Der Tod ist ein ungnädiger Nachbar (2)

Ich mag Beerdigungen nicht. Bis Ghana hatte ich gedacht, das geht jedem so. Doch fuhren einmal die 35 jungen Leute, mit denen ich hin und wieder zusammenarbeitete, alle gemeinsam zur Beerdigung der Cousine einer ihrer Kolleginnen. Ich wiederhole: Der Cousine einer Kollegin. Ich bin damals nicht mitgefahren, denn, wie gesagt: Ich mag sie einfach nicht, die Beerdigungen. Als aber unser Gärtner Leonard starb, war klar, dass wir alle zusammen hingehen würden: Rose, unsere Haushälterin, Collins, der Tag- und Osborne, der Nachtwächter, und ich. Schließlich hatten wir fast fünf Jahre miteinander verbracht.

Seine Beerdigung sollte in dem kleinen Ort Mwimuto stattfinden, wo Leonard 41 Jahre lang lebte und eines Morgens überfahren wurde. Das klingt vielleicht lapidar, ist aber in Kenia nicht selbstverständlich. Für manche der 42 Ethnien ist es unvorstellbar, ihre Toten anderswo zu beerdigen, als in heimatlicher Erde, und damit ist nicht etwa der Friedhof des Heimatortes gemeint, sondern das eigene Stück Land.

Unser Tagwächter Collins, der zu den Luo gehört, folgt dieser Tradition, koste es was es wolle. Sonst suchten einen die Toten heim, sagt er. Die Haushaltshilfe von Freunden – ebenfalls eine Luo – bezahlte einst 600 Euro allein für den Transport ihres verstorbenen Bruders die 400 Kilometer von Nairobi nach Hause an den Viktoriasee. Ihr Monatsverdienst betrug etwa 200 Euro. Ich sagte ja: koste es, was es wolle.

Die Kikuyu, zu denen Leonard gehörte, sehen das praktischerweise etwas lockerer. Dennoch diskutierte seine Familie offenbar heftig, ob man seine Leiche vielleicht doch ins 100 Kilometer entfernte väterliche Heimatdorf bringen sollte. Collins hielt mich darüber auf dem Laufenden. Täglich wechselte der Ort des Begräbnisses. Eine Woche später war es schließlich wieder dort, wo es anfangs geplant gewesen war.

An einem Dienstag um 12 Uhr mittags sollte er begraben werden. Collins hatte seinen freien Tag, Osborne arbeitete nur nachts. Wir verabredeten uns an der örtlichen Tankstelle, wo ich mein Auto parken würde. Auf der Hinfahrt sagte Rose, das sei nicht schön, den armen Leonard auf dem öffentlichen Friedhof zu beerdigen. Sie gehörte zu den Luyha, Nachbarn der Luo, nicht nur geographisch, sondern auch bei Begräbnistraditionen. Die Gräber auf öffentlichen Friedhöfen seien sehr flach, sagte sie. Nach wenigen Monaten käme ein Bagger und würde Platz für neue Särge machen.

Von der Tankstelle liefen wir einen steinigen Weg bergauf in Richtung Friedhof. Oben angekommen deutete Collins auf den Abhang auf der anderen Seite. Der obere Teil war mit Plastikmüll übersät, Flaschen, Tüten und kaputtes Irgendwas. Das sei der Friedhof. Weil ich keine Gräber sah, sondern nur Abfall, fragte ich, ob er sich da sicher sei. Er deutete weit nach unten. Jetzt erst sah ich zwei kleine Holzkreuze in der Erde stecken. Dann entdeckte ich einen Hügel aus roter, frisch ausgehobener Erde.

Nach fünf Jahren Kenia vergesse ich manchmal, wo ich bin. Die Wege tausendmal gegangen, die Straßen tausendmal gefahren, tausendmal den Schlaglöchern und durchgeknallten Matatu-Fahrern ausgewichen und im kleinen, indischen Supermarkt einkaufen gewesen. Alltag hatte ich irgendwann in jeder Stadt, in der ich gewohnt habe. Egal ob Düsseldorf oder Frankfurt, Accra oder Nairobi, der Alltag machte sie irgendwann alle gleich. Der rote Hügel auf dem Friedhof erinnerte mich wieder daran, wo ich war. Denn diese Erde, die gab es nur hier.

Collins, Osborne, Rose und ich betraten den Platz vor der Kirche auf dem Hügel. Schon seit acht Uhr morgens saßen hier mindestens zweihundert Trauergäste, Familie, Mitglieder seiner Kirchengemeinde, Freunde und wahrscheinlich auch Hungrige, die auf eine kleine Speisung hofften.

Ich war der einzige Weiße. Ob ich hier wohl störte? Ich war etwas unsicher. Diskret klemmten wir uns ganz hinten zwischen die Leute. Ein junger Mann brachte Stühle, ein anderer eine kleine Broschüre mit Bildern von Leonard und seiner Frau, einem kurzen Lebenslauf, Liedern und Gebeten.

Vorne sprachen mehrere Pastoren nacheinander, moderiert von einem MC, dem Master of Ceremony, alles in Kiswahili. Ich verstand von all dem wenig, vor allem aber eins: Yesu. Vor ihnen stand der Sarg aufgebahrt, von Blumen bedeckt. Ein Bild und ein Holzkreuz lehnten daran. Auf dem Kreuz stand der Name und „Sonnenaufgang“ und „Sonnenuntergang“, dahinter jeweils ein Datum.

Ich blätterte gerade in der Broschüre, als Collins mich anstupste. Ich sei gerade vom MC gebeten worden, eine Rede zu halten. Mich ganz hinten zu verstecken, hatte schon in der Schule nicht funktioniert. Heute wie damals war das Problem das gleiche: Wer ganz hinten sitzt und aufgerufen wird, der muss an allen vorbei nach vorne gehen und danach wieder an allen vorbei zurück.

Ich ging den langen Weg nach vorne. Der MC gab mir ein Mikrofon. Ich sagte „Guten Tag“, um mich dann gleich zu verbessern, dass dies vielleicht doch kein so guter Tag sei. Ich sagte, dass Leonard fünf Jahre für meine Familie gearbeitet hatte und er ein zuverlässiger, fleißiger, liebenswerter Mann gewesen sei. Dass ich mir wünschte, jemand hätte mich direkt nach seinem Unfall angerufen, damit ich ihn schneller ins Krankenhaus hätte bringen können. Dass unsere kleine Tochter ihm immer Schritt und Tritt durch den Garten gefolgt sei und er ihr immer gerne all die interessanten Dinge zeigte, den Rechen, den Gartenschlauch und den Eimer. Dass wir ihn so in Erinnerung behalten würden. Dann konnte ich nichts mehr sagen. Ich gab das Mikrofon zurück und ging am Sarg vorbei den langen Weg zurück auf meinen Platz.

Endlich waren die Reden vorbei. Ein paar Männer nahmen den Sarg auf und trugen ihn Richtung Friedhof. Alle erhoben sich von den Stühlen und gingen hinterher. Einer trug das Bild, einer das Holzkreuz, andere die Blumen. Vorneweg schritt ein Mann mit einem Mikrofon und sang. Am Ende der Prozession trug einer den Lautsprecher. So gingen wir über den Abfall langsam den Hügel hinunter.

Die Menge trampelte über die alten Gräber. Das Loch für Leonards Sarg war tief. Rose hatte nicht Recht behalten. Ein paar Männer ließen den Sarg hinab. Der Pastor sprach. Leonards Familie ging weinend ans Grab. Seine Frau warf eine Handvoll Erde hinein. Andere taten es ihr gleich. Männer ergriffen Schaufeln und hoben die rote Erde hinein. Sie gaben die Schaufeln anderen Männern weiter und diese wieder anderen.

Jeder half, das Grab zu füllen. Frauen begannen zu singen. Der rote Hügel wurde schnell kleiner. Ich schaufelte auch ein paar Mal. Dann war das Loch zu. Jeder erhielt eine Blume. Die steckten wir auf den niedrigen Erdhaufen, der jetzt des Loch bedeckte. Wie alle anderen auch, ging ich zu Leonards Frau, schüttelte ihr Hand und sagte „Pole“. Dann drückte ich mich durch die Menge, um mich an den Rand des Friedhofs zu stellen.

Auf dem Weg dorthin sah ich ein paar bekannte Gesichter. Wir begrüßten uns. Nach und nach traf ich alle wieder, die jemals auf unserem Grundstück gearbeitet hatten: Der Fahrer des Lastwagens, der immer die Gartenabfälle abtransportierte, der Schreiner, der den Holzboden ausbesserte, der Klempner, der den Boiler reparierte, der Schmied, der das Gitter an der Küchentüre katzensicher gemacht und der Mann, der geholfen hatte, den Zaun am See zu bauen. Einer nach dem anderen schüttelte meine Hand. Wir rangen um Worte. Schließlich sagten wir immer nur, dass man jetzt eigentlich gar nichts sagen könne, außer: „zu früh“.

Die Menge zerstreute sich. Ich ging den Hang wieder hinauf. Oben begegnete ich Leonards Onkel, dem Termitenjäger. Im Jahr 2011 hatte er sich bei uns im Garten eine Schlacht mit den schlauen Termitenköniginnen geliefert, die 3:1 endete. Damals war er 84 Jahre alt gewesen. Die Augen des alten Mannes waren wässrig, ihm lief die Nase. Ich musste an eine Organistin denken, die ich vor vielen Jahren interviewt hatte. Sie spielte immer bei Bestattungen. Ob ihr die ständige Nähe des Todes denn manchmal nahe ginge, hatte ich wissen wollen. Eigentlich nicht, hatte sie geantwortet, nur wenn Eltern ihre Kinder begraben müssten, das mache sich richtig wütend. Der Onkel stand gebückt. Wir gaben uns die Hand und sagten gar nichts.

Osborne verabschiedete sich. Collins, Rose und ich gingen Richtung Auto. Beim Abschied bedankte sich Collins. Ich fragte, wofür. Dafür, dass ich dabei gewesen sei, sagte er. Aber das sei doch selbstverständlich gewesen, entgegnete ich. Nein, sagte er, niemand im Dorf hätte geglaubt, dass ich wirklich kommen würde. Alle hätten sich wirklich sehr gefreut. Ich hätte Leonard damit eine große Ehre erwiesen.

Rose und ich stiegen ins Auto und fuhren nach Hause. Kurz bevor wir dort ankamen, sagte sie, mehr zu sich selbst: „Oh, ich mag Beerdigungen einfach nicht.“ Ich normalerweise auch nicht.

Fortsetzung folgt.

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