Die Götter müssen taub sein

Lieber Markus,

es ist schon paradox: da hat Ghana 300 Kilometer Atlantikküste, mehrere große Flüsse und den größten Stausee der Welt, aber schwimmen gehen kann man nirgends. Am Meer ist die Brandung zu hoch, um einen einzigen vernünftigen Schwimmzug zu machen, und vor den Süßgewässern wird wegen Bilharziose gewarnt. Gut, dass es den etwas anderen Lake Bosomtwi gibt, an dem wir die Osterfeiertage verbracht haben.

250 Kilometer im Norden von Accra liegt dieser heilige See der Ashantis, die einst ein stattliches Königreich besaßen, bis die Briten um 1900 damit Schluss machten. Etwa eine Million Jahre zuvor knallte hier ein Meteorit in den Boden und formte einen heute 8 Kilometer breiten und 80 Meter tiefen See. Woher das Wasser kommt und wohin es geht, ist nicht geklärt, denn der See hat weder Zu- noch Abfluss. Dennoch ist er stets verlässlich voll, das Wasser einigermaßen frisch und dank geheimnisvoller Gase frei von Bilharziose.

Als gute Touristen hatten wir uns vor der Anreise über die örtlichen Eigenheiten erkundigt. Beispielsweise darf kein Metall in den See gelangen, denn das, so geht die Legende, mögen die Götter nicht. Die ortsansässigen Fischer haben deshalb eine ganz eigene Technik entwickelt, indem sie auf behauenen Baumstämmen, die wie dicke Surfbretter aussehen, hinaus paddeln und die Netze auswerfen.

Ich war vor einigen Monaten schon einmal hier gewesen und hatte die gute Luft, die absolute Stille und wohl auch die Metallfreiheit genossen. Wir staunten deshalb nicht schlecht, als wir beim ersten Ufergang dort ein Motorboot liegen sahen. Drin saß ein braungebrannter 70-jähriger, der sich in wundervollem Aushilfsenglisch mit seiner ghanaischen Begleiterin unterhielt, die etwa ein halbes Jahrhundert jünger war als er. Vermutlich war sie seine Nichte.

Diese Nichten sind überhaupt ein erstaunliches Phänomen. Kaum zu glauben, wie viele von ihnen Sonntagnachmittags um die Pools der guten Hotels in Accra promenieren und dabei zeigen, was sie haben. So findet jede von ihnen innerhalb kürzester Zeit einen netten, meist ältlichen, weißen Onkel. Schön, wenn familiäre Bande noch so gut funktionieren. Vermutlich die Festigung dieser im Sinn, warf der schweizerische Onkel nach einer Weile den Motor an, würgte ihn fünf Mal ab, und fuhr endlich unter großem Radau und Gestank in den Sonnenuntergang.

Ostern ist ein christlicher Feiertag, und da die Leute hierzulande meist sehr, sehr christlich sind, wird an Ostern gefeiert, was das Zeug hält. Das Motorboot war weg, die Dunkelheit da, als von Ferne Musik zu uns herüber dröhnte. Zu einer ordentlichen Feier, egal ob Beerdigung, Hochzeit oder einfach so, gehören hier immer Soundsysteme, deren Lautsprecherboxen in jedem Fall größer sein müssen als der größte anwesende Gast. Vom anderen Ufer, also aus 8 Kilometern Entfernung, hörten wir deutlich und zum Mittanzen eine mit der Brechstange auf Dancefloor getrimmte Version von „Time after time“.

Lärm sollte unser Begleiter an diesem Wochenende werden. Die Party auf der anderen Seeseite wurde nämlich jäh von einem tropischen Gewittersturm unterbrochen, der sich seinen Namen redlich verdiente. Die schlechte Nachricht: Nach den ersten paar Blitzen fiel der Strom und damit auch der Deckenventilator unseres Ferienhäuschens aus. So kann man auch gemeinsam heiße Nächte verbringen. Die gute Nachricht: Das Wasser im See hatte sich am nächsten Morgen von viel zu heiß auf leidlich erfrischend abgekühlt.

Der nächste Abend verlief recht ähnlich, nur dass die Musik diesmal von mehreren Seiten über den See schallte, und das nachfolgende Gewitter noch ein wenig heftiger war. Vielleicht waren die Stürme die Rache des heiligen Sees für den Motorboot-Opa und für den Party-Lärm. Wäre ich einer der Seegötter, ich würde schon für Ruhe sorgen: eine kleine Klippe unterm Boot hier, eine kleine Flutwelle in die Musikanlage dort. Aber vielleicht sind sie ja mittlerweile taub.

Viele Grüße aus Accra

Michael

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