Heute vor einem Jahr (mehr oder weniger)

Vorhin bin ich in eine Radarfalle in einer der vielen 30er-Zonen meiner kleinen hessischen Heimatstadt getappt. Kaum war die Wärme des roten Blitzes an meiner rechten Backe abgeklungen, erinnerte ich mich mit einem Anflug Nostalgie an eine ähnliche Situation in Kenia. Deshalb veröffentliche ich hier ein dem Anlass sehr angemessenes Memorabile, meinen Original-Strafbescheid für zu schnelles Fahren, ausgestellt vom Milimani Verkehrsgericht in Nairobi.

Ich glaube, ich habe das an anderer Stelle schon erzählt, aber nochmal: Ein solches Verbrechen zu begehen, hatte in Kenia ganz andere Konsequenzen als hierzulande. Von der Polizei gestoppt, erhielt ich dort zunächst die Möglichkeit, die Sache sofort und unbürokratisch durch Zahlung einer gewissen Summe in die private Hosentasche des Beamten aus der Welt zu schaffen.

Eigentlich sehr praktisch. Leider lebte ich in Kenia als eine Art wandelnde Antikorruptionszone. Rein aus Trotz bestach ich nichts und niemanden und machte mein Leben dadurch sehr kompliziert. Auch in diesem Fall blieb ich standhaft. Zum Dank wurde ich aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen. So verbrachte ich zwei Tage meines Lebens zunächst im Auto im Stau auf dem Weg zum und vom Gericht und natürlich auch im Verhandlungssaal.

Dort saß ich mit etwa 100 anderen Delinquenten und erwarb durch bloße und wiederholte Ausübung von Geduld den schwarzen Gürtel im Warten. Als ich nach Stunden endlich aufgerufen wurde, dauerte es von der Anklageerhebung bis zum Urteil nur etwa fünfzehn Sekunden. Ich gestand sofort und uneingeschränkt, trabte zu einem Kassentisch, zahlte umgerechnet 50 Euro Strafe und durfte endlich nachhause gehen.

Hier ist es einfacher. Es blitzte, ich fuhr weiter, mein Ärger verrauchte nach der nächsten Kurve. In zwei Wochen später werde ich einen Brief erhalten, mich noch einmal ärgern und bezahlen. So weit, so langweilig. Wie aufregend war dagegen doch Afrika. Das Leben, besonders in Ghana, schien wie ein konstanter Ausnahmezustand: das zermürbende Klima, der unsägliche Straßenverkehr, die ständigen Stromausfälle, das ausbleibende Wasser, die endlose Suche nach Wäscheständern, im Fieberwahn durchdrehende Wächter und Haushälterinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Das Aufregendste, das mir hier in den letzten Wochen passiert ist, war mein Vermieter, der im selben Haus wohnt und mich eines Morgens fragte, ob ich Plastik in die Restmülltonne geworfen habe. Ohne meine Antwort abzuwarten – fürs Protokoll: sie lautet „nein“ -, ermahnte er mich sehr sehr ernst, die gehöre da nicht hin.

In letzter Zeit werde ich öfter mal gefragt, ob mir die Rückeingewöhnung Probleme macht. Ich weiß es nicht. Aber es war etwa in diesem Moment, als ich begann Afrika zu vermissen, wenigstens ein kleines bisschen.

Strulla, strulla, strullala…

Ich bin Schwabe, und das ist auch gut so. Muss ich deshalb meinem Kind Dialekt beibringen? Muss ich nicht. Es ist einfach passiert und schien mir zunächst rätselhaft, wie eine spontane Selbstmanifestation des Schwabentums in unserem eigentlich sehr dialektfreien Haushalt.

Eines Tages kamen Bb und ich nach dem Kindergarten zuhause an. Auf dem Weg die Treppe hoch, sang sie, sehr laut, weil es da so schön hallt, ein Liedchen. Melodie und Rhythmus schienen mir tief vertraut. Nur die Erinnerung an den Text wollte sich nicht einstellen.

Es klang wie: „Schdugulmobeeberachmäkebäuredulebach.“

Während ich ihr beim Erklimmen der hohen Stufen half, blieb ich stehen und fragte: „Bitte, wie?“

Gerne wiederholte sie: „Sdugolmobibaramekkaabäuledurlehach.“

Oben angekommen sagte Bb, sie müsse jetzt auf die Toilette. Ich öffnete, geschwind lief das Kind den Gang entlang, und verschwand hinter der Klotüre. Das Geräusch des klappenden Toilettendeckels wurde von einer weiteren Liedzeile untermalt: „Strulla, strulla, strullala…“

Da klingelte es bei mir. Es war das Lied von der schwäbischen Eisenbahn. Mit einer situationsgerechten Variation des Refrains „Rulla, rulla, rullala.“ Ein „Pipi-Kaka-Witz“ analysierte ich scharf aus der Ferne und war mit der Persönlichkeitsentwicklung meines Kleinkindes hochzufrieden.

Die Frage blieb, woher kam, hier mitten in Hessen, das urschwäbische Volkslied? Die genetische Weitergabe konnte in unserem Fall ausgeschlossen werden – falls die in diesem Fall überhaupt in Frage kommen sollte. Sang ich vielleicht im Schlaf – oder unbewusst beim Staubsaugen?

Die Lösung war ganz einfach. Die Oma von Bbs bester Freundin X stammt aus meiner kleinen schwäbischen Heimatstadt. Wir hören zwar hin und wieder, dass die X jetzt doch nicht mehr die beste Freundin ist, sondern die Y, aber diese Sympathien scheinen so volatil zu sein wie der Börsenkurs eines Pennystocks.

Außerdem hinderte es die beiden Mädchen nicht, beim Kinderturnen gemeinsam aufs Klo gehen zu wollen und darauf zu bestehen, dass dies nur, und unter keinen Umständen anders, als in Begleitung des Babaa, also mir, stattzufinden habe.

Da stand ich also, in Vorraum der winzigen Turnhallentoilette, und hinter der Kabinentüre erschollen, zweistimmig vorgetragen und von den gekachelten Wänden ins nahezu Schmerzhafte multipliziert, die Worte: „Strulla, strulla, strulala…“

Irgendwie anders

Letztens schickte mir der Kindergarten eine Mail. Es würde jetzt wärmer werden. Eltern sollten darauf achten, ihre Kinder immer gut vor der Sonne zu schützen. Also eincremen, Mütze auf, und einfach nicht zu lange in der Sonne sein.

Das nenne ich Service! Denn Jahreszeiten gab es Kenia nicht so viele. Eigentlich nur zwei. Die warme und die regnerische. Es hätte also durchaus sein können, dass wir den drohenden Sommer hierzulande übersehen würden.

Und wenn schon. Ich erlaube mir ein stilles Lächeln. Wenn die kleine Bb auf etwas hierzulande gut vorbereitet ist, dann ist es das bisschen Sonne. Die 1758 Sonnen-Stunden in Frankfurt im Jahr (in Nairobi sind es 2464) steckt sie locker weg.

Und sonst?

Gestern beim Kindergeburtstag gewesen. Motto-Party. Frozen*. Wer’s nicht kennt, hier die Kurzanalyse von einer meiner Lieblings-Kritiker-Seiten, rogerebert.com: „…will die Konventionen des typischen Disney-Prinzessinnen Films wiederbeleben, zugleich über den Haufen werfen und dabei die ästhetischen Bedingungen für maximales Merchandising erfüllen.“

Yep.

Ich habe den Film gesehen. Ich habe während meiner fünf Jahre in Kenia alle Filme gesehen. Alle? Ja, alle. Außerdem schaue ich tatsächlich gerne Animationsfilme. Zu meinen Favoriten gehören „Spirited Away“, „Up“, „Ghost in the Shell“ (ok, keine Animation), „The Incredibles“ und „Bolt“ – vor allem wegen des großartigen Sidekicks, ein Hamster namens Rhino.

Es liegt also nicht an einer generellen Abscheu vor Animationsfilmen, dass ich Frozen eher lahm fand. Vor allem die Songs. Was eher schlecht ist, denn wenn etwas an Disney-Filmen gut zu sein hat, sind es die Songs.

Die Zwillinge, zu deren Party die kleine Bb nun eingeladen war, teilten meine Meinung offenbar nicht. Denn es gab Frozen-Kuchen, Frozen-Kekse, Frozen-Teller, Frozen-Tassen, Frozen-Löffel und Frozen-Songs. Und einen Frozen-Live-Auftritt.

Irgendwann mussten sich alle Kinder im Wohnzimmer versammeln. Ein kleiner Lautsprecher wurde aufgebaut, ein Frozen-Song angeschaltet. Während sie warteten, rätselten die Kinder, was nun passieren würde. Eines sagte, vielleicht käme jetzt der Weihnachtsmann durch die Türe. „Oder der Osterhase“, warf ich ein, wurde aber sofort von mehreren Vierjährigen belehrt, das sei Quatsch, der wäre ja erst kürzlich da gewesen.

Die Flügeltüre öffnete sich. Herein kam die Prinzessin. Die mit den silbernen Haaren, dem blauen Kleid, die tragische, eisige – Elsa. Diese Elsa war allerdings etwa eins Achtzig groß und 25 Jahre zu alt. Sie tanzte, schwenkte ihr Glitzerkleid und bewegte den Mund zum Playback.

Später durften sich alle Kinder von ihr schminken lassen. Soweit ich mich erinnere wollten alle Prinzessin sein. Gut, dass es bei Frozen gleich zwei davon gibt.

Dann kam Bb an die Reihe, die sich während des Songs die ganze Zeit die Ohren zugehalten hatte. Sehr zur Überraschung aller anderen teilnehmenden Kinder und Mütter (muss ich erwähnen, dass ich der einzige Mann auf der Party war?) wollte sie eine Gazelle sein.

Auch die schminkende Ex-Prinzessin schien überfordert. Sie konnte ja nicht wissen, dass Besucher in Kenia uns einst ein Stofftier mitgebracht hatten. Es war ein Elch und Bb, die dafür spontan eine passende Bezeichnung suchte, entnahm ihrem noch kleinen, lokal geprägten Erfahrungsschatz die nächstliegende: Gazelle.

Ich übersetzte. Als die Schminkende auf ihrem Handy nachschlagen musste, ob Sven (der Elch) eigentlich Schnurrhaare hat, verlor Bb die Geduld, hopste vom Stuhl und aß noch eine rosa-glitzernde Gummimaus.

Während ich ihr zusah, dachte ich hoffnungsvoll darüber nach, ob uns vielleicht die Prinzessinnenphase erspart bliebe. Falls nicht, wird es in diesem Blog demnächst Beiträge mit Titeln wie diesem geben – „Rosa, Prinzessin….ahhhh wie lange dauerte die bei euch an?“, den ich gerade in einem Eltern-Forum gefunden habe.

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* Und hier die deutschen Filmtitel:

Frozen = Die Eiskönigin – Völlig unverfroren
Spirited Away = Chihiros Reise ins Zauberland
Up = Oben
Ghost in the Shell = siehe links
The Incredibles = Die Unglaublichen
Bolt = Bolt: Ein Hund für alle Fälle

The Secret Life of a Mähroboter

Sternzeit 14.4.2016.9.38. Ich sitze am Schreibtisch. Schaue leider kurz aus dem Fenster. Werde abgelenkt. Im Garten gegenüber bewegt sich etwas. Scheint über den Boden zu kriechen. Büsche verdecken die Sicht. Jetzt kriecht es ins Freie. Es ist ein Mähroboter. Er fährt geradeaus, stößt auf ein Hindernis, dreht sich, fährt gerade aus, stößt auf ein neues Hindernis, dreht sich und so weiter. Mäht er wirklich nur? Oder schreibt er eine unsichtbare Botschaft in den Rasen, die nur von einem Raumschiff aus zu sehen wäre? So etwas wie: „Als ich ein kleiner Roboter war, da träumte ich davon, R2D2 zu sein und mit Luke Skywalker die Galaxie zu retten. Und jetzt? Jetzt mähe ich Rasen, dieselben 100 Quadratmeter, wieder und wieder.“ Da fällt mir auf, dass ich zwar seit drei Wochen hier wohne, und obwohl ich immer, wenn ich am Schreibtisch sitze, Blick auf den Garten der Nachbarn habe, war dort nie ein Mensch zu sehen. Er sieht sehr aber gepflegt aus. Wohnen da überhaupt Leute? Oder ist das Grundstück in der Hand von Robotern? Vielleicht sind die Nachbarn gar nicht mehr hier und haben nur vergessen, den Roboter mitzunehmen. So wird er mähen und mähen und seine Zeichen in den Rasen schreiben, solange seine Batterie hält. Ich sollte hinübergehen und ihn befreien. Ihn nehmen, nach Kenia zurückfliegen, in die Masai Mara fahren, ihn auf den weiten Rasen setzen und flüstern: „Fahr‘ kleiner Roboter, mäh‘ bis an den Horizont und noch weiter.“

Liebes Tagebuch

Von topfitten Kleinkindern am Morgen, mörderischen Speedbumps, schweigenden Beziehungsgesprächen und hartnäckigen Löchern im Dach.

Heute wieder um Viertel vor sechs geweckt worden. B. ruft aus dem Kinderzimmer „Papaaa!“. Wenn ich dann schlaftrunken irgendetwas Unartikuliertes antworte, setzt sie mit frischer, heller Stimme ein „Mitkommen“ hinzu. Damit meint sie, ich solle gefälligst antreten und sie aus dem Gitterbett in den neuen Tag heben. Und zwar gestern. Flott. Dalli. Pronto. Zackzack. Vor einigen Monaten hatte ich sie bei eben dieser Gelegenheit gefragt, ob sie mitkommen will. Da hat sie wohl Gefallen an der Formulierung gefunden.

Nachdem wir beim Töpfchen gehen, Zähneputzen, Schlafanzug aus und Klamotten an, beim Frühstück und beim Schuhe anziehen, bereits ausführlich Fangen und Verstecken gespielt haben, verlassen wir das Haus Richtung Kindergarten. Noch einmal Fangen und Verstecken rund ums Auto, dann sitzt sie endlich im Kindersitz. Als ich mich setze, beschlagen die Scheiben, mein Kreislauf ist auch ohne Frühsport auf Hochtouren.

***

Gegen 7.30 sollte die Welt auf unserer Straße in Ordnung sein. Wieder in Ordnung. War es fünf Jahre lang. Dann hat eine Abordnung kenianischer Schildbürger einen Speedbump installiert. Wie heißt das eigentlich auf Deutsch? Lexikon sagt „Rüttelschwelle“. Habe ich noch nie gehört. Ich übersetze mit „Mörderklippe“. Die Speedbumps in Kenia sind absurd. Viel zu steil, viel zu hoch. Immerhin demokratisch. Selbst der schnellste Frühstücksparlamentarier muss in seinem Riesengeländewagen davor ganz bescheiden abbremsen und mit dem Tempo eines grönländischen Gletschers drüber schleichen. Fahrer aus dem gemeinen Volk, mit Autos von geringer Bodenfreiheit, nehmen ihn diagonal, damit immer ein Rad auf höchsten Punkt des Bumps ist und so den Wagenboden in der Luft hält.

Seit der Speedbump da im Weg steht oder liegt, verbringe ich morgens 20 Minuten in einem Stau, den es vorher nicht gab. Gestern Nachmittag, auf der Rückfahrt vom Kindergarten, sehe ich kräftige Männer mit Spitzhacken auf den Bump einschlagen. Habe kurz vor Glück geweint. Nun ist aber doch wieder Riesenstau. 20 Minuten später die Erklärung dafür: Die Jungs mit der Hacke haben gestern nur die Hälfte geschafft. Jetzt ist alles noch schlimmer, weil sie auf der nun Bump-losen Seite auch den Asphalt weggehackt und ein großes Schlammloch hinterlassen haben. George W. Bush erscheint, stellt sich in einer Bomberjacke auf den Rest-Bump wie auf einen Feldherrnhügel und sagt bitter: „Mission not accomplished.“

***

Nach dem Drive-by-Dropping im Kindergarten besuche ich das Café Berlin. Es heißt eigentlich anders, aber Freunde haben es so getauft, weil es auch in Berlin stehen könnte. Drei aus hellem Holz handgezimmerte Tische auf der einen Seite, auf der anderen geweißelte Regale mit lokalem Kunsthandwerk, Menschen, die zwischen Latte Macchiato und Panini auf ihre Laptops einhacken, leiser Neo-Soul auf den Lautsprechern. Ich bin der erste Gast und warte, bis die Kaffeemaschine warm wird. Kurze Zeit später setzt sich ein Pärchen an den Tisch neben mir. Ich kann’s nicht fassen. Es ist Glatzenmann und Freundin.

Glatzenmann ist ein etwa 35-jähriger Engländer mit-ohne Haare, also einer derjenigen, die sich wegen Haarausfall den Kopf scheren. Rückgewinnung der Kontrolle über den eigenen Körper. Irgendwie auch biblisch. Wenn Deine Haare Dich betrügen, dann schneid‘ sie ab und wirf‘ sie weg. Ob die Frau wirklich seine Freundin ist – oder nicht mehr, oder noch nicht – das ist nicht sicher. Dazu gleich mehr. Sie ist gleichalt, hat einen Pagenschnitt, eine bunte Hornbrille und eine große Nase. Ich würde das alles nicht erwähnen – vor allem nicht die Nase, das ist ja nicht sehr charmant – wenn ich die beiden in der vergangenen Woche nicht in drei verschiedenen Cafés angetroffen hätte.

Meiner Ansicht nach führen die beiden ein Beziehungsgespräch, schweigend und außerdem seriell. Wie beim Film: Was man früher in 90 Minuten erzählen konnte, daraus macht man heute neun Staffeln mit 200 Folgen. Beim ersten Mal saßen sie sich gegenüber. Ihre Hand in seiner. Sein Kopf etwas nach unten gekippt. Von dort schaute er in ihre Augen. Tief und fest. Und sehr lange. Jedenfalls versuchte er es. Sie wusste nicht so genau, wohin sie schauen soll. Blickte abwechselnd an ihm vorbei, an die Decke, kurz in seine Augen, auf den Tisch, auf ihre Tasche auf dem Sitz neben ihr und wieder von vorne. Sie sagten nichts, mindestens 15 Minuten lang.

Wie die Situation für die beiden war? Keine Ahnung. Das Publikum versuchte gequält, woanders hin zu starren. Es half nichts. Ich fühlte mich wie Luke Skywalker in der Gegenwart von Darth Vader. Die Spannung britzelte an meinen Nackenhaaren. Zwei Tage später betrat ich ein anderes Café. Sofort spürte ich etwas, eine Präsenz. Da saßen die beiden. Als hätte jemand vorgestern eine Skulptur nach ihrem Bild geformt und hier aufgestellt. Ihre Hand in seiner. Penetranter Hundeblick, auf der einen, flackernder Blick auf der anderen Seite. Schweigen.

Und nun, zum dritten Mal, jetzt auch im Café Berlin. Man ist wirklich nirgends mehr sicher. Entweder diese Trennung zieht sich einfach etwas, oder es ist gar keine, sondern eine Anbahnung. Aber was für eine. Das hätte man mir mal in meinen Teenager-Jahren sagen sollen. Dass schweigendes Niederstarren des Objekts der Begierde zum Erfolg führen kann. Dieses Mal sehe ich die beiden von der Seite. Sie schaut nach vorne auf die Regale mit dem Kunsthandwerk. Er schmachtet reglos von der Seite. Auf dem Tisch liegen beide Hände vereint. Sie schweigen. An seiner Glatze vorbei sehe ich nur ihre Nase hervorragen. Deshalb musste ich sie einfach erwähnen.

Die Milch wird sauer, der Neo-Soul stottert im CD-Player und die Paninis zerfallen zu Asche. Schon will ich mich hinüberbeugen und fragen, was die beiden da eigentlich treiben und ob sie vielleicht endlich damit aufhören könnten, da kommt die wirklich sehr nette Bedienung an meinen Tisch. Sie räumt den leeren Teller weg, auf dem einst eine große Portion Bircher Müsli gelegen hat, und fragt, ob ich nun doch vielleicht frühstücken will. Ich schaue sie verwirrt an, sie mich auch, dann müssen wir kichern. Kulturelle Verwirrung. Was für mich Frühstück ist, ist für sie keines. Glatze und Nase drehen sich zu uns, wollen erkunden, wer hier kichert und ihre Meditation stört.

Die unheimliche Präsenz huscht zur Türe hinaus. Wenn ich bloß wüsste, wohin, also in welches Café. Damit ich dort auf keinen Fall hingehe. Aber leider, die Macht nur schwach in mir sie ist.

***

Am besten bleibe ich zuhause. Die Gefahr, dass die beiden sich plötzlich an meinem Esstisch manifestieren, ist gering. Habe ein paar Knoblauchknollen verstreut. Doch droht dort anderes Ungemach. Weil uns die Ameisen, die über Tische, Wände und Betten spazierten, irgendwann zu viel wurden, habe ich vor ein paar Monaten das halbe Dach abdecken lassen. Dort, zwischen Ziegeln, Wellblech und Holzverschalung sollten sie angeblich ihre Nester haben, wusste eine Nachbarin. Folgende Erkenntnisse stellten sich danach ein: (a) sei Deinen Nachbarinnen gegenüber viel kritischer, (b) Ameisen haben ihre Nester nicht dort oben, sondern nutzen das Dach nur als Autobahn und, schließlich, (c) fasse niemals ein funktionierendes Dach an, möglicherweise wird es nie wieder so dicht wie vorher.

Die Ameisen sind immer noch da, dafür regnet es seit der Aktion aufs Sofa, den Sisal-Teppich, aufs Fernsehgerät und die Stereoanlage. So auch gestern Nacht. Und die Nacht davor auch. Ich stundenlang im Einsatz mit Eimern, Handtüchern und Wischmop gegen die Viktoriafälle. Wischen und wringen, wischen und wringen. Insgesamt vier Reparaturversuche während der vergangenen Wochen haben nicht geholfen. Heute ist der Fünfte. Wenn es wieder nicht klappt, wird mich auch morgen wieder ein schneidiges „Mitkommen“ aus dem Kinderzimmer zur Unzeit aus meinem sehr dringend nötigen Schönheitsschlaf reißen.

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Was macht die kleine B., die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Adventskranz sieht?

Sie singt „Happy Birthday“ und bläst die Kerzen aus.

Außerdem heißt der Nikolaus bei ihr „Nikomaus“, und seinem ebenso fragilen wie wohlschmeckenden Schokoladenhohlkörper wird sofort das Genick gebrochen.

Ich habe mir als Kind die Nikoläuse eher aufgespart. Manch einen schmolz sogar die warme Frühlingssonne hin. E. habe ihren immer sofort gegessen, sagt sie. Dann auch den ihrer Schwester, dessen Umhüllung sie nach Verzehr feinkosmetisch wiederherzustellen versuchte. Die Täuschung soll aber nicht lange vorgehalten haben.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Nach langen, nervenaufreibenden Monaten ist unsere Adoption vor ein paar Tagen genehmigt worden. Wir sind nun eine richtige, echte Familie.

Ein schöneres Weihnachten gibt es nicht.

Pop’s Emergency Rations

The Pope is coming to town, and the experienced Nairobian is prepared for anything:

  • 25 liters of petrol for the generator (you never know)
  • Noise cancelling headset for the welcome salute at State House (I wonder if the Pope likes thundering cannons)
  • Complete set of West Wing to cover the spontaneous holiday (these days tend to drag on)
  • Family pack of fish fingers (for the family in need)
  • A radio to keep in contact with your Askari (is everthying still alright, soldier?)
  • Deep frozen German Apfelstrudel (to keep everybody smiling)
  • Mangos for the vitamin conscious (to have them around makes you feel healthy already)
  • Cheese Nachos (to crunch through the endless coverage on TV)
  • Beef franks (that go so well with noodles and ketchup, says little B.)
  • Chocolate and bagels (they’re just always good to have)

Der Tod ist ein ungnädiger Nachbar (3)

Was bisher geschah: Unser Gärtner Leonard ist Ende Juli überfahren worden und gestorben. Ich war bei seiner Beerdigung und erwies ihm die letzte Ehre, und das ist wirklich keine Floskel. Und jetzt? Jetzt geht das Leben für seine Frau und seiner Kinder weiter. Muss ja. Wie, darum geht es in diesem dritten Teil der Geschichte.

Schon am Tag nach Leonards Tod, hatte sein Bruder auf unserem Garagenvorplatz gestanden und um Hilfe gebeten. Natürlich würden wir helfen, die Frage war nur wie und wem.

Wie ich jetzt von seinem Bruder erfuhr, war Leonard nicht nur für seine Frau, Rhoda, und Kinder, sondern auch für die gesamte „extended family“ verantwortlich. Er war für Mutter, Vater, Onkels, Brüder, Tanten, Nichten und Neffen der einzige Verdiener, „Breadwinner“ wird das hier genannt. Sollten wir uns entscheiden, mit Geld zu helfen, mussten wir also aufpassen, dass es in den richtigen Taschen landete.

Nach ausführlicher Beratung mit Collins, unserer Haushälterin Rose und anderen Einheimischen beschlossen wir erst einmal, den Bruder von den Verhandlungen auszuschließen. Die beiden waren sich einig, dass es besser sei, wenn niemand außer Rhoda wüsste, wer wem wieviel Geld gegeben habe.

Leonard hatte zwei Kinder, ein vierjähriges Mädchen, das am Grab schrecklich geweint, und einen zehnjährigen Jungen, der mit versteinerter Miene danebengestanden hatte. Anders als die Kinder von Collins besuchten sie die öffentliche Schule, was zunächst einmal eine gute Nachricht war. Denn dann musste Leonards Frau wenigstens keine teuren Schulgebühren bezahlen.

Von der schlechten Nachricht, oder sagen wir mal, der Bedrohung, die in der Luft hing, erzählte mir Rose. Sie hatte ihren Mann vor zehn Jahren ebenfalls unverschuldet durch einen Autounfall verloren. Da ihr Mann beamteter Landvermesser gewesen war, gehörte sie damals zu den Besserverdienenden. Die Familie besaß ein großes Haus und zwei Autos.

Am Tag nach dem Tod ihres Mannes standen seine Brüder vor der Türe. Doch nicht etwa um zu kondolieren. Nein, sie wollten das Haus in Besitz nehmen. Als sich Rose dagegen wehrte, wollten sie wenigstens das verbliebene Auto haben. „To make a long story short“, sagte Rose, „ich habe mich mit der Familie vier Jahre lang gestritten. Dann hatte ich es satt und haben ihnen alles überlassen. Das einzige was ich behalten wollte und auch behalten habe, ist die kleine Rente meines Mannes“.

Im schlechtesten Fall würde es Leonards Frau genauso gehen. Man würde ihr alles wegnehmen, sie könnte die Miete nicht mehr bezahlen und säße auf der Straße. Die Logik dahinter ist: Heiratet eine Frau, verliert sie ihr ursprüngliche Familie und wird Teil der Familie des Mannes. Stirbt der Mann, dann ist der Grund, warum sie Teil seiner Familie war, verlorengegangen. Das muss nicht immer so sein in Kenia, aber es kann.

Ein paar Tage nach der Beerdigung kam Rhoda vorbei. Ich fragte sie nach dem Haus, das Leonard für sich und seine Familie gebaut hatte (es war fast fertig) und ob sie dort wohnen könnte. Sie sagte, Leonard habe immer einen guten Kontakt zu seiner Mutter gehabt. Er sei sogar ihr Lieblingssohn gewesen. Das spräche für sie, als seine Frau, aber viel Hoffnung habe sie dennoch nicht.

Ich rechnete ihr vor, was ich Leonard ohnehin noch an Lohn und sonstigen Leistungen schuldig war und auch was er mir noch geschuldet hatte, da ich ihm ein paar Monate vorher Geld für den Hausbau geliehen hatte. Dann legte ich noch etwas dazu. Am Ende kam in etwa eine Lohnfortzahlung von unserer Seite für die nächsten sechs Monate dabei heraus.

Als ich Rhoda schließlich fragte, ob denn nicht auch der Unfallverursacher etwas beitragen könne, lächelte sie nur gequält. Und was hinter diesem Lächeln steckt, das wird der vierte Teil dieser Geschichte.