, haben die TV-Manager sich gesagt, wenn wir schon kein Bewegtbild senden, dann müssen wir wenigstens den Ohren etwas bieten. Deshalb läuft im Hintergrund ein kurzes, abgefeimtes Musikstückchen auf unendlicher Wiederholung, ein namenloses rockiges Etwas, das einen nach nur dreimaligem Hören um den Verstand bringt.

Dieser Jingle soll wohl die Dramatik der Situation untermalen, aber auf die Dauer ist das so, als stünde dort ein Mensch, der in einem fort sagt: „Spannend, gleich wird’s spannend, aber hallo, und wie, nur noch ein bisschen, Geduld, ein paar Sekunden, ich sage Euch, dann kippt ihr aus den Latschen, wartet, nur noch… jetzt, ja, oh, wie spannend, ja-ah!, gleich kommt’s, jetzt, welch‘ ein Drama, ja, jaaa, ach, naja, sorry, nein doch noch nicht, aber vielleicht jetzt, also, ich glaube, jetzt aber wirklich…“

Um meine Qualen nachzufühlen, stelle man sich nun bitte vor, es handle sich dabei um die die ersten beiden Takte aus Beethovens 5. Sinfonie und dass diese beiden Takte wiederholt werden, zehn Mal, hundert Mal, tausend Mal und so weiter. Und zum Schluss stelle man sich vor, wie es ist, erst nach stundenlanger Ohrenfolter auf die Idee zu kommen, einfach den Ton auszustellen.

Vielleicht trägt dieses musikalische Gehirnwäsche zur allgemeinen Ruhe bei. Es scheint, als hätten die Kenianer bei dieser Wahl eine Art Gesellschaftsvertrag abgeschlossen. Zwar ist die Arbeit der kenianischen Wahlkommission ein Lehrstück, wie man die Auszählung der Wahlen technisch so schlecht wie nur möglich ausführt. In ihren Entschuldigungen ist die Rede von überlasteten Servern, zusammenbrechenden Telefonleitungen und von einem Software-Fehler, der die Zahl der ungültigen Stimmen verachtfacht hat. Dennoch bleiben alle ruhig – Politiker, Bevölkerung, Medien.

Hin und wieder wird es mir zu fad, bei abgeschaltetem Ton eine unscharf abgefilmte Tabelle anzuschauen und auf den Wahlsieger zu warten. Dann mache ich mir Kaffee, schmiere ein Marmeladenbrot, öffne die Küchentüre und schaue der Katze beim Schlafen zu. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass auch sie in den vergangenen Tagen viel friedlicher geworden ist, sie schreit nur noch selten. Wer weiß schon, ob das an den good vibrations in der Luft liegt, oder daran, dass ich nun endlich kapiert habe, ihr rechtzeitig und ausreichend von dem Futter zu geben, das sie am liebsten mag.

Apropos good vibrations: Zeitungen, TV-Stationen und Rundfunksender in Kenia betreiben in diesen Tagen einen äußerst gemäßigten Journalismus; vielleicht, weil sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind, vielleicht aber auch, weil ein Journalisten-Kollege nach den Unruhen von 2007/08 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt wurde. Wer zu stark auf Pauke haut, kann gleich einen Flug in die Niederlande buchen.

Nur ein einziger Politiker, Angehöriger der Partei, die zu verlieren scheint, sorgt für eine gewisse Unruhe. Er unterstellt Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung der Stimmen. Die Wahlkommission weist das zurück. Alle anderen sagen, das solle doch vor Gericht verhandelt werden und zwar, bitte, hinterher. Niemand scheint eine Fortsetzung dieser langwierigen Auszählung zu wollen, niemand einen zweiten Wahlgang, zu dem es kommen wird, wenn keiner der Kandidaten eine Mehrheit von über 50% erreicht. Wahrscheinlich möchte auch niemand noch länger diesen Musik-Jingle im Fernsehen ertragen müssen.

Auf dem Rückweg vom Hinterhof, der vormaligen Schrei-Bühne und nun Chillout Zone unserer Adoptiv-Katze, die übrigens unter Arthrose zu leiden scheint – ständig streckt sie ihre Hinterbeine aus, werfe ich einen Blick in die Speisekammer. Die Vorräte an Hackfrüchten, Dosenobst, H-Milch und Snickers schmelzen dahin. Zeit für einen Einkauf.

Viele Läden haben geschlossen, hört man, viele Kenianer gehen nicht zur Arbeit und bleiben zuhause. Das will ich sehen und fahre durch ungewohnt leere Straßen zu jener Shopping-Mall, in der ich jüngst im festen Glauben an eine bessere Zukunft E.s Blazer in die Reinigung gebracht habe.

Die Klamotten sind sauber, auch mein Lieblings-Café hat geöffnet. Drinnen sitzt die übliche Menagerie aus Jüngern der Apple-Sekte, die ihren Glauben auf den aufgeklappten Deckeln ihrer Laptops bekennen, First Ladies, deren aufwendig frisiertes Haar im warmen Wind weht, während sie den dritten Cappuccino schlürfen und kenianischen Business-Men, die vergnügt gemeinsam Verträge durchgehen. So weit, so normal, auch wenn es deutlich leerer ist, als sonst.

***

Richtigstellung: Wahr ist, dass ich viel Cappuccino trinke, falsch hingegen, dass mein Haar aufwendig frisiert wäre. Es ist gerademal grob gekämmt. Auch weht es nicht im warmen Wind. Ich sitze nicht auf der Terrasse, sondern drinnen. Draußen gibt es, nein, nicht Kännchen, sondern einfach zu viel Sonne.

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