42 Grad Kiew – Teil 2

Wer in Russland oder in einem Teil der Ex-Sowjetunion einen Ausflugsdampfer besteigt, muss fast immer mit einem rechnen: ohrenbetäubender Lärm. Der Grund dafür ist niemals das, woran ein westlicher Besucher denkt – daß nämlich die überalterten Schiffsmotoren solchen Krach machen. Nein, es ist die 5000-Watt Lautsprecheranlage (VIDEO) , die den arglosen Touristen mit Lautstärke elf vom Oberdeck zu fegen droht. Als ich zum ersten Mal auf so einem Schiff war, dachte ich einfach nur einen schwerhörigen Kapitän erwischt zu haben. Daran lag es aber wahrscheinlich nicht, denn bisher dröhnte der Lärm über jedes Schiff, das ich in Russland bestiegen habe, und in Kiew war das nicht anders. Auch die Musik schien überall dieselbe zu sein: Entweder Kirmes-Techno oder ein Chartsmix aus den achtziger Jahren. Wenn man länger als eine halbe Stunde unterwegs ist, laufen irgendwann mit Sicherheit die Scorpions mit „Wind of Change“ auf Russisch. Wer ganz großes Glück hat, bekommt sogar eine russische Version der größten Hits der Gruppe „Dschingis Khan“ zu hören.
Bisher habe ich noch nicht herausgefunden, warum die Leute auf den Schiffen die Musik so laut drehen. Auffällig ist nur, dass die überdrehte Lautstärke auch in Restaurants anzutreffen ist. Wenn man einen Einheimischen danach fragt, wieso das so ist, bekommt man manchmal eine recht malerische Antwort: „Das liegt daran, dass man nicht wollte, dass einer am Nebentisch mein Gespräch belauscht – der KGB ist überall.“ So richtig will ich das nicht glauben, denn obwohl der Geheimdienst inzwischen erneut überall ist, interessiert sich der heutzutage überhaupt nicht mehr für Gespräche in Kneipen oder auf Ausflugsdampfern. Ich habe eher den Eindruck, dass die Veranstalter damit rechnen, dass sich ihre Gäste erstmal ordentlich warmtrinken müssen, damit Die jahrzehntelange Erfahrung schlagt sich nicht nur in der Auswahl und Qualitat der casino spiele sondern auch und im besonderen Ma?e auf die Sicherheit, Fairness und den regelma?igen Bonus- und Promotionsaktionen nieder. ihnen der Krach gleichgültig wird. Oder noch besser: Sie zum Mitsingen und dann zum Mittrinken animieren.
Auf diesem Ausflugsdampfer auf dem Dnjepr vor Kiew funktionierte das zumindest ganz prächtig. Fast alle der Gäste hatten Becher mit Bier in der einen Hand und in der anderen eine Tüte mit „Wobla“ – dem passenden Snack zum Bier. Wobla ist getrockneter Fisch, der in allen Formen und Geschmacksrichtungen angeboten wird und in seiner Mannigfaltigkeit das Angebot an Kartoffelchips übertrifft.
Die Altstadt von Kiew ist einigermaßen hügelig und führt in Richtung Fluss bis hinunter zum Ufer, wo nicht nur die Ausflugsdampfer, sondern auch alle anderen Schiffe wie Frachter, Luxusjachten usw. anlegen. Den Höhenunterschied bis hinunter zum Ufer bewältigt man entweder in einer malerischen Kurve entlang einer Gasse voller Souvenirbuden hinab zum Ufer. Oder man nimmt den „Funikolor“, die Zahnradbahn. Unten angekommen wird man von den Marktschreiern der Touristen-Dampfer empfangen.
Hat man erstmal sein Ticket (weniger als zehn Euro für zweieinhalb Stunden Fahrt) in der Hand, sucht man den richtigen Anleger. Denn knapp ein Dutzend dieser Schiffe warten dort auf ihre Passagiere und jedes davon buhlt mit 5000-Watt Krach um Aufmerksamkeit.
Nach gut einer Stunde Fahrt fiel mir der Kirmes Techno gar nicht mehr auf. Das lag nicht daran, dass ich schon ein paar Bierchen intus gehabt hätte. Sondern, dass ich den Eindruck hatte, dass unser Dampfer Schlagseite hat: Die Aufschrift auf meiner Mineralwasserflasche lautete „Aqua Minerale“ und der Wasserpegel in der Flasche lag links weit oberhalb des Buchstaben „A“ und rechts weit unterhalb des Buchstaben „e“. Verdächtig! Ich ging nach unten, um nachzusehen, woran das lag. Vielleicht hatte sich der Großteil der Passagiere auf die linke Seite gestellt, um dort einen besseren Blick auf das riesige Denkmal der „Mutter Heimat“ (102 m hoch 500 Tonnen schwer) zu haben. War aber nicht so. Ich ging nach oben und warf einen Blick in die Brücke. Dort saß der Kapitän, dessen fleckige Baseballkappe den Aufdruck „Pattex“ trug. Der Kapitän rauchte gelangweilt. Kein Anzeichen von Krise. Keine Durchsagen. Aus den Lautsprechern dröhnte inzwischen „Shout“ von „Tears for Fears“. War das nicht genauso wie auf der Titanic? Die Musik spielte immer noch, während der Kahn unterging? Ich konnte nirgendwo Rettungsboote sehen. Sollte ich meinen Fotoapparat mitnehmen, falls es dazu käme, ans Ufer zu schwimmen? Und überhaupt: Was tut man eigentlich, wenn man auf einem sinkenden Schiff steht? Was in einem Flugzeug zu tun wäre, weiß ich – aber auf einem Schiff?
Gerade überholen uns zwar andere Ausflugsdampfer. Die beiden Schiffe haben ebenfalls Schlagseite. Was verdammt noch mal ist hier los?
Erst nach einer Weile kam ich auf die Lösung: Der Fluss Dnjepr hat vor Kiew eine starke Strömung. Auf dem Hinweg laufen Touristenschiffe mit Volldampf, um gegen die Strömung anzukommen. Auf dem Rückweg dagegen schalten Sie einen der beiden Schiffsmotoren ab, um Treibstoff zu sparen und lassen sich von der Strömung tragen. Der zweite Motor reicht aus, um zu steuern und anzulegen. Die Seite des Schiffes deren Motor arbeitet, hebt sich weiter aus dem Wasser als die andere – das erklärt Schlagseite. Hoffe ich zumindest!

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