Der Tod ist ein ungnädiger Nachbar (3)

Was bisher geschah: Unser Gärtner Leonard ist Ende Juli überfahren worden und gestorben. Ich war bei seiner Beerdigung und erwies ihm die letzte Ehre, und das ist wirklich keine Floskel. Und jetzt? Jetzt geht das Leben für seine Frau und seiner Kinder weiter. Muss ja. Wie, darum geht es in diesem dritten Teil der Geschichte.

Schon am Tag nach Leonards Tod, hatte sein Bruder auf unserem Garagenvorplatz gestanden und um Hilfe gebeten. Natürlich würden wir helfen, die Frage war nur wie und wem.

Wie ich jetzt von seinem Bruder erfuhr, war Leonard nicht nur für seine Frau, Rhoda, und Kinder, sondern auch für die gesamte „extended family“ verantwortlich. Er war für Mutter, Vater, Onkels, Brüder, Tanten, Nichten und Neffen der einzige Verdiener, „Breadwinner“ wird das hier genannt. Sollten wir uns entscheiden, mit Geld zu helfen, mussten wir also aufpassen, dass es in den richtigen Taschen landete.

Nach ausführlicher Beratung mit Collins, unserer Haushälterin Rose und anderen Einheimischen beschlossen wir erst einmal, den Bruder von den Verhandlungen auszuschließen. Die beiden waren sich einig, dass es besser sei, wenn niemand außer Rhoda wüsste, wer wem wieviel Geld gegeben habe.

Leonard hatte zwei Kinder, ein vierjähriges Mädchen, das am Grab schrecklich geweint, und einen zehnjährigen Jungen, der mit versteinerter Miene danebengestanden hatte. Anders als die Kinder von Collins besuchten sie die öffentliche Schule, was zunächst einmal eine gute Nachricht war. Denn dann musste Leonards Frau wenigstens keine teuren Schulgebühren bezahlen.

Von der schlechten Nachricht, oder sagen wir mal, der Bedrohung, die in der Luft hing, erzählte mir Rose. Sie hatte ihren Mann vor zehn Jahren ebenfalls unverschuldet durch einen Autounfall verloren. Da ihr Mann beamteter Landvermesser gewesen war, gehörte sie damals zu den Besserverdienenden. Die Familie besaß ein großes Haus und zwei Autos.

Am Tag nach dem Tod ihres Mannes standen seine Brüder vor der Türe. Doch nicht etwa um zu kondolieren. Nein, sie wollten das Haus in Besitz nehmen. Als sich Rose dagegen wehrte, wollten sie wenigstens das verbliebene Auto haben. „To make a long story short“, sagte Rose, „ich habe mich mit der Familie vier Jahre lang gestritten. Dann hatte ich es satt und haben ihnen alles überlassen. Das einzige was ich behalten wollte und auch behalten habe, ist die kleine Rente meines Mannes“.

Im schlechtesten Fall würde es Leonards Frau genauso gehen. Man würde ihr alles wegnehmen, sie könnte die Miete nicht mehr bezahlen und säße auf der Straße. Die Logik dahinter ist: Heiratet eine Frau, verliert sie ihr ursprüngliche Familie und wird Teil der Familie des Mannes. Stirbt der Mann, dann ist der Grund, warum sie Teil seiner Familie war, verlorengegangen. Das muss nicht immer so sein in Kenia, aber es kann.

Ein paar Tage nach der Beerdigung kam Rhoda vorbei. Ich fragte sie nach dem Haus, das Leonard für sich und seine Familie gebaut hatte (es war fast fertig) und ob sie dort wohnen könnte. Sie sagte, Leonard habe immer einen guten Kontakt zu seiner Mutter gehabt. Er sei sogar ihr Lieblingssohn gewesen. Das spräche für sie, als seine Frau, aber viel Hoffnung habe sie dennoch nicht.

Ich rechnete ihr vor, was ich Leonard ohnehin noch an Lohn und sonstigen Leistungen schuldig war und auch was er mir noch geschuldet hatte, da ich ihm ein paar Monate vorher Geld für den Hausbau geliehen hatte. Dann legte ich noch etwas dazu. Am Ende kam in etwa eine Lohnfortzahlung von unserer Seite für die nächsten sechs Monate dabei heraus.

Als ich Rhoda schließlich fragte, ob denn nicht auch der Unfallverursacher etwas beitragen könne, lächelte sie nur gequält. Und was hinter diesem Lächeln steckt, das wird der vierte Teil dieser Geschichte.

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