Die etwas andere Geistergeschichte

Quelle: Wikipedia/LoKiLeCh

Die Verwaltung unseres Wohngebiets plant eine Aktion für Kinder. Alle Anwohner sind gebeten, an ihren Toren ein bestimmtes Plakat aufzuhängen um ihre Teilnahme zu signalisieren. Da ich kein Spielverderber sein will, drücke ich meinem Wächter das Plakat in die Hand mit dem Auftrag, es am Tor zu befestigen. Er nimmt es, liest, erstarrt und schaut mich schweigend an.

Dass unser Wächter einmal nichts sagt, ist selten. Normalerweise ist er ein überaus red- und leutseliger Mensch, der sich gerne über Gott und die Welt unterhält. Stundenlang fragt er mich über Europa aus und ich ihn über Kenia. Beide lachen wir herzlich über die jeweils seltsamen Dinge, die der andere erzählt. Jetzt aber scheint er keine Fragen mehr zu haben. Oder eine Frage, die so gewaltig ist, dass es ihm die Sprache verschlagen hat.

„Ist was?“, frage ich ihn.

„Naja, Sir (das Hauspersonal redet einen hier immer mit „Sir“ oder „Madam“ an, nur die Putzfrau nicht, die sagt „Boss“), das Plakat hier…“

„Was ist mit dem Plakat?“

„Da steht…“, er macht eine kleine Pause, „da steht das hier“. Er deutet auf das große, fettgedruckte Wort ganz oben.

Ich schaue es mir noch einmal genau an, kann aber nichts Seltsames finden.
Deshalb sage ich: „Ja, da steht Halloween.“

„Oh, Sir, sagen Sie das nicht, sagen Sie das nicht.“

„Was? Halloween?“

„Genau.“

„Warum denn nicht?“

„Weil das Teufelsanbetung ist.“

Jetzt bin ich mit Staunen dran. Soweit ich mich erinnere, hat Halloween irgendetwas mit „Allerheiligen“ zu tun. Mehr weiß ich in diesem Moment auch nicht. Aber Teufelsanbetung? Eher das Gegenteil.

Deshalb frage ich: „Wie kommst Du denn darauf?“

„Es war in einer Reportage im Fernsehen.“

Es stellt sich heraus, dass das kenianische Fernsehen einige Tage vorher folgende Geschichte in den Abendnachrichten gebracht hatte:
Bei der Routinekontrolle eines Seefrachtcontainers finden Zöllner im Hafen von Mombasa eigenartige Dinge: Totenschädel, blutig bemalte Masken mit heraushängenden Augäpfeln, abgehackte Plastikhände und Gummiskulpturen halber menschlicher Körper an denen Gummiratten nagen.

Keiner kann sich erklären, wozu das eklige Zeug dienen soll. Aberglauben ist besonders unter den Leuten an der Küste weit verbreitet. Also ist der Fall klar: Das muss Zubehör zur Anbetung des Teufels sein, und der Besitzer des Containers ist mindestens der Antichrist.

Die Hafenbehörde stoppt die Lieferung und fahndet nach dem Besitzer des Containers. Schnell stellt sich heraus: Es ist ein Politiker, ein ehemaliger Minister. Teufelsanbetung und ein Minister, das sind zwei Zutaten mit 100% Skandalgarantie. Er gibt eine Erklärung ab, die Sachen gehören ihm nicht, sie waren nur Beiladung in seinem Container. Dann meldet sich ein großes Einkaufszentrum in Nairobi. Das sei die Dekoration für das kommende Halloween-Fest.

Es ist zu spät. Die Welle läuft. Auf der Webseite einer kenianischen Zeitung wird die Meldung hundertfach kommentiert. Einer schreibt „Gott hilf uns“, einer stellt eine Verbindung her zu jüngsten, ungeklärten Mordfällen her, einer sagt, „klarer Fall, das waren die Wahlverlierer“ und meint damit die politische Opposition und einer beklagt ausführlich den sittlich-moralischen Verfall des Landes. Zwischenrufer, die „Googelt doch mal Halloween, ihr Idioten“ einwerfen, werden niedergebrüllt: „Niemals hat irgendjemand in Kenia Halloween gefeiert“.

In Fällen kultureller Unsicherheit frage ich immer erst einmal das gesamte Hauspersonal. Was unser Tagwächter denkt, wissen wir ja nun schon. Auch der Gärtner kennt die Geschichte, macht große Augen und will nicht darüber reden, das sei bestimmt Teufelszeug. Nur die Putzfrau lacht sich schlapp. Sie hat zwar die Reportage auch gesehen, war aber jahrelang bei einer spanischen Familie in Nairobi angestellt. Die Kinder haben jedes Jahr Halloween gefeiert.

„Also“, frage ich sie zur Sicherheit noch einmal, „glaubst Du, dass Halloween irgendetwas mit Teufelsanbetung zu tun hat?“

„Was für ein Blödsinn, Boss.“

Ich persönlich halte nichts von Halloween. Aber rein aus Trotz kaufe ich jetzt das Süßigkeitenregal im Supermarkt leer. Ihr Kinderlein kommet! Lasst Euch nicht von Aberglauben und unserem zweifelnden Wächter abschrecken. Und sollte das Plakat an unserem Tor doch unbeachtet bleiben, dann haben wir wenigstens bis 2015 mit Süßigkeiten ausgesorgt.

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