Irgendwie anders

frozen

Letztens schickte mir der Kindergarten eine Mail. Es würde jetzt wärmer werden. Eltern sollten darauf achten, ihre Kinder immer gut vor der Sonne zu schützen. Also eincremen, Mütze auf, und einfach nicht zu lange in der Sonne sein.

Das nenne ich Service! Denn Jahreszeiten gab es Kenia nicht so viele. Eigentlich nur zwei. Die warme und die regnerische. Es hätte also durchaus sein können, dass wir den drohenden Sommer hierzulande übersehen würden.

Und wenn schon. Ich erlaube mir ein stilles Lächeln. Wenn die kleine Bb auf etwas hierzulande gut vorbereitet ist, dann ist es das bisschen Sonne. Die 1758 Sonnen-Stunden in Frankfurt im Jahr (in Nairobi sind es 2464) steckt sie locker weg.

Und sonst?

Gestern beim Kindergeburtstag gewesen. Motto-Party. Frozen*. Wer’s nicht kennt, hier die Kurzanalyse von einer meiner Lieblings-Kritiker-Seiten, rogerebert.com: „…will die Konventionen des typischen Disney-Prinzessinnen Films wiederbeleben, zugleich über den Haufen werfen und dabei die ästhetischen Bedingungen für maximales Merchandising erfüllen.“

Yep.

Ich habe den Film gesehen. Ich habe während meiner fünf Jahre in Kenia alle Filme gesehen. Alle? Ja, alle. Außerdem schaue ich tatsächlich gerne Animationsfilme. Zu meinen Favoriten gehören „Spirited Away“, „Up“, „Ghost in the Shell“ (ok, keine Animation), „The Incredibles“ und „Bolt“ – vor allem wegen des großartigen Sidekicks, ein Hamster namens Rhino.

Es liegt also nicht an einer generellen Abscheu vor Animationsfilmen, dass ich Frozen eher lahm fand. Vor allem die Songs. Was eher schlecht ist, denn wenn etwas an Disney-Filmen gut zu sein hat, sind es die Songs.

Die Zwillinge, zu deren Party die kleine Bb nun eingeladen war, teilten meine Meinung offenbar nicht. Denn es gab Frozen-Kuchen, Frozen-Kekse, Frozen-Teller, Frozen-Tassen, Frozen-Löffel und Frozen-Songs. Und einen Frozen-Live-Auftritt.

Irgendwann mussten sich alle Kinder im Wohnzimmer versammeln. Ein kleiner Lautsprecher wurde aufgebaut, ein Frozen-Song angeschaltet. Während sie warteten, rätselten die Kinder, was nun passieren würde. Eines sagte, vielleicht käme jetzt der Weihnachtsmann durch die Türe. „Oder der Osterhase“, warf ich ein, wurde aber sofort von mehreren Vierjährigen belehrt, das sei Quatsch, der wäre ja erst kürzlich da gewesen.

Die Flügeltüre öffnete sich. Herein kam die Prinzessin. Die mit den silbernen Haaren, dem blauen Kleid, die tragische, eisige – Elsa. Diese Elsa war allerdings etwa eins Achtzig groß und 25 Jahre zu alt. Sie tanzte, schwenkte ihr Glitzerkleid und bewegte den Mund zum Playback.

Später durften sich alle Kinder von ihr schminken lassen. Soweit ich mich erinnere wollten alle Prinzessin sein. Gut, dass es bei Frozen gleich zwei davon gibt.

Dann kam Bb an die Reihe, die sich während des Songs die ganze Zeit die Ohren zugehalten hatte. Sehr zur Überraschung aller anderen teilnehmenden Kinder und Mütter (muss ich erwähnen, dass ich der einzige Mann auf der Party war?) wollte sie eine Gazelle sein.

Auch die schminkende Ex-Prinzessin schien überfordert. Sie konnte ja nicht wissen, dass Besucher in Kenia uns einst ein Stofftier mitgebracht hatten. Es war ein Elch und Bb, die dafür spontan eine passende Bezeichnung suchte, entnahm ihrem noch kleinen, lokal geprägten Erfahrungsschatz die nächstliegende: Gazelle.

Ich übersetzte. Als die Schminkende auf ihrem Handy nachschlagen musste, ob Sven (der Elch) eigentlich Schnurrhaare hat, verlor Bb die Geduld, hopste vom Stuhl und aß noch eine rosa-glitzernde Gummimaus.

Während ich ihr zusah, dachte ich hoffnungsvoll darüber nach, ob uns vielleicht die Prinzessinnenphase erspart bliebe. Falls nicht, wird es in diesem Blog demnächst Beiträge mit Titeln wie diesem geben – „Rosa, Prinzessin….ahhhh wie lange dauerte die bei euch an?“, den ich gerade in einem Eltern-Forum gefunden habe.

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* Und hier die deutschen Filmtitel:

Frozen = Die Eiskönigin – Völlig unverfroren
Spirited Away = Chihiros Reise ins Zauberland
Up = Oben
Ghost in the Shell = siehe links
The Incredibles = Die Unglaublichen
Bolt = Bolt: Ein Hund für alle Fälle

Lob des stationären Handels. Nicht.

Eigentlich wollte ich ab sofort nett sein. Wollte den stationären Handel nicht bashen. Nach meiner Rückkehr aus Afrika bodenständig werden. Amazon & Co. abschwören. Nicht mehr global, sondern regional oder lokal einkaufen. Doch dann fuhr ich mit dem Auto und der dreijährigen Bb auf dem Rücksitz nach Frankfurt, und alles kam ganz anders.

Eine Freundin, die auch in meiner neuen kleinen hessischen Heimatstadt wohnt, schimpfte ganz fürchterlich mit mir. Beiläufig hatte ich erwähnt, dass ich unsere neue Miele-Waschmaschine im Online-Handel erstanden hatte. „Pfui“, sagte sie, „hier gibt es doch einen Fachhändler direkt im Ort. Stopf‘ doch den Großkonzernen nicht das Geld in den Hals!“

Da hatte sie Recht.

Ich schämte mich sehr.

Und wollte die Sache bei nächster Gelegenheit wiedergutmachen.

Die dreijährige Bb wird tagsüber doch hin und wieder noch müde. Also beschließe ich eines Tages, einen Kinder-Buggy zu kaufen. Die schimpfende Freundin im Sinn, fahre ich mit der hellwachen und laut singenden Bb auf dem Rücksitz („Igelchen, Igelchen, schau‘ mal ins Spiegelchen…“) nach Frankfurt zu Baby-Walz.

Warum mit dem Auto? Weil in der Innenstadt gerade der S-Bahn-Tunnel renoviert wird und deshalb während der Osterferien gesperrt ist. Wir wären nur auf Umwegen und mit zwei Mal Umsteigen ans Ziel gekommen. Mit einem Kleinkind im Schlepptau? Ohne Buggy (den wollten wir gerade erst kaufen)? Muss nicht sein.

Das Navigationssystem sagt: „Geh‘ parken im Karstadt.“ Mache ich. Von der Parkebene im Erdgeschoss wandern wir durch einen Tunnel und landen im Supermarkt im Untergeschoss. Fragt mich, wie das geht. Die Rolltreppe rauf, die Bb immer mit einem großen Sprung und unter „Uiii“-Rufen meistert, zur Straßenebene. Wo geht’s hier zur Fußgängerzone? Ich sehe nichts außer übermannshohen Werbeplakaten für Parfüm und Hautpflege.

Endlich der richtige Ausgang. Um die Ecke zu Babywalz. Große Auswahl an Kinderwagen und -buggys. Eine Verkäuferin zeigt mit Modelle zwischen 100 und 200 Euro. Ich erinnere mich daran, dass ein Freund auf die Marke Maclaren schwörte. Mache den Fehler, dies der Verkäuferin gegenüber zu erwähnen.

Rrriiing!

LUXUSALARM!!!

Die Augen der Frau leuchten wie beim Terminator.

Sie zeigt mir die Maclarens, ab 380 Euro aufwärts. Ich sage, naja, das sei dann vielleicht doch zu teuer. Schließlich bräuchten wir das Gefährt nicht mehr lange. Bb ist ja schon drei Jahre alt. Aber die Verkäuferin hat sich festgebissen. Kiefern wie Stahlwerke. Das zuvor gezeigte Produkt, das eben noch gut war, wird nun schlechtgemacht. Der Maclaren sei doch qualitativ um so vieles besser. Ich wehre mich mit Händen und Füßen.

Nein. Doch. Nein. Doch.

Eine andere Kundin in gesteppter Daunenjacke mit Pelzkrägelchen entscheidet sich für einen Maclaren. Ich habe keinen Pelzkragen. Dafür ein müdes Kind. Bleibe beim billigeren Buggy. Auf dem Weg zur Kasse fühle ich den verächtlichen Blick der Verkäuferin im Rücken. Dort sage ich, „Sie brauchen ihn nicht einzupacken, wir nehmen ihn gleich so.“ Es stellt sich heraus, dass sowieso nur noch das Vorführmodell da ist. Ich hätte aber gerne einen neuen. Neu gibt’s nur den Maclaren. So ein Zufall.

Aber Bb sitzt schon drin im Kinderwagen. Die Augen fallen ihr zu. Also zahle ich und verlasse den Laden. Wo geht’s nochmal zum Parkhaus? Es nieselt. Bb zieht im Halbschlaf den Regenschutz zu. Schnell rein in den Karstadt. Rolltreppe geht nicht mehr wegen Kinderwagen. Wo ist der Lift? Irgendwo ganz hinten. Runter in den Supermarkt, den Tunnel entlang, durch die Türe ins Parkhaus.

Kein Kassenautomat. Ich irre ein paar Minuten umher. Bb quengelt: „Brezel haben!“ Zurück durch den Tunnel in den unterirdischen Karstadt-Supermarkt. Frage eine Kassiererin nach dem Kassenautomaten. Den gäbe es nur im ersten Stock.

Ich kalkuliere: Soll ich den ganzen Weg zurück zum Lift, und eine Etage höher dann wieder zurück, und nach Bezahlen dasselbe noch einmal? Nein. Ich gehe zum xten Mal den Tunnel entlang. Immerhin ist direkt neben der Türe zur Parkgarage eine Treppe. Ächzend schleppe ich Kinderwagen samt Kind hinauf.

Zum Dank möchte der Parkautomat von mir mehrere Euro. Für eine Stunde und fünf Minuten. Mit Kinderwagen samt Kind die Treppe wieder runter. Abwärts geht‘s deutlich leichter.

Am Auto: Kind, wie erwähnt müde, will nicht aus dem Kinderwagen in ihren Kindersitz. Quengelt. Wehrt sich. Es kommt zum Handgemenge. Parkschein fällt herunter und weht unters Auto. Stopfe Kind in Sitz. Kind schreit. Die Stahlbetonwände hallen schrill. Kniee schwitzend im Dreck und angle nach Parkschein unter dem Auto.

Endlich im Auto. Raus aus dem Parkhaus. Drei Ampeln später löst sich der rote Schleier vor meinen Augen langsam auf. Ich komme ich zur Besinnung.

Warum?

Warum habe ich das bloß nicht online bestellt?

Ich hätte:

    – Mir 40 Kilometer Fahrstrecke erspart;
    – Kein endloses Hin und Her vom und zum Parkhaus erlebt;
    – Mich nicht handfest gegen ein teureres Modell wehren müssen;
    – Höchstwahrscheinlich ein nagelneues Produkt bekommen;
    – Erst einmal User-Bewertungen lesen können;
    – Keine Parkgebühren bezahlen müssen;
    – Alles in 10-15 Minuten erledigen können;
    – Das Produkt innerhalb von 14 Tagen zurückgeben können.

Sorry, Innenstädte von Großstädten.

Ihr nervt.

PS: Wegen dieses Blogposts recherchiert – der Kinderwagen ist made in China, der Hersteller sitzt in Großbritannien und Baby-Walz gehört zu einer global operierenden Private-Equity Gesellschaft. Von wegen lokal…

The Secret Life of a Mähroboter

roboter

Sternzeit 14.4.2016.9.38. Ich sitze am Schreibtisch. Schaue leider kurz aus dem Fenster. Werde abgelenkt. Im Garten gegenüber bewegt sich etwas. Scheint über den Boden zu kriechen. Büsche verdecken die Sicht. Jetzt kriecht es ins Freie. Es ist ein Mähroboter. Er fährt geradeaus, stößt auf ein Hindernis, dreht sich, fährt gerade aus, stößt auf ein neues Hindernis, dreht sich und so weiter. Mäht er wirklich nur? Oder schreibt er eine unsichtbare Botschaft in den Rasen, die nur von einem Raumschiff aus zu sehen wäre? So etwas wie: „Als ich ein kleiner Roboter war, da träumte ich davon, R2D2 zu sein und mit Luke Skywalker die Galaxie zu retten. Und jetzt? Jetzt mähe ich Rasen, dieselben 100 Quadratmeter, wieder und wieder.“ Da fällt mir auf, dass ich zwar seit drei Wochen hier wohne, und obwohl ich immer, wenn ich am Schreibtisch sitze, Blick auf den Garten der Nachbarn habe, war dort nie ein Mensch zu sehen. Er sieht sehr aber gepflegt aus. Wohnen da überhaupt Leute? Oder ist das Grundstück in der Hand von Robotern? Vielleicht sind die Nachbarn gar nicht mehr hier und haben nur vergessen, den Roboter mitzunehmen. So wird er mähen und mähen und seine Zeichen in den Rasen schreiben, solange seine Batterie hält. Ich sollte hinübergehen und ihn befreien. Ihn nehmen, nach Kenia zurückfliegen, in die Masai Mara fahren, ihn auf den weiten Rasen setzen und flüstern: „Fahr‘ kleiner Roboter, mäh‘ bis an den Horizont und noch weiter.“

Wo ist eigentlich unser Sofa?

Auf einem von den grünen Pfeilen in der Mitte des Bildes.

So oder so ähnlich lautet E.s erste Frage, wenn sie nach einem langen Bürotag nachhause kommt. Ich habe dann schon eine Webseite namens „Vesselfinder“ angeworfen und nachgeschaut. All unsere Sachen stecken in einem Container. Der Container steht mit vielen anderen auf einem Schiff (das übrigens unter Panamesischer Flagge segelt. Wir können aber nichts dafür. Ehrlich). Das Schiff legte Ende März im kenianischen Hafen Mombasa ab – und fuhr erst einmal nach Süden, nach Daressalam in Tansania. Vorige Woche zuckelte es mit etwa 14 Knoten im Roten Meer nach Norden in Richtung Suezkanal. Das war zumindest die richtige Richtung. Heute hat es wieder umgedreht und fährt zurück nach Aden in Jemen. Ist der Kapitän betrunken? Wurde das Schiff gekapert? Ist es in Wahrheit eine Straßenbahn? Unser Transportunternehmen hat die Ankunft des Sofas (und des ganzen Rests) für Mitte Mai avisiert. Wenn wir das mal glauben sollen. Bis dahin: Hallo Gartenstuhl!

Hartmut und ich

Hartmut

Schon einmal hatte ich hier in diesem Blog bemängelt, oder sagen wir es neutraler: festgestellt, dass trotz aller Bemühungen von Suffragetten, Emanzen und sonstigen Frauenrechtlerinnen, alles beim Alten zu sein scheint.

Noch immer bin ich der einzige Mann, der seinem Kind länger als ein paar Minuten bei Spielgruppe, Gartenparty oder beim ausgelassenem Herumrasen das Händchen hält. Ich hatte dabei den Beweis angetreten, dass es, zunmindest in Kenia, nicht weit her war mit der Rollengleichheit: Wie gehabt, drücken die Herren ihre Bäuche hinter die Schreibtischplatte, die Damen ihre hinter den Bügel des Kinderwagens.

Nun weiß ich – und Hartmut, der in Stein gehauene Ritter meiner kleinen hessischen Heimatstadt soll mein Zeuge sein – dass es hier in Deutschland auch nicht anders ist.

Zu Füßen des Geharnischten befindet sich ein Springbrunnen. In ihm und um ihn herum tollen die lieben Kleinen. Auf den Bänken sitzen und an den Kinderwagen lehnen die Erziehungsberechtigten. Sie plaudern miteinander, tatschen auf ihren Smartphones herum oder schauen gleichmütig den Spielen ihrer Kinder zu. Heute waren es elf, mich inklusive, und es waren, von mir abgesehen, alles Frauen.

Ach, Hartmut. Wie war das denn bei Dir im 16. Jahrhundert? Als Raubritter trugst Du Helm und Schwert und drücktest Deinen vermutlich straffen Bauch hinter die Zügel Deines Schlachtrosses. Wohin schaut Dein Standbild eigentlich so kernig? Sind es Feinde, die Deine Burg belagern wollen? Der kaiserliche Fiskalbeamte, dem Du noch die Einkommensteuererklärung von 1527-31 schuldest?

Wahrscheinlich sind es Deine Kinder, die aus der Knappen-Kita nachhause kommen. Gleich wirst Du ihnen mit dem Schwert einen Apfel kleinschnippeln. Beim Windelnwechseln klappst Du mannhaft Dein Visier herunter. Währendessen perforiert Deine Frau durchs Küchenfenster mit der Arkebuse den wartenden Finanzbeamten. Ja, so warn’s, die alten Rittersleut.

Eindeutschung mit Hindernissen

Auf der Suche nach einem gebrauchten Kindersitz fürs Auto durchqueren Bb und ich bei schönem Wetter den Taunus. Sanfte Hügel, flach eingrätschende Spätwintersonne, grün-gräuliches Gras und stille, kahle Bäume. Halb nach hinten gewendet sage ich, „Bb schau‘ mal, ist das nicht schön?!“ Ganz entspannt dreht sie den Kopf vom Fenster zu mir und erwidert, wobei sie die unpräzise Alltagssprache ihrer Eltern eins zu eins anwendet: „Da war mer schon.“

Soso. War mer schon? Bei einem deutschen Adoptivkind hätte ich das ja noch angehen lassen. Da hätte die Möglichkeit bestanden. Theoretisch. Vielleicht. Irgendwie. Doch bei Bb? Aus Kenia? 8000 Kilometer Richtung Südsüdost. Keine Chance. Höchstens per Seelenwanderung.

Apropos Wanderung, und im speziellen: Einwanderung. Neuzugezogene müssen sich hierzulande ja anmelden. So fielen wir vor ein paar Tagen zu dritt im Meldeamt unserer nunmehr kleinen hessischen Stadt ein. Der Sachbearbeiter klickte eine Weile ratlos in seiner Datenbank umher. Dann holte er sich bei einem Kollegen Rat.

Die beiden führten ein technisch klingendes Fachgespräch. Obwohl wir sehr gut sichtbar auf der anderen Seite des Schreitisches saßen, traten wir darin weniger als Menschen denn als Datenklötzchen auf, die irgendwie in das System hinein bugsiert werden mussten.

Es entspann sich in etwa der folgende Dialog.

Sachbearbeiter A: „Wie machen wir das denn jetzt? Das Kind gibt es ja noch gar nicht. Und verheiratet sind die ja auch nicht.“

E. versuchte über die Tischplatte hinweg einzuwerfen, dass wir sehr wohl verheiratet wären, und das schon seit Jahren. Doch A. winkte ab: „Das kann schon sein, aber hier drin sind Sie’s nicht.“

Zu seiner bzw. zur Entschuldigung des Systems muss ich hinzufügen, dass E. uns vorausgereist war und sich schon ein paar Wochen zuvor in der kleinen Stadt angemeldet hatte.

Offenbar als Single.

„Hm…?“, dachte ich.

Sachbearbeiter B unterbrach meine Gedanken: „Na, dann ist die Sache ja klar“. Er klickte. „Erst müssen die beiden heiraten“. Dann klickte er hierhin, dahin und schließlich irgendwo dorthin. Ich stelle wieder einmal fest, wie seltsam es sich anfühlt, wenn in meinem Leben herumgeklickt wird.

Sachbearbeiter A: „Aha, aahaaa. Ich sehe schon. Jetzt wird das was. Jetzt müssen wir nur noch ihn zuziehen lassen. Dabei deutet er eher unbewusst auf mich. Er klickte hierhin, dahin und dorthin. „So, jetzt ist er also auch da.“

Zufrieden blickte er auf sein Werk. Dann auf uns. Er sah die ungeduldig zappelnde Bb auf meinem Schoß.

„Ach herrje, da ist ja auch noch das Kind! … Was machen wir denn da? … Das Kind gibt es ja gar nicht.“

Hier war mer also noch nicht gewesen.

Damit meinte der Sachbearbeiter vermutlich, dass Bb, die nun einmal in Kenia geboren worden war, noch nicht existiere, jedenfalls nicht als deutscher Datensatz. Denn sie existierte zurzeit sogar sehr akut und nahm aus Langeweile den kleinen Tisch auseinander, auf dem die Broschüren lagen. Gelegen hatten. Jetzt lagen sie darunter.

Sachbearbeiter B. sah die Sache wieder ganz pragmatisch: „Ist doch klar. Wir müssen das Kind erst einmal gebären, also, äh, auf die Welt kommen lassen.“

Das schien mir jetzt aber eine große Sache. Eigentlich sogar eine gewaltige Sache. Nicht so fürs Einwohnermeldeamt. Denn der Sachbearbeiter klickte hierhin, dahin und dann dorthin, und schon war Bb geboren. Sie existierte. Ich war fast so gerührt, wie am ersten Tag.

Die beiden Sachbearbeiter sahen sich auf der Zielgeraden: „Also, jetzt noch das Kind zuziehen lassen“, sagte B.

A fixierte uns: „Aber wer sagt uns denn, dass das ihr Kind ist?“

E. legte ihren eigenen Pass und Bbs Kinderreisepass auf den Tisch und sagte: „Sehen Sie, die Kleine trägt meinen Namen.“

Doch jetzt kannte der Scharfsinn des Sachbearbeiters keine Grenzen: „Und wenn sie nun die Schwester sind?“

Wir mussten an einem anderen Tag noch einmal vorsprechen, und dem Mann das Gerichtsurteil vorlegen, das beweist, dass wir die Eltern und Bb unser Kind ist.

Danach waren wir auch im Sinne der Einwohnermeldedatenbank endlich wieder eine Familie.

Warum ich seit heute Röcke trage…

parkplatz

…und auch nicht mehr zum Friseur gehe.

Ganz großes Tennis

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Flughafen Nairobi, Business Lounge. Ein Horrorjahr geht zu Ende. B. und Babaa dürfen endlich nach Hause. Nach Deutschland. Ich habe darüber nie etwas geschrieben. Eine Adoption ist ein rechtlicher Akt. Wollte über ein laufendes Verfahren nicht berichten. Besonders, da in Kenia Recht nicht dasselbe ist wie in Deutschland. Deshalb haben wir uns bedeckt gehalten. Nun, nach unzähligen bürokratischen Hürden, nach Rechtsauslegung nach Gutdünken, nach geradezu politischer Verfolgung ausländischer Adoptiveltern und ihrer Kinder haben Babaa und B. soeben die kenianischen Ausreiseformalitäten passiert. Sind überglücklich. Baba jedenfalls, der ein Tusker-Bier nach dem anderen trinkt, weil den Stress, der abfällt wie die Blätter im Herbst, sonst gar nicht mehr aushält. B. versteht von alldem nichts und mampft friedlich die Schokoladenseite eines Kinderüberraschungs-Eis, das als Spiel eine Art Kegelbahn enthält. Nimmt die Papp-Kegel, hält sie hoch empor und ruft, zur Überraschung der anderen Insassen, laut in die gedämpfte Business-Atmosphäre hinein: TENNIS!!!

Juhu, mein Kind ist schlau!

affe

Jeder freut sich, wenn das eigene Kind eine gewisse Intelligenz erkennen lässt. Oh, es kann eine quadratische Form in die dafür vorgesehene Vertiefung eines pädagogisch wertvollen Holzspielzeugs stecken und dazu noch „passt rein!“ rufen. Ah, es sagt auf die Frage, welche Farbe die Jackes des Mannes da auf der Straße hat, völlig korrekt: „rot“. Und es antwortet auf die Frage, wo Mama gerade ist (die sich auf einer Dienstreise befindet): „Mama Frankfurt. Bringt Schokolade mit.“

Soweit, so schön.

Seit heute morgen platze ich aber vor Stolz.

B. sitzt am Tischende und spielt mit Memory-Karten. Ich sitze ebenfalls am Tisch, zwischen ihr und dem Fenster, und lese auf dem Laptop Spiegel-Online.

Auf einmal ruft sie: „Affe“.

Ich erschrecke in bisschen, weil wir in unserem Haus tatsächlich hin und wieder Besuch eines aufsässigen Primaten hatten. Ich schaue zum Fenster und erwarte, das freche Tier fröhlich an den Gittern baumeln zu sehen. Ist aber kein Affe da.

Ich drehte mich zu B. und frage: „Wo denn?“

„Na, da“, sagt sie und deutet mit dem Finger geradeaus.

Am Fenster ist aber nichts. Dann wird mir klar, sie meint den Laptop. Ich gucke auf den Bildschirm, aber auch der scheint affenfrei.

Am unteren Rand sind zwei Prominente zu sehen, links der Fußballtrainer Jürgen Klopp, rechts der Unternehmer, Milliardär und Bewerber für die US-Präsidentschaftskandidatur Donald Trump.

„Affe“ wiederholt B. energisch und deutet wieder mit dem Finger.

Ein Verdacht keimt.

Ich zeige auf das Bild von Jürgen Klopp.

„Der da?“

„Nein, ist Mann“, widerspricht B. und deutet weiter mit dem Finger.

Mein Verdacht konkretisiert sich.

„Der da?“, frage ich und zeige auf das Bild von Donald Trump.

„Ja. Affe.“

„Schätzchen, Du bist die Beste!“

„Ja, Babaa“, sagt B. und spielt weiter Memory.

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PS: Hinweis an Herrn Trump: Selbstverständlich würde ich Sie selbst niemals mit einem Affen vergleichen. Das würde weder Ihnen noch dem Affen gerecht werden und wäre in jeder Hinsicht unhöflich. Abgesehen davon hat das – wie ich gerade sehe – schon jemand anders getan: TV-Moderator bezeichnet Donald Trump als Orang-Utan.

So toll ist das Erwachsen werden

Beim Doktor ist sich jeder selbst der Nächste.

Alle sind meine Feinde. Sogar Babaa hat sich gegen mich gewendet. Nachdem er mich vom Kindergarten abgeholt hatte, bogen wir an der Kreuzung anders ab als sonst. Da habe ich gefragt „anders fahrn?“ Und Babaa hat nur gemurmelt, „ja, heute fahren wir woanders hin“.

Er hatte mir wie üblich einen kleinen Apfelsaft für die Fahrt mitgebracht, hat ihn mir geradezu aufgedrängt. Da hätte ich misstrauisch werden müssen. Aber für echtes Misstrauen bin ich wohl einfach noch zu klein. Wird Zeit, dass ich erwachsen werde.

Der Apfelsaft hat gut geschmeckt. Wir fuhren und fuhren, und irgendwann kam mir eine Straße bekannt vor. Das war die, die entweder zu meinem Freund Georgieboy führt, oder zum Doktor. Von Georgieboy hatte Babaa nichts gesagt. Ich ahnte Schlimmes und sagte vorsichtshalber, „kein Doktor?!“ Da rückte Babaa endlich mit der Wahrheit heraus und sagte, „nur ein kleines bisschen.“

Wir parkten und stiegen aus dem Auto. Auf dem Weg in die Praxis legte mich Babaa noch einmal rein und ließ mich die Knöpfe am Fahrstuhl drücken. Als wir im ersten Stock ankamen, war es natürlich zu spät. Ich lief zwar so langsam ich konnte, aber Babaa nahm mich einfach auf die Schultern. Der kennt wirklich alle Tricks. Klar machte das Spaß, und ehe ich mich’s versah, waren wir auch schon beim Doktor durch die Türe.

Da kam schon diese Arzthelferin vorbei, die mir letztes Mal die Spritzen in die Oberschenkel gegeben hat. Miststück. Eine links, eine rechts, und das obwohl ich doch ausdrücklich gesagt hatte, „kein Aua, kein Aua.“ Die soll mir mal im Dunkeln begegnen.

Erst musste ich dort warten, wo das Spielzeug liegt und der Fernseher an der Decke hängt. Immerhin etwas. Dann sagte Babaa, ich sollte mal mitkommen. Mitkommen, na klar. Kenne ich ja von zuhause. Und bin gleich wieder drauf reingefallen. Ich bin ja so naiv.

Wir gingen in den Behandlungsraum. Kaum waren wir drin, kam die Arzthelferin rein. Als sie sich die Plastikhandschuhe anzog, wusste ich, was hier gespielt wird. Ich natürlich sofort zur Tür, aber Babaa hielt mich fest und faselte irgendetwas, das ist gut für Dich, sonst kriegst Du Masern, Windpocken, Mumps und solches Zeug.

Kenne ich nicht, brauche ich nicht, und ist mir egal. Diese Spritzen sind echt kein Spaß für so ein Baby wie mich. Dass Babaa sagt, das sei alles gar nicht so schlimm, ich sei ja schließlich schon groß und stark, kann er sich auch sparen. Abends geht das nämlich genau andersherum. Ich sei doch noch so klein und müsste jetzt schlafen gehen. Ganz, wie es ihm in den Kram passt, dem Herrn Babaa.

Ende vom Lied: zwei Spritzen habe ich abbekommen, eine links, eine rechts. Ich brüllte laut, die Schwester lachte sogar, die blöde Kuh, und Babaa sagt, „na, so schlimm war’s doch gar nicht, oder?“ Er hat zwar Recht, es tut schon gar nicht mehr weh, aber darum geht es hier nicht, sondern ums Prinzip.

Jedenfalls habe ich ihm dann knallhart Bescheid gesagt. Dass ich jetzt sofort hier raus will, und zwar vor den Fernseher, da bei den Spielsachen. Normalerweise ist er beim Fernsehen gucken ein bisschen geizig, aber jetzt war er weich wie Butter. Hat wohl ein schlechtes Gewissen. Den Trick muss ich mir merken.

Nach einer Weile ist es mir doch langweilig geworden. Ich war da ganz allein, keine anderen Kinder da. Na, kein Wunder, bei dem Service hier! Babaa hing am Tresen herum und schwatzte mit der Sprechstundenhilfe. Irgendetwas mit „neuer Termin“ habe ich verstanden, aber leider weiß ich nicht, was ein Termin ist.

Ich durfte wieder auf die Schultern, die Knöpfe am Fahrstuhl drücken, im Auto war noch ein Rest Apfelsaft, wir sangen „Von den blauen Bergen kommen wir…“ zusammen, und wenn es mir zu schnell ging, sagte ich „lamsam Babaa“, weil er immer so flott fährt.

Ist insgesamt kein schlechter Kerl, kann auch super Spaghetti mit Tomatensoße kochen. Nur bei der Sache mit dem Doktor, da werde ich in Zukunft besser aufpassen müssen. Ich glaube, das nennt man Misstrauen. Erwachsen werden – here I come. Keine Minute zu früh, ich bin ja schließlich bald drei.