Strulla, strulla, strullala…

Ich bin Schwabe, und das ist auch gut so. Muss ich deshalb meinem Kind Dialekt beibringen? Muss ich nicht. Es ist einfach passiert und schien mir zunächst rätselhaft, wie eine spontane Selbstmanifestation des Schwabentums in unserem eigentlich sehr dialektfreien Haushalt.

Eines Tages kamen Bb und ich nach dem Kindergarten zuhause an. Auf dem Weg die Treppe hoch, sang sie, sehr laut, weil es da so schön hallt, ein Liedchen. Melodie und Rhythmus schienen mir tief vertraut. Nur die Erinnerung an den Text wollte sich nicht einstellen.

Es klang wie: „Schdugulmobeeberachmäkebäuredulebach.“

Während ich ihr beim Erklimmen der hohen Stufen half, blieb ich stehen und fragte: „Bitte, wie?“

Gerne wiederholte sie: „Sdugolmobibaramekkaabäuledurlehach.“

Oben angekommen sagte Bb, sie müsse jetzt auf die Toilette. Ich öffnete, geschwind lief das Kind den Gang entlang, und verschwand hinter der Klotüre. Das Geräusch des klappenden Toilettendeckels wurde von einer weiteren Liedzeile untermalt: „Strulla, strulla, strullala…“

Da klingelte es bei mir. Es war das Lied von der schwäbischen Eisenbahn. Mit einer situationsgerechten Variation des Refrains „Rulla, rulla, rullala.“ Ein „Pipi-Kaka-Witz“ analysierte ich scharf aus der Ferne und war mit der Persönlichkeitsentwicklung meines Kleinkindes hochzufrieden.

Die Frage blieb, woher kam, hier mitten in Hessen, das urschwäbische Volkslied? Die genetische Weitergabe konnte in unserem Fall ausgeschlossen werden – falls die in diesem Fall überhaupt in Frage kommen sollte. Sang ich vielleicht im Schlaf – oder unbewusst beim Staubsaugen?

Die Lösung war ganz einfach. Die Oma von Bbs bester Freundin X stammt aus meiner kleinen schwäbischen Heimatstadt. Wir hören zwar hin und wieder, dass die X jetzt doch nicht mehr die beste Freundin ist, sondern die Y, aber diese Sympathien scheinen so volatil zu sein wie der Börsenkurs eines Pennystocks.

Außerdem hinderte es die beiden Mädchen nicht, beim Kinderturnen gemeinsam aufs Klo gehen zu wollen und darauf zu bestehen, dass dies nur, und unter keinen Umständen anders, als in Begleitung des Babaa, also mir, stattzufinden habe.

Da stand ich also, in Vorraum der winzigen Turnhallentoilette, und hinter der Kabinentüre erschollen, zweistimmig vorgetragen und von den gekachelten Wänden ins nahezu Schmerzhafte multipliziert, die Worte: „Strulla, strulla, strulala…“

Alles ganz normal soweit

baby-porsche

Zu behaupten, Zebras, Giraffen und Elefanten hätten sich in unserem kenianischen Gemüsegarten Gute Nacht gesagt, wäre übertrieben. Richtig ist, dass sie uns schon bei kleineren Ausflügen ins Umland von Nairobi über den Weg liefen. War uns sonntags langweilig, fuhren wir auf einen Sprung in den örtlichen Nationalpark oder an den Lake Naivasha und stolperten verlässlich über das eine oder andere vergnügt äsende Großtier.

Bald nachdem die kleine Bb uns in unsere neue kleine hessische Heimatstadt gefolgt war, besuchten wir eines Sonntagmorgens den nahegelegenen Opel-Zoo und dachten uns nichts dabei. Erst als sie juchzend einem heranschlurfenden Elefanten Karotten durch den Elektrozaun hindurch zuwarf, ahnten wir, was wir getan hatten. Von nun an würde sie glauben, dass diese Tiere hier ebenso normal waren  wie in Kenia.

Normal ist, was nicht weiter auffällt. Warum steht ein Elefant in Hessen und frisst Bio-Karotten vom Edeka? Gehört der hier hin? Würde er auf den großen afrikanischen Ebenen auch solche Karotten finden? Für mich wichtige Fragen. Für Bb eher nicht. Ich habe den Eindruck, sie findet ein ganz handelsübliches Wollschaf viel exotischer.

In Bbs Kindergarten sind gefühlte 95 Prozent aller Kinder blond und blass. Und der Rest? Ein Mädchen mit vermutlich pakistanischen Eltern, ein Junge mit einer lateinamerikanischen Mutter und natürlich Bb selbst. Bis vor ein paar Wochen hatte ich den Eindruck, ihr war noch gar nicht aufgefallen, dass sie ein bisschen anders aussieht, als die anderen.

Seit vorgestern ist das nicht mehr so. Da lag sie gegen acht Uhr abends in ihrem Bettchen und begann kurz vor dem Einschlafen zu philosophieren. Der Martin, das ist der kleine Lateinamerikaner, und der Trevor, das ist der Sohn unserer ehemaligen Haushälterin Kenia, das seien ihre Brüder. Ich fragte, warum. Weil die Jungs und sie selbst braun seien, murmelte sie schläfrig.

War ihr das selbst aufgefallen, oder haben die anderen Kinder im Kindergarten es ausgesprochen? Ich weiß es nicht. Im Moment scheint mir ihre Erkenntnis auch wertfrei zu sein. Sie ist braun, die anderen eher käsig. Na und? Wir Eltern erklären ihr, wir seien alle aus Schokolade gemacht, die einen aus dunkler, die anderen aus heller.

In Ghana und Kenia hieß es immer, Weiße sähen alle gleich aus. Anfangs wunderte mich das. Die Leute dort hatten alle dunkle Haut, dunkelbraune bis schwarze Haare und braune Augen, während die „Weißen“ nun mal blond-, braun- oder rothaarig waren und braune, blaue oder grüne Augen hatten.

Das schien den Afrikanern gar weiter nicht aufzufallen. Um sich zu unterscheiden, achteten sie auf andere Dinge, vor allem die „complexion“, die Schattierung der Haut. Über Hautfarbe zu reden, war normal. Unser kenianischer Tagwächter Collins beschrieb im Zweifel Leute immer mit „etwas heller“ oder „sehr dunkel“. Hierzulande würde man damit gleich verdächtig machen.

Hautfarbe hin der her, viel wichtiger ist es hier doch, welches Auto ich fahre. Bb und ich gehen morgens zu Fuß zum Kindergarten, das heißt, sie rollert und ich schiebe. Andere Eltern sorgen für Luxusstau und drängeln auf der kleinen Dropoff-Zone mit großen SUVs von BMW, Mercedes, Porsche und Landrover oder auch Volkswagen Multivan. Am schönsten  ist der Auftritt der Kinder eines Nachbarn. Der schickt gelegentlich seine Kinder aus fußläufiger Entfernung im Porsche Cayenne, den – Anschnallen bitte! – die Nanny fährt.

Was machen wir bloß, wenn Bb anfängt, das für normal zu halten? Müssen wir ihr dann zum nächsten Weihnachten den Baby-Porsche schenken? Und was ist mit Weihnachten in 15 Jahren? Lieber nicht dran denken.

Kleine Weisheiten

Nach dem Kindergarten wollen Bb und ich immer zum kleinen Supermarkt um die Ecke. Das heißt: Sie will, und ich beuge mich. Dies sogar in zweifacher Hinsicht: ihrem Wunsch und auch ganz physisch. Denn sie ist ordentlich müde und spricht ganz leise. Um sie zu verstehen, muss ich meine Ohren auf der Höhe ihres Mundes justieren. Kaum hörbar sagt sie „Juicy kaufen“, tritt dann gewaltig an und fährt mir auf ihrem Tretroller davon. Ich bleibe alleine und tief gebeugt auf der Straße zurück und darf sehen, wie ich hinterherkomme.

In der einen Hand der schon halb ausgetrunkene „Juicy“, ein kleines Rotbäcken-Tetraback, blättert Bb mit der anderen nach dem Einkauf durchs Regal mit den Zeitschriften und Zeitungen. Bei einem bunten Magazin angekommen hält sie inne. „Was ist das, Babaa?“, fragt sie.

Ich bin der Meinung, ein Vater sollte seinem Kind Sicherheit vermitteln und deshalb stets auf alles eine Antwort haben. Diese Einstellung führt bei unseren Spaziergängen hin und wieder zu seltsamen Begegnungen mit Nachbarn und Passanten, die nicht immer zur Verbesserung meines Rufes in der Nachbarschaft beitragen.

Sieht Bb zum Beispiel jemanden, der etwas, das wie Möbel aussieht, vom Haus auf die Straße trägt, fragt sie: „Was macht der Mann, Babaa?“ Ich antworte dann, zunächst einmal handele es sich hier gar nicht um einen Mann, sondern um eine Frau, und füge hinzu dass diese Frau vermutlich gerade ihren Sperrmüll auf die Straße stelle.

Nun ist E. der Meinung, dass ich nicht flüstern kann. Immer wenn ich ihr etwas zuflüstere, unterbricht sie mich und sagt relativ laut, meine Stimme sei zu tragend, zu durchdringend, kurz: nicht flüstergeeignet. Ich bin da zwar anderer Ansicht, aber in diesem Fall scheint sie recht zu haben. Die sperrmülltragende Frau schaut uns jedenfalls sehr missbilligend an.

„Was hat die denn? Ist sie vielleicht doch ein Mann?“ durchfährt es mich. Wir gehen weiter, und als ich mich noch einmal diskret umdrehe, scheint es mir, als trüge die Frau die möbelartigen Gegenstände eher ins Haus hinein, als aus dem Haus hinaus. Möglicherweise habe ich also gerade einen wertvollen Biedermeier-Sekretär zum Sperrmüll erklärt.

Das alles ficht mich aber nicht an, als Bb mich am Zeitschriftenregal im Supermarkt fragt, was dies hier sei. Es zeigt auf dem Cover eine stark geschminkte Zwölfjährige, oder auch eine Neunzehnjährige, die versucht, wie zwölf auszusehen, mit komplexer Friseur. Ich antworte, es handle sich hier um ein Magazin für Mädchen und bin mir dieses Mal recht sicher, denn das große gelbe Wort am oberen Rand der Titelseite sagt genau das.

Worauf Bb sagt: „Das brauch‘ ich nicht, ich bin ja schon ein Mädchen.“ Schwingt sich auf ihren Roller, tritt an und zischt mit perfektem Timing durch die automatisch aufschwingende Supermarkttüre hinaus. Und das einhändig, denn in der anderen hält sie ja die Rotbäckchen-Tüte an der sie im Wegfahren nuckelt. Ich bin noch kurz angerührt von der Weisheit des Kleinkindes. Dann rufe ich „Don’t drink and drive!“ und hetze ihr nach Draußen hinterher.

Irgendwie anders

Letztens schickte mir der Kindergarten eine Mail. Es würde jetzt wärmer werden. Eltern sollten darauf achten, ihre Kinder immer gut vor der Sonne zu schützen. Also eincremen, Mütze auf, und einfach nicht zu lange in der Sonne sein.

Das nenne ich Service! Denn Jahreszeiten gab es Kenia nicht so viele. Eigentlich nur zwei. Die warme und die regnerische. Es hätte also durchaus sein können, dass wir den drohenden Sommer hierzulande übersehen würden.

Und wenn schon. Ich erlaube mir ein stilles Lächeln. Wenn die kleine Bb auf etwas hierzulande gut vorbereitet ist, dann ist es das bisschen Sonne. Die 1758 Sonnen-Stunden in Frankfurt im Jahr (in Nairobi sind es 2464) steckt sie locker weg.

Und sonst?

Gestern beim Kindergeburtstag gewesen. Motto-Party. Frozen*. Wer’s nicht kennt, hier die Kurzanalyse von einer meiner Lieblings-Kritiker-Seiten, rogerebert.com: „…will die Konventionen des typischen Disney-Prinzessinnen Films wiederbeleben, zugleich über den Haufen werfen und dabei die ästhetischen Bedingungen für maximales Merchandising erfüllen.“

Yep.

Ich habe den Film gesehen. Ich habe während meiner fünf Jahre in Kenia alle Filme gesehen. Alle? Ja, alle. Außerdem schaue ich tatsächlich gerne Animationsfilme. Zu meinen Favoriten gehören „Spirited Away“, „Up“, „Ghost in the Shell“ (ok, keine Animation), „The Incredibles“ und „Bolt“ – vor allem wegen des großartigen Sidekicks, ein Hamster namens Rhino.

Es liegt also nicht an einer generellen Abscheu vor Animationsfilmen, dass ich Frozen eher lahm fand. Vor allem die Songs. Was eher schlecht ist, denn wenn etwas an Disney-Filmen gut zu sein hat, sind es die Songs.

Die Zwillinge, zu deren Party die kleine Bb nun eingeladen war, teilten meine Meinung offenbar nicht. Denn es gab Frozen-Kuchen, Frozen-Kekse, Frozen-Teller, Frozen-Tassen, Frozen-Löffel und Frozen-Songs. Und einen Frozen-Live-Auftritt.

Irgendwann mussten sich alle Kinder im Wohnzimmer versammeln. Ein kleiner Lautsprecher wurde aufgebaut, ein Frozen-Song angeschaltet. Während sie warteten, rätselten die Kinder, was nun passieren würde. Eines sagte, vielleicht käme jetzt der Weihnachtsmann durch die Türe. „Oder der Osterhase“, warf ich ein, wurde aber sofort von mehreren Vierjährigen belehrt, das sei Quatsch, der wäre ja erst kürzlich da gewesen.

Die Flügeltüre öffnete sich. Herein kam die Prinzessin. Die mit den silbernen Haaren, dem blauen Kleid, die tragische, eisige – Elsa. Diese Elsa war allerdings etwa eins Achtzig groß und 25 Jahre zu alt. Sie tanzte, schwenkte ihr Glitzerkleid und bewegte den Mund zum Playback.

Später durften sich alle Kinder von ihr schminken lassen. Soweit ich mich erinnere wollten alle Prinzessin sein. Gut, dass es bei Frozen gleich zwei davon gibt.

Dann kam Bb an die Reihe, die sich während des Songs die ganze Zeit die Ohren zugehalten hatte. Sehr zur Überraschung aller anderen teilnehmenden Kinder und Mütter (muss ich erwähnen, dass ich der einzige Mann auf der Party war?) wollte sie eine Gazelle sein.

Auch die schminkende Ex-Prinzessin schien überfordert. Sie konnte ja nicht wissen, dass Besucher in Kenia uns einst ein Stofftier mitgebracht hatten. Es war ein Elch und Bb, die dafür spontan eine passende Bezeichnung suchte, entnahm ihrem noch kleinen, lokal geprägten Erfahrungsschatz die nächstliegende: Gazelle.

Ich übersetzte. Als die Schminkende auf ihrem Handy nachschlagen musste, ob Sven (der Elch) eigentlich Schnurrhaare hat, verlor Bb die Geduld, hopste vom Stuhl und aß noch eine rosa-glitzernde Gummimaus.

Während ich ihr zusah, dachte ich hoffnungsvoll darüber nach, ob uns vielleicht die Prinzessinnenphase erspart bliebe. Falls nicht, wird es in diesem Blog demnächst Beiträge mit Titeln wie diesem geben – „Rosa, Prinzessin….ahhhh wie lange dauerte die bei euch an?“, den ich gerade in einem Eltern-Forum gefunden habe.

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* Und hier die deutschen Filmtitel:

Frozen = Die Eiskönigin – Völlig unverfroren
Spirited Away = Chihiros Reise ins Zauberland
Up = Oben
Ghost in the Shell = siehe links
The Incredibles = Die Unglaublichen
Bolt = Bolt: Ein Hund für alle Fälle

Juhu, mein Kind ist schlau!

Jeder freut sich, wenn das eigene Kind eine gewisse Intelligenz erkennen lässt. Oh, es kann eine quadratische Form in die dafür vorgesehene Vertiefung eines pädagogisch wertvollen Holzspielzeugs stecken und dazu noch „passt rein!“ rufen. Ah, es sagt auf die Frage, welche Farbe die Jackes des Mannes da auf der Straße hat, völlig korrekt: „rot“. Und es antwortet auf die Frage, wo Mama gerade ist (die sich auf einer Dienstreise befindet): „Mama Frankfurt. Bringt Schokolade mit.“

Soweit, so schön.

Seit heute morgen platze ich aber vor Stolz.

B. sitzt am Tischende und spielt mit Memory-Karten. Ich sitze ebenfalls am Tisch, zwischen ihr und dem Fenster, und lese auf dem Laptop Spiegel-Online.

Auf einmal ruft sie: „Affe“.

Ich erschrecke in bisschen, weil wir in unserem Haus tatsächlich hin und wieder Besuch eines aufsässigen Primaten hatten. Ich schaue zum Fenster und erwarte, das freche Tier fröhlich an den Gittern baumeln zu sehen. Ist aber kein Affe da.

Ich drehte mich zu B. und frage: „Wo denn?“

„Na, da“, sagt sie und deutet mit dem Finger geradeaus.

Am Fenster ist aber nichts. Dann wird mir klar, sie meint den Laptop. Ich gucke auf den Bildschirm, aber auch der scheint affenfrei.

Am unteren Rand sind zwei Prominente zu sehen, links der Fußballtrainer Jürgen Klopp, rechts der Unternehmer, Milliardär und Bewerber für die US-Präsidentschaftskandidatur Donald Trump.

„Affe“ wiederholt B. energisch und deutet wieder mit dem Finger.

Ein Verdacht keimt.

Ich zeige auf das Bild von Jürgen Klopp.

„Der da?“

„Nein, ist Mann“, widerspricht B. und deutet weiter mit dem Finger.

Mein Verdacht konkretisiert sich.

„Der da?“, frage ich und zeige auf das Bild von Donald Trump.

„Ja. Affe.“

„Schätzchen, Du bist die Beste!“

„Ja, Babaa“, sagt B. und spielt weiter Memory.

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PS: Hinweis an Herrn Trump: Selbstverständlich würde ich Sie selbst niemals mit einem Affen vergleichen. Das würde weder Ihnen noch dem Affen gerecht werden und wäre in jeder Hinsicht unhöflich. Abgesehen davon hat das – wie ich gerade sehe – schon jemand anders getan: TV-Moderator bezeichnet Donald Trump als Orang-Utan.

So toll ist das Erwachsen werden

Alle sind meine Feinde. Sogar Babaa hat sich gegen mich gewendet. Nachdem er mich vom Kindergarten abgeholt hatte, bogen wir an der Kreuzung anders ab als sonst. Da habe ich gefragt „anders fahrn?“ Und Babaa hat nur gemurmelt, „ja, heute fahren wir woanders hin“.

Er hatte mir wie üblich einen kleinen Apfelsaft für die Fahrt mitgebracht, hat ihn mir geradezu aufgedrängt. Da hätte ich misstrauisch werden müssen. Aber für echtes Misstrauen bin ich wohl einfach noch zu klein. Wird Zeit, dass ich erwachsen werde.

Der Apfelsaft hat gut geschmeckt. Wir fuhren und fuhren, und irgendwann kam mir eine Straße bekannt vor. Das war die, die entweder zu meinem Freund Georgieboy führt, oder zum Doktor. Von Georgieboy hatte Babaa nichts gesagt. Ich ahnte Schlimmes und sagte vorsichtshalber, „kein Doktor?!“ Da rückte Babaa endlich mit der Wahrheit heraus und sagte, „nur ein kleines bisschen.“

Wir parkten und stiegen aus dem Auto. Auf dem Weg in die Praxis legte mich Babaa noch einmal rein und ließ mich die Knöpfe am Fahrstuhl drücken. Als wir im ersten Stock ankamen, war es natürlich zu spät. Ich lief zwar so langsam ich konnte, aber Babaa nahm mich einfach auf die Schultern. Der kennt wirklich alle Tricks. Klar machte das Spaß, und ehe ich mich’s versah, waren wir auch schon beim Doktor durch die Türe.

Da kam schon diese Arzthelferin vorbei, die mir letztes Mal die Spritzen in die Oberschenkel gegeben hat. Miststück. Eine links, eine rechts, und das obwohl ich doch ausdrücklich gesagt hatte, „kein Aua, kein Aua.“ Die soll mir mal im Dunkeln begegnen.

Erst musste ich dort warten, wo das Spielzeug liegt und der Fernseher an der Decke hängt. Immerhin etwas. Dann sagte Babaa, ich sollte mal mitkommen. Mitkommen, na klar. Kenne ich ja von zuhause. Und bin gleich wieder drauf reingefallen. Ich bin ja so naiv.

Wir gingen in den Behandlungsraum. Kaum waren wir drin, kam die Arzthelferin rein. Als sie sich die Plastikhandschuhe anzog, wusste ich, was hier gespielt wird. Ich natürlich sofort zur Tür, aber Babaa hielt mich fest und faselte irgendetwas, das ist gut für Dich, sonst kriegst Du Masern, Windpocken, Mumps und solches Zeug.

Kenne ich nicht, brauche ich nicht, und ist mir egal. Diese Spritzen sind echt kein Spaß für so ein Baby wie mich. Dass Babaa sagt, das sei alles gar nicht so schlimm, ich sei ja schließlich schon groß und stark, kann er sich auch sparen. Abends geht das nämlich genau andersherum. Ich sei doch noch so klein und müsste jetzt schlafen gehen. Ganz, wie es ihm in den Kram passt, dem Herrn Babaa.

Ende vom Lied: zwei Spritzen habe ich abbekommen, eine links, eine rechts. Ich brüllte laut, die Schwester lachte sogar, die blöde Kuh, und Babaa sagt, „na, so schlimm war’s doch gar nicht, oder?“ Er hat zwar Recht, es tut schon gar nicht mehr weh, aber darum geht es hier nicht, sondern ums Prinzip.

Jedenfalls habe ich ihm dann knallhart Bescheid gesagt. Dass ich jetzt sofort hier raus will, und zwar vor den Fernseher, da bei den Spielsachen. Normalerweise ist er beim Fernsehen gucken ein bisschen geizig, aber jetzt war er weich wie Butter. Hat wohl ein schlechtes Gewissen. Den Trick muss ich mir merken.

Nach einer Weile ist es mir doch langweilig geworden. Ich war da ganz allein, keine anderen Kinder da. Na, kein Wunder, bei dem Service hier! Babaa hing am Tresen herum und schwatzte mit der Sprechstundenhilfe. Irgendetwas mit „neuer Termin“ habe ich verstanden, aber leider weiß ich nicht, was ein Termin ist.

Ich durfte wieder auf die Schultern, die Knöpfe am Fahrstuhl drücken, im Auto war noch ein Rest Apfelsaft, wir sangen „Von den blauen Bergen kommen wir…“ zusammen, und wenn es mir zu schnell ging, sagte ich „lamsam Babaa“, weil er immer so flott fährt.

Ist insgesamt kein schlechter Kerl, kann auch super Spaghetti mit Tomatensoße kochen. Nur bei der Sache mit dem Doktor, da werde ich in Zukunft besser aufpassen müssen. Ich glaube, das nennt man Misstrauen. Erwachsen werden – here I come. Keine Minute zu früh, ich bin ja schließlich bald drei.

Meine ganz persönliche Persönlichkeitsveränderung

Vor ein paar Jahren habe ich hier in Kenia eine Radioshow mitverfasst und –produziert in der eine fiktive Familie 14 Folgen lang Probleme mit Energie hat, also mit Licht oder dem Feuer fürs Kochen. Gemeinsam mit einem lokalen Puppenspieler-Team, (das übrigens auch die Latex-Köpfe für die kenianische Ausgabe von „Spitting Image“ zum Leben erweckt), arbeitete ich an den Ideen, den Dialogen und den Namen für die Familie. Dabei überraschte mich ein Detail, das mich damals wunderte und heute überhaupt nicht mehr.

In der Radioshow ging es vor allem darum, neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen zu sein, in diesem Fall eine Lampe zu verwenden, die statt mit Kerosin mit Solarstrom betrieben wurde, oder auf einem energiesparenden Ofen zu kochen statt auf dem offenen Feuer. Die Familie mit den Energieproblemen hatten wir uns so ausgedacht: Die Kinder sind neugierig und ein bisschen oberschlau, die Mutter ruhig und pragmatisch und der Vater aufbrausend und konservativ.

Der Name dieses unbelehrbaren Mannes sollte dem Wunsch der Puppenspieler nach „Baba Boi“ lauten. Er sollte also „Papa des Jungen namens Boi“ heißen. Dass Boi vielleicht ein kenianischer Jungenname sein sollte, der sich verdächtig nach dem englischen Boy anhörte, ließ ich noch gelten. Aber warum hatte der Mann denn keinen eigenen Namen? Die Puppenspieler schauten mich ebenso verständnislos an, wie ich sie. Nach kurzer Diskussion hatte ich wieder etwas gelernt: Wer hier ein Kind hat, wird traditionell nur noch Mama oder Baba XYZ genannt.

Jahre später, im Januar 2015, durften wir zum ersten Mal unser zukünftiges Kind in seinem Heim besuchen. Wir wussten nichts von ihr, nur dass es ein etwa zweijähriges Mädchen war. Die Sozialarbeiterin führte uns in einen Besucherraum. Nervös saßen wir auf einem Stoffsofa und starrten auf die angelehnte Türe, durch die demnächst dieser kleine, unbekannte Mensch treten sollte. Die Türe öffnete sich. Herein kam eine Schwester, an deren Hand die kleine B. hinterhertapste. Erst schaute sie E. an, dann mich, streckte ihre Ärmchen aus und sagte „Babaa“.

Ich hatte mich vor diesem Moment oft gefragt, ob ich denn ein Kind, das nicht mein biologischer Nachkomme war, überhaupt lieben könnte. Diese Frage hatte sich in diesem Moment beantwortet. Ein für alle mal. Sie war so was von beantwortet, als hätte es sie nie gegeben.

Neben vielem anderen, was sich in unserem Leben änderte, waren wir von nun an nur noch Babaa und Mamaa B. Zunächst im Heim, wo die Schwestern in dem Moment, da wir bei weiteren Besuchen durch die Türe traten, schallend durch die Gänge riefen, „Mamaa B. ist hier.“ Wochen später, als wir die kleine B. nachhause brachten, setzte sich das auch bei unserem Personal durch, dann auch in E.s Büro, bei Besuchen im Supermarkt, einfach überall.

Falls in dieser Hinsicht Zweifel bestehen, möchte ich kurz hinzufügen, dass dieser Namenswechsel das einzige ist, was ich mit dem Papst gemeinsam habe, der ja nach seinem Amtsantritt seinen Taufnamen ablegt und sich fortan erst Papa Johannes, Paul, Benedikt, Franziskus oder so ähnlich nennt.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Nach dem Besuch des Flohmarkts der deutschen Kirchengemeinde Nairobi waren wir um verschiedene Dinge reicher geworden, die ansonsten hier schlecht zu bekommen sind: Ein Kinderwagen der mir unbekannten Marke Emmaljunga, was nichts heißen soll, da ich überhaupt keine Kinderwagen-Marken kenne, eine große Kiste Lego Duplo und ein paar abgelegte deutschsprachige Kinderbücher.

Wie das mit Flohmarktfunden so ist, weiß man erst zuhause, ob der Fang gut oder schlecht war. Das ist jetzt dahingeplappert, weil ich nicht nur keine Ahnung von Kinderwagen habe, sondern auch nie auf Flohmärkte gehe und deshalb einräumen muss, überhaupt nicht zu wissen, wie das mit Flohmarktfunden so ist. Nun aber stellten wir folgendes fest:

A) Emmaljunga ist ein schwedischer Hersteller von Premiumfahrzeugen, wie man bei Autos sagen würde, und das Gefährt würde neu so viel kosten wie ein guter Satz 17-Zoll Leichtmetallfelgen oder ein sehr billiger Gebrauchtwagen, um dem Vergleich mit den Autos treu zu bleiben.

B) Lego wird umso lustiger, je mehr Überreste einstiger Themen-Sets sich bunt gemischt in der Kiste befinden. So kann man nicht nur – nein – man muss sogar das Indianer-Set mit dem Feuerwehr-Set kombinieren und eventuell noch eine Prise Flugzeug-Hangar und Bauernhof hinzufügen. Unsere Geschichten, in denen sich Apachen, Piloten und Brandmeister Gute Nacht sagen, spielen nun vor einem Hintergrund aus nicht zuordenbaren Mauerresten mit rosa Ziegelimitaten an deren Fundamenten Kühe neben Eisbären grasen.

C) Das Buch „Hasenmotor kostet nix“, aus der Schnuddel-Reihe von Janosch barg etliche Überraschungen. Zum Beispiel die, dass ich dem jugendlichen Verkäufer hier in Nairobi tatsächlich mehr dafür gezahlt habe, als die 0.80 Euro, die das Buch aus dem Jahr 1990 gebraucht auf Amazon kostet.

Dann, dass ich nun doch ein Janosch Buch in der Hand hielt, was zu vermeiden mir bisher sehr gut gelungen war. Einerseits, weil ich ja bisher kein Kind hatte, dem ich die Geschichten hätte vorlesen können. Andererseits, weil mir dieses an Irrsinn grenzende Janosch-Merchandising schon immer auf die Nerven ging. Durch den bloßen Aufdruck eines gestreiften Tieres werden Sonnen-Rollos, Mini-Eimer-Sets oder Fahrradkörbe saftig preiserhöht ins Janosch-Imperium eingegliedert. Da lobe ich mir den verehrten Bill Waterson, Schöpfer von „Calvin und Hobbes“, der diese Geldmacherei für seine Figuren immer abgelehnt hat.

Das eigentlich wirklich bemerkenswerte am Janosch-Buch bemerkte ich erst heute Morgen, als die kleine B. und ich es erstmals gemeinsam lasen. Sie hatte mal wieder einen dieser Infekte mit einem Fieber, das uns Eltern tiefe Sorgenfalten ins Gesicht furcht, während Kleinkind immer noch fröhlich vom Sofa auf den Sessel und wieder zurück springt und dabei im Flug „Backe backe Kuchen“ singt.

Wir lasen also das Janosch-Buch, und die kleine B. fragte eins ums andere Mal, während sie mit dem Finger auf die Seiten deutetet: „Dassa?“. Da das Dassa „Das da?“* heißen soll, antwortete ich mit besonderer Betonung auf die beiden ersten Worte „DAS DA ist ein Fahrrad.“ Eine Seite später, an deren unterem Rand eine Ente Ziehharmonika spielt (Dassa?), fragt oben im Text der Hase Rudi: „Issas ein Fahrrad.“ Das „Issas“ hat jemand handschriftlich korrigiert. Es heißt jetzt „Ist das“.

Nun frage ich mich, wiefinnichnas, warumnsowas, und: wer hannasvabessad? War es etwa der kleine, zirka achtjährige Besserwisser selbst? Oder seine bemühten Eltern, die ihn vielleicht schon vor fünf Jahren für den ersten Chinesischkurs und das zweite juristische Staatsexamen angemeldet haben? Oder ist das ein besonderer Gag des Autors und seines Verlags? Und wenn nicht, wird diese Stelle – und auch das „hassu“ auf der Seite davor – aufgrund wütender Proteste von Eltern in der nächsten Aufgabe verbessert?

Egal wer, wie und warum, ich werde ab jetzt öfter auf Flohmärkte gehen.

* Dada?

Erdgeschoss: Kindermoden

Das wird jetzt nicht einfach. Schon höre ich das Stöhnen anderer Väter und Mütter: Gott, wie können die das ihrem Kind nur anziehen. Danke, gleichfalls! Außerdem: Darum geht es hier auch gar nicht. Schließlich bin ich kein Fashion-Blogger. Es geht einfach nur darum, wie man hier in Nairobi an gute Kinderklamotten kommt.

Schritt 1
Ausflug in die Biashara Rd., mitten im Business District von Nairobi. Eigentlich gehe ich da nicht mehr hin, seit dem Jahrhundertstau von 2013 (der sich täglich wiederholt), als ich eine Stunde brauchte, nur um einen Parkplatz verlassen zu dürfen, eine weitere bis zur nächsten, etwa 50 Meter entfernten Kreuzung, dann noch einmal 45 Minuten bis zu nächsten, danach ging es etwas flotter. Doch dort befindet sich nun einmal jene Straße, in der sich ein Babyshop an den anderen reiht. Die Shops sind samt und sonders in der Hand indischer Kaufleute, deren Geschmack wir nicht unbedingt teilen. Die Erstausstattung der kleinen B. stammt tatsächlich von dort. Danach, wie gesagt, Geschmacksprobleme und Jahrhundertstau.

Schritt 2
Die Malls in Nairobi. Was in Deutschland – und wahrscheinlich auch anderen europäischen Ländern – ein bejammernswerter Trend ist, nämlich die immer gleichen Läden in den Einkaufszonen, das haben wir hier schon innerhalb von Nairobi. Jeder Stadtteil hat mittlerweile ein oder zwei Malls, doch die Geschäfte sind immer die gleichen. Kennt man einen Babyshop, kennt man alle. Überdies scheinen sie alle ein dementes Management zu haben. Denn auch in der „Cold Season“, während der es Abends mit 12 Grad etwas frisch sein kann, gibt es dort kaum warme Sachen zu kaufen. Zwei etwas exklusivere Boutiquen will ich nicht verschweigen, aber dort bewegt sich die Kindermode preislich in Regionen für gut betuchte Erwachsene.

Schritt 3
Der Toy Market in der Nähe der Ngong Road. Endlich haben wir einen guten Grund, ihn zu besuchen. Dem Hörensagen nach soll es dort jede Menge günstige und gute Kinderkleidung geben. Eines Morgens, E. ist im Büro, machen Haushälterin Rose, die kleine B. und ich uns auf den Weg. Wir parken an einer Tankstelle, nachdem wir von den Wächtern eines nahegelegenen Supermarkts verscheucht wurden (Motto: Parken nur für Kunden) und gehen 100 Meter, bis links und rechts der Straße lange Reihen von Buden stehen.

Schon bei der zweiten Bude eilt ein geschäftstüchtiger Anwerber auf uns zu. Kindermode? Bitte hier entlang. Das Geschäft von der Größe dreier IXI-Klos besteht aus drei Kleiderhaufen: Jacken, Hosen und Oberteile. Die Verkäuferin reißt im Akkord Klamotten vom Stapel und drückt sie mir in die Hand. Ich sage im selben Rhythmus: „nein – nein – vielleicht – nein – ja – ja – nein“ und so weiter. Nach zehn Minuten haben wir drei Stapel. Rose und ich prüfen noch einmal die Stapel „Ja“ und „Vielleicht“, diskutieren, wollen Anprobieren, was die kleine B. lauthals verweigert, verwerfen das eine oder andere, zahlen, gehen.

Am Straßenende, auf dem Weg zum Auto, verkaufen ein paar Jungs haufenweise Crocs von einem Tisch. In Kauflaune schlagen wir zu. Zuhause stelle ich fest: nicht nur die Crocs, alles andere ist auch Markenware. Vermutlich frisch aus dem Rot-Kreuz-Sammelcontainer, oder so, aus England: Baby Gap, Dunnes stammt aus Irland und Old Navy, das zu Gap gehört. Alles ist 1A, keine Fussel, keine Flecken, keine Löcher.

Wieder dem Hörensagen nach kommen die Kleider in Nairobi auf dem Gikomba Markt an und werden dort en gros an Wiederverkäufer oder Endkunden weiterverkauft. Dieser Handel wird in Europa kritisiert, da er die Kleiderindustrie in Afrika zerstören soll. Ich kenne einige Schneider, die Schuluniformen, Arbeitskleidung, Anzüge und Hochzeitskleider nähen, von ganz billig bis sehr teuer. Die paar Läden für Neuware, die ich kenne, haben nur Kleidung made in China oder Bangladesh im Angebot, genau wie die in den deutschen Fußgängerzonen.

Allerdings sind die Sachen hier meist scheußlich, von mieser Qualität und völlig überteuert. Leute wie Rose, Collins, unser Tagwächter oder Nathan, der Nachfolger unseres verstorbenen Gärtners Leonard, würden dort nie einkaufen. Sie sind froh über die günstigen und guten Klamotten, die die Europäer in meist perfektem Zustand in die Tonne treten. Und wir freuen uns jetzt auch.