13 sehr kurze Kurzgeschichten aus Simbabwe

Es treten auf: Ein rasender Kriegsveteran, ein sehr ordentlicher Taxifahrer, ein schwuler Kaffeehausbesitzer, eine etwas deprimierte Farmerin, ein ältlicher weißer Alleinunterhalter, mehrere anständige Polizisten, birnenessende Affen, ein desolater Bahnhof, ein abgefahrenes Burgen-Imitat, ein formvollendeter Kellner, mehrere nachgemachte Steinvögel, rötliche Rundhütten aus Lehm und Robert Mugabes Privatpalast.

1
Ein hochdekorierter Veteran braucht auch nach dem Ende des Befreiungskrieges gegen die Rhodesier immer noch den Adrenalinstoß der Lebensgefahr. Deshalb rast er mit seinem 200 PS starken Superbike 360 km/h schnell auf Simbabwes Straßen umher. Auf dem Rücken trägt er dabei einen mit Whisky gefüllten Rucksack mit einem Schlauch zum Helm und direkt in seinen Mund. Wenn er stürzt, wird es ihn in drei Teile zerreißen, sagt er. Das sei so, bei diesen Geschwindigkeiten.

2
Eine weiße Farmersfrau deutet beim Tee auf ihrer Terrasse auf einen weit entfernten Berghang. Dahinter eröffnet sich eine weite Ebene, am Horizont liegt Mosambik. Sie sagt, von hier bis zu diesem Berghang habe das Land einst ihrer Familie gehört. Kaffee, Mais und Tabak hätten sie dort angepflanzt. Dann hätte man es ihnen weggenommen, heute läge das Land brach. Sie lebt jetzt allein hier. Ihr Mann ist auf Arbeitssuche in die 300 Kilometer entfernte Hauptstadt Harare gezogen.

3
Ein Mann, der dem Film „Ein Käfig voller Narren“ entsprungen zu sein scheint, betreibt seit fast 20 Jahren ein kleines Kaffee in den Bergen an der Grenze zu Mosambik. Der ehemalige Architekt bietet nur Kaffee, Tee, Kakao und Kuchen an, das Stück zu 12 US-Dollar. Der Kuchen und die Getränke sind so gut, dass sich die Reise nach Simbabwe allein deswegen lohnt. Auf die Frage, ob der Kaffee mit Chili sehr scharf ist, legt er seine Hand auf seinen Hals, reckt das Kinn, trommelt leicht mit ausgestreckten Fingern auf die Haut und sagt lächelnd „no, its only a delightful tickeling sensation.“

4
Für die Silvesterfeier in der Hauptstadt Harare fragen wir im Hotel, wo wir feiern könnten. Man empfiehlt uns ein Restaurant. Wir treffen dort auf einheimische Weiße, nur an einem Tisch sitzen zwei schwarze Simbabwer. Die angekündigte Life-Band stellt sich als ältlicher Sänger mit Gitarre und schütterem Haar heraus, der Oldies spielt. Bei „Country road, take me home, to the place, I belong“ rastet das weiße Publikum völlig aus und stürmt die Tanzfläche. Die beiden anderen rühren ungerührt im Kaffee.

5
Wir verlassen das Restaurant vor Mitternacht und fragen den Taxifahrer, wohin wir jetzt noch gehen könnten, wo es vielleicht nicht nur weiße Simbabwer gibt. Er fährt uns zu einem kleinen Club mit angeschlossenem Buchladen. Dort spielt in einem Raum eine Soul-Band, in einem anderen Raum erzählen zwei Rapper vom harten Leben. Das gemischte, jüngere Publikum lehnt lässig an der Bar, tanzt vor der Bühne, isst gegrilltes Huhn und trinkt Bier aus der Flasche.

6
Der schwarze Taxifahrer vor dem Hotel begrüßt mich mit Handschlag, wie das alle in Simbabwe tun, Kellner, Polizisten, Hauspersonal und Tankstellenwärter. Dabei schaue ich in seine Augen, sie sind strahlend blau. Ich kann nicht anders, als ihn darauf anzusprechen. Die habe ihm Gott geschenkt, sagt er. Er fährt uns zu einem Aussichtspunkt in Harare, einem kleinen Park auf einem Berg. Während wir den Blick genießen, sammelt er herumliegenden Müll ein und stopft ihn in überquellende Mülleimer, die so aussehen, als würden sie nie geleert. Das Aufräumen hätte er sich irgendwann angewöhnt. Jetzt könne er es nicht mehr lassen, sagt er.

7
Unsere Lodge in den Bergen sieht aus wie ein wunderbares antikes Bauernhaus mit schwerem Gebälk und Reetdach, ist aber erst 20 Jahre alt. Vor dem Haus senkt sich ein Hang mit Birnbäumen darauf. Niedrige Wolken ziehen schnell um die Bäume, der Wind faucht im Reet. In den schwankenden Wipfeln sitzen Affen und essen sich an den Früchten satt. Das wird unser erster und letzter Aufenthalt hier sein. Der weiße Besitzer der Lodge hat sie verkauft an einen Zahnarzt aus Harare und seine russische Freundin.

8
Wir durchqueren Simbabwe auf perfekten Straßen. Ortsschilder sagen, wo wir uns befinden, Verkehrszeichen weisen den Weg, weiße Linien trennen uns vom Gegenverkehr und vom Randstreifen. Vor und hinter größeren Orten gibt es regelmäßig Polizeisperren. Die Beamten signalisieren von fern mit der Hand, dass wir anhalten sollen. Kommen wir näher, und sehen uns die Polizisten, winken sie uns sofort durch. Ein schwarzer simbabwischer Freund erklärt, die Polizisten gingen davon aus, dass wir uns an die Regeln hielten, weil wir weiß sind. Deshalb würden sie darauf verzichten nachzuprüfen, ob wir Warndreieck, Verbandskasten und Führerschein dabei haben.

9
In einer Stadt namens Bulawayo im Südwesten des Landes suchen wir für abends ein Restaurant. Im Reiseführer wird das The Nesbitt Castle empfohlen. Wir fahren hin und stehen erst vor einem meterhohen schmiedeeisernen Gitter und dann vor einem real gewordenen Traum einer mittelalterlichen Burg im gotischen Stil. Ein Engländer hat hier um 1910 zu bauen begonnen, ohne Zeichnung und Plan, nur entlang seiner Erinnerungen an die Burgen seiner alten Heimat. Innen hängen Trophäen von Elefanten und Antilopen von den Wänden, darunter stehen Ritterrüstungen und schwere Clubsessel.

10
Als ich meinen Mietwagen abhole, fährt mich das Taxi an Robert Mugabes Privatpalast vorbei. Alles, was ich sehe, ist eine blau-weiße bemalte Mauer, die nicht zu enden scheint. Alle paar Meter stehen schwerbewaffnete Spezialeinheiten. Später lese ich, dass sein Haus mit 25 Zimmern etwa 6 Millionen Euro gekostet hat und von einem serbischen Unternehmen nach chinesischen Plänen gebaut wurde. Das Grundstück soll knapp 18 Hektar groß sein, was knapp 25 Fußballfeldern nach FIFA-Norm entspricht. Sollte das Grundstück quadratisch sein, wäre die Mauer, an der ich vorbeigefahren bin, 422 Meter lang. Man sagt, Mugabe habe den Palast gar nicht gewollt, seine 40 Jahre jüngere Frau schon.

11
Der Bahnhof in Bulawayo, einer Millionenstadt nahe der Grenze zu Botswana, schaut auf Google Maps einigermaßen stattlich aus, zehn Gleise, dazu eine Menge Rangiergleise in der Umgebung. Als wir uns dort umschauen, ist der Bahnhof nahezu leer. Ein paar Menschen sitzen auf Bänken und warten, auf einer mit Kreide handbeschrieben Tafel stehen die Abfahrtszeiten. Neun Züge verkehren hier, manche einmal, andere zwei oder dreimal wöchentlich. Nur der Zug von hier zu den Viktoriafällen fährt täglich. Die Waggons, die wir sehen, wurden hier in den 1950er Jahren gebaut.

12
In den Bergen gehen wir abends essen und wählen ein Restaurant inmitten einer großen Hotelanlage im post-sozialistischen Stil. Wir sind die einzigen Gäste, das Personal scheint sich riesig zu freuen, dass jemand kommt. Wir kaufen die einzige Flasche Wein im Regal, die „The Very Sexy Shiraz“ heißt. Der Kellner schenkt formvollendet und sehr behutsam ein, wie jemand, der nach der harten Ausbildung in der Hotelfachschule endlich einmal zeigen will, was er kann. Er fragt ständig, „wie hat Euch mein Essen“, „wie hat Euch mein Wein“ und „wie hat Euch mein Kaffee“ geschmeckt und will uns, als wir gehen wollen, gar nicht gehen lassen.

13
Auf dem Gelände Groß-Simbabwes, eine Ruinenstadt im Süden, steht ein Museum. Darin finden wir mehr Informationen über die Stadt, die einmal 18000 Menschen beherbergt haben soll. Auch die Replikas der berühmten steinernen Vögel Simbabwes stehen hier, von denen einige nach 100 Jahren in deutschen Museen wieder zurückgegeben wurden. Hinter einer Glasscheibe wird in einem Diorama ausgestellt, wie Menschen vor langer Zeit lebten und Ackerbau betrieben haben. Ein Ureinwohner gräbt den Boden um, zu seine Füßen ein paar Hühner. Im Hintergrund steht eine Rundhütte aus rötlichem Lehm mit Strohdach. Sie sieht genauso aus, wie die strohbedeckten Rundhütten aus rötlichem Lehm, die wir auf unserer Fahrt entlang der Landstraßen sehen.

 

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