Kleine Weisheiten

Nach dem Kindergarten wollen Bb und ich immer zum kleinen Supermarkt um die Ecke. Das heißt: Sie will, und ich beuge mich. Dies sogar in zweifacher Hinsicht: ihrem Wunsch und auch ganz physisch. Denn sie ist ordentlich müde und spricht ganz leise. Um sie zu verstehen, muss ich meine Ohren auf der Höhe ihres Mundes justieren. Kaum hörbar sagt sie „Juicy kaufen“, tritt dann gewaltig an und fährt mir auf ihrem Tretroller davon. Ich bleibe alleine und tief gebeugt auf der Straße zurück und darf sehen, wie ich hinterherkomme.

In der einen Hand der schon halb ausgetrunkene „Juicy“, ein kleines Rotbäcken-Tetraback, blättert Bb mit der anderen nach dem Einkauf durchs Regal mit den Zeitschriften und Zeitungen. Bei einem bunten Magazin angekommen hält sie inne. „Was ist das, Babaa?“, fragt sie.

Ich bin der Meinung, ein Vater sollte seinem Kind Sicherheit vermitteln und deshalb stets auf alles eine Antwort haben. Diese Einstellung führt bei unseren Spaziergängen hin und wieder zu seltsamen Begegnungen mit Nachbarn und Passanten, die nicht immer zur Verbesserung meines Rufes in der Nachbarschaft beitragen.

Sieht Bb zum Beispiel jemanden, der etwas, das wie Möbel aussieht, vom Haus auf die Straße trägt, fragt sie: „Was macht der Mann, Babaa?“ Ich antworte dann, zunächst einmal handele es sich hier gar nicht um einen Mann, sondern um eine Frau, und füge hinzu dass diese Frau vermutlich gerade ihren Sperrmüll auf die Straße stelle.

Nun ist E. der Meinung, dass ich nicht flüstern kann. Immer wenn ich ihr etwas zuflüstere, unterbricht sie mich und sagt relativ laut, meine Stimme sei zu tragend, zu durchdringend, kurz: nicht flüstergeeignet. Ich bin da zwar anderer Ansicht, aber in diesem Fall scheint sie recht zu haben. Die sperrmülltragende Frau schaut uns jedenfalls sehr missbilligend an.

„Was hat die denn? Ist sie vielleicht doch ein Mann?“ durchfährt es mich. Wir gehen weiter, und als ich mich noch einmal diskret umdrehe, scheint es mir, als trüge die Frau die möbelartigen Gegenstände eher ins Haus hinein, als aus dem Haus hinaus. Möglicherweise habe ich also gerade einen wertvollen Biedermeier-Sekretär zum Sperrmüll erklärt.

Das alles ficht mich aber nicht an, als Bb mich am Zeitschriftenregal im Supermarkt fragt, was dies hier sei. Es zeigt auf dem Cover eine stark geschminkte Zwölfjährige, oder auch eine Neunzehnjährige, die versucht, wie zwölf auszusehen, mit komplexer Friseur. Ich antworte, es handle sich hier um ein Magazin für Mädchen und bin mir dieses Mal recht sicher, denn das große gelbe Wort am oberen Rand der Titelseite sagt genau das.

Worauf Bb sagt: „Das brauch‘ ich nicht, ich bin ja schon ein Mädchen.“ Schwingt sich auf ihren Roller, tritt an und zischt mit perfektem Timing durch die automatisch aufschwingende Supermarkttüre hinaus. Und das einhändig, denn in der anderen hält sie ja die Rotbäckchen-Tüte an der sie im Wegfahren nuckelt. Ich bin noch kurz angerührt von der Weisheit des Kleinkindes. Dann rufe ich „Don’t drink and drive!“ und hetze ihr nach Draußen hinterher.

Lob des stationären Handels. Wieder nicht.

Vielleicht nicht schön, aber dafür wenigstens mit ostafrikanischen Motiven.

Ich kann es einfach nicht lassen. Nach dem großartigen Einkaufserlebnis bei Baby-Walz in der Frankfurter Innenstadt, startete ich eine neue Offline-Mission: Ein Kindersitz fürs Fahrrad plus Schutzhelm sollten es sein. Anvisierte Einkaufsquelle war diesmal Zweirad Müller im einem nahegelegenen Gewerbegebiet. Parkplatzprobleme waren immerhin nicht zu erwarten.

Nach Betreten des Ladens wurde ich freudig begrüßt. Kindersitze hätten sie. Hatten sie auch. Genau ein Modell. Glücklicherweise wollte ich genau das haben. Bb setzte sich hinein, Sitz passte, alles gut.

Auch Helme waren vorrätig. Auf einem Regal waren sie aufgereiht wie Trophäen einer seltsamen Jagdgesellschaft. Eines einte alle: Sie waren sehr, sehr hässlich. Das hatte ich schon bei meiner Online-Recherche zum Thema gesehen und dabei die Marke Nutcase entdeckt, deren Design mir gut gefiel. Außerdem hatten sie gute Bewertungen von Kunden wie auch von Testern erhalten. Also fragte ich danach.

Wie die Marke nochmal hieße, fragte Verkäuferin. Ich wiederholte den Namen. Nein, kenne sie nicht.

Das sei aber seltsam, sagte ich, denn im Internet…

Oh, Gott. Ich hatte das böse Wort gesagt. Wie gedankenlos von mir. Hätte ich doch behaupten können, einen dieser Helm bei einem Freund von Bb gesehen zu haben. Aber es war zu spät. Die Verkäuferin reagierte wie Steve Martin in dem Film „Tote tragen keine Karos“ auf das Wort „Cleaning woman“ (Putzfrau).

Wenn ich mich richtig erinnere, erklärt Steve danach, dass sein Vater seine Mutter wegen der Putzfrau verlassen habe. Daher das Trauma.

Mit den Preisen im Internet könne man nicht mithalten, sagte die Verkäuferin. Man sei ja schließlich ein Fachhandel. Ich wandte ein, dass ich gar nichts über den Preis gesagt, sondern nur nach der Marke gefragt hatte. Und um ihr glaubhaft zu vermitteln, dass ich von ihr nicht erwartete, Helme einer nordkoreanischen Hinterhoffirma zu verkaufen, setzte ich hinzu, diese hätten außerdem vergangenes Jahr bei Stiftung Warentest…

Ohgottogott. Jetzt hatte ich das zweite böse Wort gesagt. Musste das denn wirklich sein? Nun wechselte die Verkäuferin von Schnappatmung zu Sarkasmus und sprach die Worte, zu enden jedes lästige Kundengespräch über Tests von Produkten die man nicht kennt, nicht hat oder nicht will: Alles nur Schwindel, das sei seit dem ADAC-Skandal ja wohl jedem klar.

Passen müsse der Helm. Das sei das Wichtigste.

Ich nickte zustimmend und hub zu sagen an, wie schön es wäre, wenn der Helm nicht nur gut passe, sondern auch gut gefiele. So wollte ich eine Brücke bauen, die uns aus der Welt der Verschwörungstheorien wieder zurück in den Verkaufsraum von Zweirad Müller führen sollte.

Doch sagte sie, wenn man den Helm aber Internet bestellte, könnte man natürlich nicht sicher sein, dass er richtig passe.

Nur fünf Minuten in einem Fachgeschäft hatten mich moralisch zu Boden geschmettert. Erst hatte ich mich durch die Erwähnung von Böses Wort I „Internet“ als Geizhals und Verräter verdächtig gemacht, dann durch Böses Wort II „Warentest“ als Depp entpuppt, der offenbar Lügen (vielleicht sogar die der so genannten Lügenpresse?) glaubte.

Wie einfach war dagegen Kenia gewesen. Dort gab es kaum ernstzunehmende Fachgeschäfte und nur rudimentären Online-Handel und in beiden oft nur billigen Mist aus China.

War etwas in einem Laden nicht vorhanden, schüttelte der Verkäufer entweder bedauernd den Kopf oder schrieb sich meine Telefonnummer auf mit dem Versprechen, sich zu erkundigen und mich zurückzurufen. Unzählige Male habe ich meine Telefonnummer hinterlassen. Niemals hat mich ein Verkäufer zurückgerufen. Ein lustiges Spiel.

Wer Qualität wollte, bestellte in Europa online und ließ die Waren auf etwas undurchsichtige Weise von einem von Somaliern betriebenen Transportunternehmen importieren. Oder wartete darauf, dass irgendein Europäer das Land verließ und seine gebrauchten Sachen verkaufte. Auch uns waren vor unserer Abreise Kinderwagen, Autositz, Waschmaschine und Kühlschrank buchstäblich aus den Händen gerissen worden.

Ich war aber nicht mehr in Kenia, sondern in einem deutschen Fachgeschäft und bereute es schon wieder sehr. Ich ließ die Helme hängen und kaufte, weil ich nun schon einmal dort war, den Sitz.

Die Verkäuferin holte den, den wir zuvor probiert hatten. Er war ziemlich schmutzig, irgendwie verkleckert. Ich fragte, ob es denn keinen Neuen gäbe. Nein, nur den. Außerdem sei die Originalverpackung hässlich. Mit diesem seltsamen Argument ließ sie mich stehen und ging zur Kasse. Ich schleppte ihr den Sitz quer durch den Laden hinterher, bezahlte und ging.

Einen Helm fand etwas später ich bei Per Pedale in Frankfurt, allerdings keinen von Nutcase. Die wollten trotz theoretisch richtiger Kopfgröße nicht passen.

Bei einer Gemüse-Lasagne, die Bb und ich uns in einem Straßencafe teilten, zog ich ein Fazit dieser zweiten Offline-Shopping Aktion. Hätte ich das alles online erledigt, hätte ich:

  • Mich nicht gegen die Unterstellung verteidigen müssen, mit dem Internet den Preis drücken und damit den Fachhandel zerstören zu wollen;
  • Mich nicht mit Totschlagsargumenten für dumm verkaufen lassen müssen;
  • Mich also nicht als Verräter, Pfennigfuchser und Depp fühlen müssen;
  • Ein fabrikneues, sauberes, originalverpacktes Produkt vom Postboten bis an die Türe gebracht gekommen;
  • Die Helme mehrere Anbieter bestellen, probieren und die unpassenden wieder zurückschicken können (was etwas unfair gegenüber Per Pedale wäre, denn dort hat sich der Verkäufer sehr geduldig um uns gekümmert).

Später am Nachmittag kam noch hinzu, dass (aber das ist jetzt reine Spekulation) sich in der Originalverpackung des Fahrradsitzes vielleicht ein Hinweis darauf befunden hätte, wo die Montageanleitung versteckt ist. Nämlich hinter einer Klappe auf der Unterseite des Sitzes selbst. Das entdeckte ich aber erst nach einer Viertelstunde freier Improvisation, während der ich den Sitz ratlos drehte und wendete.

Ein entsprechender Hinweis war offenbar auch zu viel verlangt.

Dafür war der Fachhandel viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Irgendwie anders

frozen

Letztens schickte mir der Kindergarten eine Mail. Es würde jetzt wärmer werden. Eltern sollten darauf achten, ihre Kinder immer gut vor der Sonne zu schützen. Also eincremen, Mütze auf, und einfach nicht zu lange in der Sonne sein.

Das nenne ich Service! Denn Jahreszeiten gab es Kenia nicht so viele. Eigentlich nur zwei. Die warme und die regnerische. Es hätte also durchaus sein können, dass wir den drohenden Sommer hierzulande übersehen würden.

Und wenn schon. Ich erlaube mir ein stilles Lächeln. Wenn die kleine Bb auf etwas hierzulande gut vorbereitet ist, dann ist es das bisschen Sonne. Die 1758 Sonnen-Stunden in Frankfurt im Jahr (in Nairobi sind es 2464) steckt sie locker weg.

Und sonst?

Gestern beim Kindergeburtstag gewesen. Motto-Party. Frozen*. Wer’s nicht kennt, hier die Kurzanalyse von einer meiner Lieblings-Kritiker-Seiten, rogerebert.com: „…will die Konventionen des typischen Disney-Prinzessinnen Films wiederbeleben, zugleich über den Haufen werfen und dabei die ästhetischen Bedingungen für maximales Merchandising erfüllen.“

Yep.

Ich habe den Film gesehen. Ich habe während meiner fünf Jahre in Kenia alle Filme gesehen. Alle? Ja, alle. Außerdem schaue ich tatsächlich gerne Animationsfilme. Zu meinen Favoriten gehören „Spirited Away“, „Up“, „Ghost in the Shell“ (ok, keine Animation), „The Incredibles“ und „Bolt“ – vor allem wegen des großartigen Sidekicks, ein Hamster namens Rhino.

Es liegt also nicht an einer generellen Abscheu vor Animationsfilmen, dass ich Frozen eher lahm fand. Vor allem die Songs. Was eher schlecht ist, denn wenn etwas an Disney-Filmen gut zu sein hat, sind es die Songs.

Die Zwillinge, zu deren Party die kleine Bb nun eingeladen war, teilten meine Meinung offenbar nicht. Denn es gab Frozen-Kuchen, Frozen-Kekse, Frozen-Teller, Frozen-Tassen, Frozen-Löffel und Frozen-Songs. Und einen Frozen-Live-Auftritt.

Irgendwann mussten sich alle Kinder im Wohnzimmer versammeln. Ein kleiner Lautsprecher wurde aufgebaut, ein Frozen-Song angeschaltet. Während sie warteten, rätselten die Kinder, was nun passieren würde. Eines sagte, vielleicht käme jetzt der Weihnachtsmann durch die Türe. „Oder der Osterhase“, warf ich ein, wurde aber sofort von mehreren Vierjährigen belehrt, das sei Quatsch, der wäre ja erst kürzlich da gewesen.

Die Flügeltüre öffnete sich. Herein kam die Prinzessin. Die mit den silbernen Haaren, dem blauen Kleid, die tragische, eisige – Elsa. Diese Elsa war allerdings etwa eins Achtzig groß und 25 Jahre zu alt. Sie tanzte, schwenkte ihr Glitzerkleid und bewegte den Mund zum Playback.

Später durften sich alle Kinder von ihr schminken lassen. Soweit ich mich erinnere wollten alle Prinzessin sein. Gut, dass es bei Frozen gleich zwei davon gibt.

Dann kam Bb an die Reihe, die sich während des Songs die ganze Zeit die Ohren zugehalten hatte. Sehr zur Überraschung aller anderen teilnehmenden Kinder und Mütter (muss ich erwähnen, dass ich der einzige Mann auf der Party war?) wollte sie eine Gazelle sein.

Auch die schminkende Ex-Prinzessin schien überfordert. Sie konnte ja nicht wissen, dass Besucher in Kenia uns einst ein Stofftier mitgebracht hatten. Es war ein Elch und Bb, die dafür spontan eine passende Bezeichnung suchte, entnahm ihrem noch kleinen, lokal geprägten Erfahrungsschatz die nächstliegende: Gazelle.

Ich übersetzte. Als die Schminkende auf ihrem Handy nachschlagen musste, ob Sven (der Elch) eigentlich Schnurrhaare hat, verlor Bb die Geduld, hopste vom Stuhl und aß noch eine rosa-glitzernde Gummimaus.

Während ich ihr zusah, dachte ich hoffnungsvoll darüber nach, ob uns vielleicht die Prinzessinnenphase erspart bliebe. Falls nicht, wird es in diesem Blog demnächst Beiträge mit Titeln wie diesem geben – „Rosa, Prinzessin….ahhhh wie lange dauerte die bei euch an?“, den ich gerade in einem Eltern-Forum gefunden habe.

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* Und hier die deutschen Filmtitel:

Frozen = Die Eiskönigin – Völlig unverfroren
Spirited Away = Chihiros Reise ins Zauberland
Up = Oben
Ghost in the Shell = siehe links
The Incredibles = Die Unglaublichen
Bolt = Bolt: Ein Hund für alle Fälle

Lob des stationären Handels. Nicht.

Eigentlich wollte ich ab sofort nett sein. Wollte den stationären Handel nicht bashen. Nach meiner Rückkehr aus Afrika bodenständig werden. Amazon & Co. abschwören. Nicht mehr global, sondern regional oder lokal einkaufen. Doch dann fuhr ich mit dem Auto und der dreijährigen Bb auf dem Rücksitz nach Frankfurt, und alles kam ganz anders.

Eine Freundin, die auch in meiner neuen kleinen hessischen Heimatstadt wohnt, schimpfte ganz fürchterlich mit mir. Beiläufig hatte ich erwähnt, dass ich unsere neue Miele-Waschmaschine im Online-Handel erstanden hatte. „Pfui“, sagte sie, „hier gibt es doch einen Fachhändler direkt im Ort. Stopf‘ doch den Großkonzernen nicht das Geld in den Hals!“

Da hatte sie Recht.

Ich schämte mich sehr.

Und wollte die Sache bei nächster Gelegenheit wiedergutmachen.

Die dreijährige Bb wird tagsüber doch hin und wieder noch müde. Also beschließe ich eines Tages, einen Kinder-Buggy zu kaufen. Die schimpfende Freundin im Sinn, fahre ich mit der hellwachen und laut singenden Bb auf dem Rücksitz („Igelchen, Igelchen, schau‘ mal ins Spiegelchen…“) nach Frankfurt zu Baby-Walz.

Warum mit dem Auto? Weil in der Innenstadt gerade der S-Bahn-Tunnel renoviert wird und deshalb während der Osterferien gesperrt ist. Wir wären nur auf Umwegen und mit zwei Mal Umsteigen ans Ziel gekommen. Mit einem Kleinkind im Schlepptau? Ohne Buggy (den wollten wir gerade erst kaufen)? Muss nicht sein.

Das Navigationssystem sagt: „Geh‘ parken im Karstadt.“ Mache ich. Von der Parkebene im Erdgeschoss wandern wir durch einen Tunnel und landen im Supermarkt im Untergeschoss. Fragt mich, wie das geht. Die Rolltreppe rauf, die Bb immer mit einem großen Sprung und unter „Uiii“-Rufen meistert, zur Straßenebene. Wo geht’s hier zur Fußgängerzone? Ich sehe nichts außer übermannshohen Werbeplakaten für Parfüm und Hautpflege.

Endlich der richtige Ausgang. Um die Ecke zu Babywalz. Große Auswahl an Kinderwagen und -buggys. Eine Verkäuferin zeigt mit Modelle zwischen 100 und 200 Euro. Ich erinnere mich daran, dass ein Freund auf die Marke Maclaren schwörte. Mache den Fehler, dies der Verkäuferin gegenüber zu erwähnen.

Rrriiing!

LUXUSALARM!!!

Die Augen der Frau leuchten wie beim Terminator.

Sie zeigt mir die Maclarens, ab 380 Euro aufwärts. Ich sage, naja, das sei dann vielleicht doch zu teuer. Schließlich bräuchten wir das Gefährt nicht mehr lange. Bb ist ja schon drei Jahre alt. Aber die Verkäuferin hat sich festgebissen. Kiefern wie Stahlwerke. Das zuvor gezeigte Produkt, das eben noch gut war, wird nun schlechtgemacht. Der Maclaren sei doch qualitativ um so vieles besser. Ich wehre mich mit Händen und Füßen.

Nein. Doch. Nein. Doch.

Eine andere Kundin in gesteppter Daunenjacke mit Pelzkrägelchen entscheidet sich für einen Maclaren. Ich habe keinen Pelzkragen. Dafür ein müdes Kind. Bleibe beim billigeren Buggy. Auf dem Weg zur Kasse fühle ich den verächtlichen Blick der Verkäuferin im Rücken. Dort sage ich, „Sie brauchen ihn nicht einzupacken, wir nehmen ihn gleich so.“ Es stellt sich heraus, dass sowieso nur noch das Vorführmodell da ist. Ich hätte aber gerne einen neuen. Neu gibt’s nur den Maclaren. So ein Zufall.

Aber Bb sitzt schon drin im Kinderwagen. Die Augen fallen ihr zu. Also zahle ich und verlasse den Laden. Wo geht’s nochmal zum Parkhaus? Es nieselt. Bb zieht im Halbschlaf den Regenschutz zu. Schnell rein in den Karstadt. Rolltreppe geht nicht mehr wegen Kinderwagen. Wo ist der Lift? Irgendwo ganz hinten. Runter in den Supermarkt, den Tunnel entlang, durch die Türe ins Parkhaus.

Kein Kassenautomat. Ich irre ein paar Minuten umher. Bb quengelt: „Brezel haben!“ Zurück durch den Tunnel in den unterirdischen Karstadt-Supermarkt. Frage eine Kassiererin nach dem Kassenautomaten. Den gäbe es nur im ersten Stock.

Ich kalkuliere: Soll ich den ganzen Weg zurück zum Lift, und eine Etage höher dann wieder zurück, und nach Bezahlen dasselbe noch einmal? Nein. Ich gehe zum xten Mal den Tunnel entlang. Immerhin ist direkt neben der Türe zur Parkgarage eine Treppe. Ächzend schleppe ich Kinderwagen samt Kind hinauf.

Zum Dank möchte der Parkautomat von mir mehrere Euro. Für eine Stunde und fünf Minuten. Mit Kinderwagen samt Kind die Treppe wieder runter. Abwärts geht‘s deutlich leichter.

Am Auto: Kind, wie erwähnt müde, will nicht aus dem Kinderwagen in ihren Kindersitz. Quengelt. Wehrt sich. Es kommt zum Handgemenge. Parkschein fällt herunter und weht unters Auto. Stopfe Kind in Sitz. Kind schreit. Die Stahlbetonwände hallen schrill. Kniee schwitzend im Dreck und angle nach Parkschein unter dem Auto.

Endlich im Auto. Raus aus dem Parkhaus. Drei Ampeln später löst sich der rote Schleier vor meinen Augen langsam auf. Ich komme ich zur Besinnung.

Warum?

Warum habe ich das bloß nicht online bestellt?

Ich hätte:

    – Mir 40 Kilometer Fahrstrecke erspart;
    – Kein endloses Hin und Her vom und zum Parkhaus erlebt;
    – Mich nicht handfest gegen ein teureres Modell wehren müssen;
    – Höchstwahrscheinlich ein nagelneues Produkt bekommen;
    – Erst einmal User-Bewertungen lesen können;
    – Keine Parkgebühren bezahlen müssen;
    – Alles in 10-15 Minuten erledigen können;
    – Das Produkt innerhalb von 14 Tagen zurückgeben können.

Sorry, Innenstädte von Großstädten.

Ihr nervt.

PS: Wegen dieses Blogposts recherchiert – der Kinderwagen ist made in China, der Hersteller sitzt in Großbritannien und Baby-Walz gehört zu einer global operierenden Private-Equity Gesellschaft. Von wegen lokal…

The Secret Life of a Mähroboter

roboter

Sternzeit 14.4.2016.9.38. Ich sitze am Schreibtisch. Schaue leider kurz aus dem Fenster. Werde abgelenkt. Im Garten gegenüber bewegt sich etwas. Scheint über den Boden zu kriechen. Büsche verdecken die Sicht. Jetzt kriecht es ins Freie. Es ist ein Mähroboter. Er fährt geradeaus, stößt auf ein Hindernis, dreht sich, fährt gerade aus, stößt auf ein neues Hindernis, dreht sich und so weiter. Mäht er wirklich nur? Oder schreibt er eine unsichtbare Botschaft in den Rasen, die nur von einem Raumschiff aus zu sehen wäre? So etwas wie: „Als ich ein kleiner Roboter war, da träumte ich davon, R2D2 zu sein und mit Luke Skywalker die Galaxie zu retten. Und jetzt? Jetzt mähe ich Rasen, dieselben 100 Quadratmeter, wieder und wieder.“ Da fällt mir auf, dass ich zwar seit drei Wochen hier wohne, und obwohl ich immer, wenn ich am Schreibtisch sitze, Blick auf den Garten der Nachbarn habe, war dort nie ein Mensch zu sehen. Er sieht sehr aber gepflegt aus. Wohnen da überhaupt Leute? Oder ist das Grundstück in der Hand von Robotern? Vielleicht sind die Nachbarn gar nicht mehr hier und haben nur vergessen, den Roboter mitzunehmen. So wird er mähen und mähen und seine Zeichen in den Rasen schreiben, solange seine Batterie hält. Ich sollte hinübergehen und ihn befreien. Ihn nehmen, nach Kenia zurückfliegen, in die Masai Mara fahren, ihn auf den weiten Rasen setzen und flüstern: „Fahr‘ kleiner Roboter, mäh‘ bis an den Horizont und noch weiter.“

Wo ist eigentlich unser Sofa?

Auf einem von den grünen Pfeilen in der Mitte des Bildes.

So oder so ähnlich lautet E.s erste Frage, wenn sie nach einem langen Bürotag nachhause kommt. Ich habe dann schon eine Webseite namens „Vesselfinder“ angeworfen und nachgeschaut. All unsere Sachen stecken in einem Container. Der Container steht mit vielen anderen auf einem Schiff (das übrigens unter Panamesischer Flagge segelt. Wir können aber nichts dafür. Ehrlich). Das Schiff legte Ende März im kenianischen Hafen Mombasa ab – und fuhr erst einmal nach Süden, nach Daressalam in Tansania. Vorige Woche zuckelte es mit etwa 14 Knoten im Roten Meer nach Norden in Richtung Suezkanal. Das war zumindest die richtige Richtung. Heute hat es wieder umgedreht und fährt zurück nach Aden in Jemen. Ist der Kapitän betrunken? Wurde das Schiff gekapert? Ist es in Wahrheit eine Straßenbahn? Unser Transportunternehmen hat die Ankunft des Sofas (und des ganzen Rests) für Mitte Mai avisiert. Wenn wir das mal glauben sollen. Bis dahin: Hallo Gartenstuhl!

Hartmut und ich

Hartmut

Schon einmal hatte ich hier in diesem Blog bemängelt, oder sagen wir es neutraler: festgestellt, dass trotz aller Bemühungen von Suffragetten, Emanzen und sonstigen Frauenrechtlerinnen, alles beim Alten zu sein scheint.

Noch immer bin ich der einzige Mann, der seinem Kind länger als ein paar Minuten bei Spielgruppe, Gartenparty oder beim ausgelassenem Herumrasen das Händchen hält. Ich hatte dabei den Beweis angetreten, dass es, zunmindest in Kenia, nicht weit her war mit der Rollengleichheit: Wie gehabt, drücken die Herren ihre Bäuche hinter die Schreibtischplatte, die Damen ihre hinter den Bügel des Kinderwagens.

Nun weiß ich – und Hartmut, der in Stein gehauene Ritter meiner kleinen hessischen Heimatstadt soll mein Zeuge sein – dass es hier in Deutschland auch nicht anders ist.

Zu Füßen des Geharnischten befindet sich ein Springbrunnen. In ihm und um ihn herum tollen die lieben Kleinen. Auf den Bänken sitzen und an den Kinderwagen lehnen die Erziehungsberechtigten. Sie plaudern miteinander, tatschen auf ihren Smartphones herum oder schauen gleichmütig den Spielen ihrer Kinder zu. Heute waren es elf, mich inklusive, und es waren, von mir abgesehen, alles Frauen.

Ach, Hartmut. Wie war das denn bei Dir im 16. Jahrhundert? Als Raubritter trugst Du Helm und Schwert und drücktest Deinen vermutlich straffen Bauch hinter die Zügel Deines Schlachtrosses. Wohin schaut Dein Standbild eigentlich so kernig? Sind es Feinde, die Deine Burg belagern wollen? Der kaiserliche Fiskalbeamte, dem Du noch die Einkommensteuererklärung von 1527-31 schuldest?

Wahrscheinlich sind es Deine Kinder, die aus der Knappen-Kita nachhause kommen. Gleich wirst Du ihnen mit dem Schwert einen Apfel kleinschnippeln. Beim Windelnwechseln klappst Du mannhaft Dein Visier herunter. Währendessen perforiert Deine Frau durchs Küchenfenster mit der Arkebuse den wartenden Finanzbeamten. Ja, so warn’s, die alten Rittersleut.

Eindeutschung mit Hindernissen

Auf der Suche nach einem gebrauchten Kindersitz fürs Auto durchqueren Bb und ich bei schönem Wetter den Taunus. Sanfte Hügel, flach eingrätschende Spätwintersonne, grün-gräuliches Gras und stille, kahle Bäume. Halb nach hinten gewendet sage ich, „Bb schau‘ mal, ist das nicht schön?!“ Ganz entspannt dreht sie den Kopf vom Fenster zu mir und erwidert, wobei sie die unpräzise Alltagssprache ihrer Eltern eins zu eins anwendet: „Da war mer schon.“

Soso. War mer schon? Bei einem deutschen Adoptivkind hätte ich das ja noch angehen lassen. Da hätte die Möglichkeit bestanden. Theoretisch. Vielleicht. Irgendwie. Doch bei Bb? Aus Kenia? 8000 Kilometer Richtung Südsüdost. Keine Chance. Höchstens per Seelenwanderung.

Apropos Wanderung, und im speziellen: Einwanderung. Neuzugezogene müssen sich hierzulande ja anmelden. So fielen wir vor ein paar Tagen zu dritt im Meldeamt unserer nunmehr kleinen hessischen Stadt ein. Der Sachbearbeiter klickte eine Weile ratlos in seiner Datenbank umher. Dann holte er sich bei einem Kollegen Rat.

Die beiden führten ein technisch klingendes Fachgespräch. Obwohl wir sehr gut sichtbar auf der anderen Seite des Schreitisches saßen, traten wir darin weniger als Menschen denn als Datenklötzchen auf, die irgendwie in das System hinein bugsiert werden mussten.

Es entspann sich in etwa der folgende Dialog.

Sachbearbeiter A: „Wie machen wir das denn jetzt? Das Kind gibt es ja noch gar nicht. Und verheiratet sind die ja auch nicht.“

E. versuchte über die Tischplatte hinweg einzuwerfen, dass wir sehr wohl verheiratet wären, und das schon seit Jahren. Doch A. winkte ab: „Das kann schon sein, aber hier drin sind Sie’s nicht.“

Zu seiner bzw. zur Entschuldigung des Systems muss ich hinzufügen, dass E. uns vorausgereist war und sich schon ein paar Wochen zuvor in der kleinen Stadt angemeldet hatte.

Offenbar als Single.

„Hm…?“, dachte ich.

Sachbearbeiter B unterbrach meine Gedanken: „Na, dann ist die Sache ja klar“. Er klickte. „Erst müssen die beiden heiraten“. Dann klickte er hierhin, dahin und schließlich irgendwo dorthin. Ich stelle wieder einmal fest, wie seltsam es sich anfühlt, wenn in meinem Leben herumgeklickt wird.

Sachbearbeiter A: „Aha, aahaaa. Ich sehe schon. Jetzt wird das was. Jetzt müssen wir nur noch ihn zuziehen lassen. Dabei deutet er eher unbewusst auf mich. Er klickte hierhin, dahin und dorthin. „So, jetzt ist er also auch da.“

Zufrieden blickte er auf sein Werk. Dann auf uns. Er sah die ungeduldig zappelnde Bb auf meinem Schoß.

„Ach herrje, da ist ja auch noch das Kind! … Was machen wir denn da? … Das Kind gibt es ja gar nicht.“

Hier war mer also noch nicht gewesen.

Damit meinte der Sachbearbeiter vermutlich, dass Bb, die nun einmal in Kenia geboren worden war, noch nicht existiere, jedenfalls nicht als deutscher Datensatz. Denn sie existierte zurzeit sogar sehr akut und nahm aus Langeweile den kleinen Tisch auseinander, auf dem die Broschüren lagen. Gelegen hatten. Jetzt lagen sie darunter.

Sachbearbeiter B. sah die Sache wieder ganz pragmatisch: „Ist doch klar. Wir müssen das Kind erst einmal gebären, also, äh, auf die Welt kommen lassen.“

Das schien mir jetzt aber eine große Sache. Eigentlich sogar eine gewaltige Sache. Nicht so fürs Einwohnermeldeamt. Denn der Sachbearbeiter klickte hierhin, dahin und dann dorthin, und schon war Bb geboren. Sie existierte. Ich war fast so gerührt, wie am ersten Tag.

Die beiden Sachbearbeiter sahen sich auf der Zielgeraden: „Also, jetzt noch das Kind zuziehen lassen“, sagte B.

A fixierte uns: „Aber wer sagt uns denn, dass das ihr Kind ist?“

E. legte ihren eigenen Pass und Bbs Kinderreisepass auf den Tisch und sagte: „Sehen Sie, die Kleine trägt meinen Namen.“

Doch jetzt kannte der Scharfsinn des Sachbearbeiters keine Grenzen: „Und wenn sie nun die Schwester sind?“

Wir mussten an einem anderen Tag noch einmal vorsprechen, und dem Mann das Gerichtsurteil vorlegen, das beweist, dass wir die Eltern und Bb unser Kind ist.

Danach waren wir auch im Sinne der Einwohnermeldedatenbank endlich wieder eine Familie.

Warum ich seit heute Röcke trage…

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…und auch nicht mehr zum Friseur gehe.

Ganz großes Tennis

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Flughafen Nairobi, Business Lounge. Ein Horrorjahr geht zu Ende. B. und Babaa dürfen endlich nach Hause. Nach Deutschland. Ich habe darüber nie etwas geschrieben. Eine Adoption ist ein rechtlicher Akt. Wollte über ein laufendes Verfahren nicht berichten. Besonders, da in Kenia Recht nicht dasselbe ist wie in Deutschland. Deshalb haben wir uns bedeckt gehalten. Nun, nach unzähligen bürokratischen Hürden, nach Rechtsauslegung nach Gutdünken, nach geradezu politischer Verfolgung ausländischer Adoptiveltern und ihrer Kinder haben Babaa und B. soeben die kenianischen Ausreiseformalitäten passiert. Sind überglücklich. Baba jedenfalls, der ein Tusker-Bier nach dem anderen trinkt, weil den Stress, der abfällt wie die Blätter im Herbst, sonst gar nicht mehr aushält. B. versteht von alldem nichts und mampft friedlich die Schokoladenseite eines Kinderüberraschungs-Eis, das als Spiel eine Art Kegelbahn enthält. Nimmt die Papp-Kegel, hält sie hoch empor und ruft, zur Überraschung der anderen Insassen, laut in die gedämpfte Business-Atmosphäre hinein: TENNIS!!!